Fritz Reuter Bühne in Schwerin Plattdeutsches Theater wird 90 Jahre alt

Von dpa

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Wird in Schwerin hochgehalten: Vor dem bekanntesten Porträtbild von Heinrich Ludwig Christian Friedrich (Fritz) Reuter zeigt die Mitarbeiterin des Literaturmuseums von Stavenhagen, Brigitte Meyer, das originale Doktordiplom des Mundartdichters. Foto: dpaWird in Schwerin hochgehalten: Vor dem bekanntesten Porträtbild von Heinrich Ludwig Christian Friedrich (Fritz) Reuter zeigt die Mitarbeiterin des Literaturmuseums von Stavenhagen, Brigitte Meyer, das originale Doktordiplom des Mundartdichters. Foto: dpa

Schwerin. Heidi Kabel, Henry Vahl, Marga Heiden – die Altstars des Plattdeutsch-Schauspiels sind auch außerhalb des Nordens bekannt. Zwei Profi-Ensembles gibt es in Deutschland: Das Ohnsorg-Theater in Hamburg und die Fritz-Reuter-Bühne in Schwerin. Letztere wird 90.

„Von Iesgang frie sünd Strom un Bäken...“ Rolf Petersen liebt die Poesie der niederdeutschen Sprache, hier in der ersten Zeile von Goethes „Osterpaziergang“ up Platt. In diesem Jahr hat der Direktor der Fritz-Reuter-Bühne am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin besonders häufig Gelegenheit, für sin Spraak eine Lanze zu brechen – das Ensemble begeht sein 90-jähriges Jubiläum.

Bundesweit gibt es zwei plattdeutsche Profi-Schauspieltruppen: das Ohnsorg-Theater in Hamburg und die Fritz-Reuter-Bühne in Schwerin. Gegründet am 26. November 1926, ist die Reuter-Bühne etwas jünger als ihr „großer Bruder“ an der Elbe, der bereits 1902 als „Dramatische Gesellschaft“ begann. Sie ist auch deutschlandweit weniger bekannt, weil die westdeutschen Ohnsorg-Fernsehübertragungen, jahrzehntelang zur besten Sendezeit, für die Reuter-Bühne hinter dem Eisernen Vorhang ausfielen.

Die Annalen berichten durchaus von Bemühungen: So wollte der NDR 1978 eine Aufzeichnung aus Schwerin zeigen. Nach langem Tauziehen konnte schließlich der Schwank „Vadder hett ne Fründin“ mit Marga Heiden in einer ihrer Paraderollen vom Fernsehen der DDR übernommen werden. Zwei weitere Inszenierungen sollten folgen. Das war alles.

Heidi Kabel des Ostens

Marga Heiden (1921-2013) gilt als die Heidi Kabel des Ostens. Die Mutter von Schauspielerin Katrin Sass war Publikumsmagnet in Dutzenden Inszenierungen der Fritz-Reuter-Bühne. Unvergessen ihre Darstellung der „Frollein Soffie“ in der Platt-Version von „Dinner for One“, die 1999 vom NDR aufgezeichnet wurde und seither an jedem Silvesterabend ausgestrahlt wird.

Vier Produktionen stemmen die fünf fest angestellten Schauspieler um Direktor Petersen jährlich. Bei größeren Inszenierungen kommen Gäste dazu. Wie beim Ohnsorg-Theater dominieren auch bei der Fritz-Reuter-Bühne in Schwerin Unterhaltungsstücke. „Das ist auch gar nicht schlimm“, sagt Petersen, der sich zum leichten Fach bekennt, das ziemlich schwer gut zu machen sei. Zwischendurch wird auch Ernstes und Poetisches gebracht, wie Shakespeare-Sonette up Platt oder jetzt zum Jubiläum „Kein Hüsung“ (Keine Behausung) von Namenspatron Fritz Reuter (1810-1874). Premiere ist am 25. November, Kultusministerin Birgit Hesse (SPD) wird erwartet.

Das Versepos erzählt in dichter Sprache von Willkür, sozialer Ungerechtigkeit und Perspektivlosigkeit im rückständigen Mecklenburg des 19. Jahrhunderts. Das Stück sei überraschend aktuell und das werde auch gezeigt, sagt Petersen. „Kein Hüsung“ ist die Geschichte des Knechtes Johann und seiner schwangeren Freundin Marie. Die beiden dürfen nicht heiraten, weil Johann keine Wohnung (Hüsung) vom Grundherrn zugewiesen bekommt. Der Konflikt eskaliert, Johann ersticht den Grundherrn und flieht nach Amerika. Die aktuelle Fluchtthematik soll in der Inszenierung aufscheinen.

Noch mal 90 Jahre?

„Kein Hüsung“ ist Hochliteratur auf Niederdeutsch. Petersen gibt zu, dass selbst er als Kenner dieser Sprache sich konzentrieren muss, um alles zu verstehen. Immer mehr Menschen verstehen nicht einmal mehr das Alltagsplatt. Schafft es die Fritz-Reuter-Bühne noch einmal 90 Jahre? Petersen gibt sich optimistisch. „Wir gehen mit Klassenzimmmer-Stücken in Schulen“, sagt er. „Hannes, der kann es“, ein Mitmach-Stück über einen lustigen Postboten, heißt die nächste Inszenierung für kleine Zuschauer. Allerdings müsste man mehr mit den Lehrern arbeiten können, sagt Petersen. Aber das Geld fehle.

Gefahr durch Spardiktat

Das Spardiktat, unter dem das ganze Staatstheater steht, raubt der Reuter-Bühne vermutlich mehr Zuschauer als das abnehmende Verständnis des Niederdeutschen in der Bevölkerung. In den vergangenen Spielzeit kamen nach Angaben des Theaters 15 000 Zuschauer zu den 115 Aufführungen der Reuter-Bühne. Vor zehn Jahren waren es noch rund 3000 Besucher mehr, „allerdings auch mit entsprechend mehr Vorstellungen, nämlich 141“, berichtet eine Theater-Sprecherin. Die Zahl der Abstecher sei in den vergangenen Jahren deutlich reduziert worden, um Kosten zu sparen. Gastspiele geben die Schweriner Schauspieler aber immer noch von Papenburg bis Binz und von Flensburg bis Hannover.

Geburtstagsglückwünsche schickt der Intendant des Ohnsorg-Theaters, Christian Seeler, aus Hamburg. „Ich hoffe, dass die Politik in Mecklenburg-Vorpommern die Fritz-Reuter-Bühne auch in den nächsten 90 Jahren kräftig unterstützt“, sagt er. Die niederdeutsche Sprache könne gar nicht hoch genug geschätzt werden. „Sie gehört zu unseren Wurzeln.“


Mecklenburgisches Staatstheater, Alter Garten 2, 19055 Schwerin, Deutschland. Infos : mecklenburgisches-staatstheater.de/stueck-detail/kein-huesung-1203.html.

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