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Redmayne schlägt Radcliffe Rowlings „Phantastische Tierwesen“ – Muss das sein?

Von Daniel Benedict


Berlin. „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ ist der erste von fünf neuen Filmen aus der Welt von Harry Potter. Muss das sein? J. K. Rowling und Regisseur David Yates machen diese Frage zum heimlichen Zentrum – und verführen ihr Publikum zu einem Ja.

Im New York der 20er Jahre stolpern der Magizoologe Newt Scamander und der Normalbürger Jacob Kowalski übereinander. Und vertauschen ihre Koffer. Der des Zauberers ist voller magischer Kreaturen, die nun in den falschen Händen sind. Anders als in Potters Gegenwarts-England leben die Zauberer der historischen USA im Verborgenen; ein frei herumlaufendes Erumpemt (ein Hybrid aus Nashorn und Dynamit) könnte sie auffliegen lassen und einen Krieg mit den Menschen provozieren. (Phantastische Tierwesen: Fun-Facts zum Film mit Eddie Redmayne)

Worum geht‘s in „Phantastische Tierwesen“?

Die Handlung von „Magische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ besteht also vor allem darin, die Kreaturen wieder einzufangen. Der No-Maj Kowalski (so heißen Muggel in den Staaten) hilft dabei; und als Stellvertreter des Publikums in der Geschichte bestaunt er Nundus und Swooping Evils, Pasteten, die sich selbst zubereiten, und eine magische Flüsterbar. „Das kann kein Traum sein“, sagt er einmal. „Ich habe nicht genug Fantasie, um mir das alles auszudenken.“

J. K. Rowling dagegen hat Fantasie. Wenn sie in diesem ersten von fünf neuen Filmen sprichwörtlich einen Koffer voller Geschichten aufmacht, lässt sie keinen Zweifel daran. Harry Potters Schulbuch „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“, das mitten im Hype in Form des „faksimilierten Nachdrucks“ als Gag am realen Buchmarkt erschien, mag schmal und ohne Handlung sein; an Ideen mangelt es der Autorin trotzdem nicht. Die Drehbuch-Debütantin Rowling muss in ihrem ersten reinen Leinwandstoff aber mehr liefern. Harry Potter hat eine globale Generation durch die Kindheit begleitet und ist weit über seine Schöpferin hinausgewachsen. Wenn Rowling jetzt noch einmal gewaltig in seine Welt eingreift, braucht sie bessere Gründe als die 7,7 Milliarden Dollar, die die ersten acht Filme eingespielt haben. (Eddie Redmayne hat wegen „Phantastische Tierwesen“ ein Kofferproblem)

Worum geht‘s in „Phantastische Tierwesen“ wirklich?

Und wirklich lässt sich das ganze Scamander-Abenteuer als große und über weite Strecken sehr verführerische Antwort auf dieses Problem lesen. Am schwächsten fällt sie ausgerechnet da aus, wo Rowling und die Produktion sich am meisten ins Zeug legen: Eine Sequenz, in der Scamander und Kowalski in den Koffer steigen und minutenlang durch einen Zoo der Wunder spazieren, prahlt mit kostspieligen Effekten, bleibt erzählerisch aber leer.

Trotzdem folgt man Rowling und ihrem Regisseur David Yates – der schon die letzten vier Potter-Filme inszeniert hatte – gern durch die Geschichte. Warum? Weil die beiden mit entwaffnender Offenheit eine Kernbotschaft aussprechen: Ohne diesen Film zu machen, wären Yates und Rowling ganz einfach geplatzt. Eine Begabung, die zum Schweigen verdammt ist, macht krank: Auf die ein oder andere Weise teilen alle Figuren diesen Kernkonflikt. Er spiegelt sich in der Mission des Magizoologen Scamander wider, der seinen von Einhegung und Ausrottung bedrohten Tierwesen die Freiheit schenken will. Er bewegt den No-Maj Jacob Kowalski, der den Job in der Fabrik für Dosensuppe hasst und lieber Kuchen nach Omas Rezept verkaufen will. Und er schafft die zentrale Bedrohung des Auftaktabenteuers: Jener Obscurus-Zauber, der Menschen tötet und Straßenschluchten verheert, entsteht nämlich, wo Magier ihre Kräfte verbergen müssen. In einem Wort: Unterdrückte Kreativität gebiert Monster. Rowlings neue Pentalogie muss also raus.

Was ist anders als bei „Harry Potter“?

Dass für den Neustart Handlungszeit und -ort gewechselt werden, ist eine glückliche Entscheidung. Teil 1 der „Phantastischen Tierwesen“ berührt Potters Welt nur über eine einzige Figur: In einem späten Auftritt von Johnny Depp entpuppt einer der Zauberer sich als Dumbledores Gegenspieler Grindelwald. Auch der Tonfall ist verändert, nicht weniger düster als das Potter-Finale, aber gerade in den heiteren Partien mehr vom amerikanischen Swing als vom europäischen Märchen inspiriert. Und natürlich ist der Hauptdarsteller ein anderer: Eddie Redmayne, der beim Potter-Casting noch leer ausging, spielt Scamander. Und natürlich ist er viel, viel besser als Daniel Radcliffe.

„Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“. USA 2016. R: David Yates. D: Eddie Redmayne, Katherine Waterston, Dan Fogler, Ezra Miller , Colin Farrell , Johnny Depp . Ab 6 Jahren, 133 Min uten .




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