Neue Gesamteinspielung Teodor Currentzis verführt mit Mozarts „Don Giovanni“


Teodor Currentzis hat die Gesamteinspielung des „Don Giovanni“ vorgelegt. Er krönt damit seinen Zyklus mit den Mozart/Da-Ponte-Opern.

Der Tod ist allgegenwärtig. Akkorde mit dramatisch überhängenden Grundtönen im Bass treffen einen mit der Wucht von Glockenschlägen aus dem Jenseits. Fahle Töne sinken leise wie ein Todesengel nach unten, dann drängt und stürmt es nach vorne: voller Lust und Komik, aber dem Tod entgegen. Live fast, love hard, die young.

Ein „Don Giovanni“ mit Verspätung

Anderthalb Jahr länger als geplant hat sich Teodor Currentzis Zeit gelassen, seine Trilogie mit den Opern von Wolfgang Amadeus Mozart und Lorenzo Da Ponte abzuschließen. Denn Currentzis hat eine fast fertige Einspielung verworfen und die gesamte Oper Ende 2015 noch einmal neu aufgenommen. Das zeigt einerseits, wie das Label Sony Classical den Dirigentenstar hätschelt. Andererseits wird darin deutlich, welchen Anspruch der griechische Dirigent im russischen Perm an sich und sein Ensemble stellt. Was dieses Team entfacht, erlebte das Konzerthaus Dortmund vor einem Jahr bei der zyklischen Aufführung der Mozart/Da-Ponte-Trilogie: Abend für Abend erreichten das Orchester Musicaeterna, das Solistenensemble und Currentzis ein höheres Level an Perfektion und vor allem Intensität, auch wenn das spätestens nach der „Così“ nicht vorstellbar gewesen ist. Nun also liegt die Aufnahme, im gleichen aufwendigen Design wie die beiden Vorgänger, aber schwarz wie die Seele des Verführers. Zu Hören ist dabei exakt jenes Ensemble, das in Dortmund für Furore gesorgt hat. Weiterlesen: Teodor Currentzis mit „Don Giovanni“ in Dortmund

Nun orientiert sich Currentzis klanglich an der historischen Aufführungspraxis, verwendet historische Instrumente und eine gewissermaßen sprechende Artikulation. Dazu passen die schlanken Stimmen seines Ensembles, etwa die von Vito Priante als Leporello – der Diener des Titelhelden singt zum Dahinschmelzen verführerisch und elegant. Weiterlesen: Die Aufnahme des „Figaro“ mit Musicaeterna

Feine Erotik, brutale Gewalt

Beim Don Giovanni von Dimitris Tiliakos vibriert einerseits, mit Zerlina in „Là ci darem“, die Luft vor feinsinniger Erotik. Wenn er Leporello gefügig machen muss, nimmt seine Stimme aber auch mal einen hässlich-metallischen Klang an. Tenor Kenneth Tarver hingegen ist ein lyrischer Don Ottavio und Guido Loconsolo ein kraftstrotzender Masetto. Und der Komtur des Mika Kares führt in erhabener Klarheit vor, dass man Don Giovanni nicht mit Wagner‘scher Wucht in die Hölle holen muss.

Fast noch exquisiter klingen die Frauen: Myrtò Papatanasius Donna Anna hat leuchtende Spitzentöne und geschmeidige Koloraturen, Karina Gauvin verleiht der Donna Elvira durch einen Anteil an Mezzo-Farben die Sinnlichkeit der erfahrenen Frau – die sich trotzdem vergeblich an Don Giovanni abarbeitet. Und Christina Gansch verkörpert die Zerlina in jugendlicher Listigkeit.

Zum Ereignis aber wird die Aufnahme, weil bei Musicaeterna die Musik spricht. Das beginnt mit dem Hammerklavier (Benoit Hartoin und Maxim Emelyanychev): Es unterlegt nicht einfach die Rezitative mit einem harmonischen Gerüst, sondern übernimmt die Rolle des allwissenden Erzählers. Es verbindet die Nummern, greift kommentierend ins orchestrale Geschehen ein, antizipiert Emotionen, lässt sie nachschwingen. Weiterlesen: Die Aufnahme von „Così fan tutte“ mit Teodor Currentzis und Musicaeterna

Den Hauptstrang des „Dramma giocoso“ – so haben Mozart und Da Ponte ihr Gemeinschaftswerk genannt – aber erzählt dieses fabelhafte Orchester, das Currentzis in Perm, fernab der Metropolen für historische Aufführungspraxis, um sich geschart hat. Da liegen Klänge fein wie Seide unter Ottavios „Dalla sua pace“; Liebe, Hass, Verzweiflung kehrt die Musik nach außen, es betont die Komödie und erzählt von den letzten Dingen: Von Liebe und vom Tod. Dafür ist Currentzis jedes Mittel recht; wenn erforderlich, setzt er auch eine E-Gitarre ein, hat er einmal gesagt. Das klingt exzentrisch, und vermutlich ist das Currentzis auch. Aber in der Suche nach dem richtigen Klang, dem richtigen Ausdruck, ist er unerbittlich. Und erfolgreich: Sein „Don Giovanni“ spricht, behält aber seine geheimnisvolle Aura. Genau das macht ihn so verführerisch.


Wolfgang Amadeus Mozart: „Don Giovanni“. Teodor Currentzis, Musicaeterna. 3CDs, ersch. bei Sony Classical.

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