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Mit Lust an der Gestaltung Zum 50. Todestag: Warum Friedrich Vordemberge-Gildewart immer noch fasziniert

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Osnabrück. Der 50. Todestag ist ein gefährliches Datum. Er markiert eine hohe Schwelle in der Zeitrechnung der Kultur. Die Frage: Werden wir uns weiter an einen Künstler erinnern, der vor 50 Jahren starb – oder nicht? Friedrich Vordemberge-Gildewart starb heute vor 50 Jahren. Wir schauen nicht zurück, sondern diskutieren fünf Gründe dafür, dass der Osnabrücker Konstruktivist weiter fasziniert.

Er war viel leiser als Pablo Picasso, weniger rigide als Piet Mondrian, nicht so gefühlsselig wie Wassily Kandinsky. Aber Friedrich Vordemberge-Gildewart hat ebenso konsequent und erfindungsreich gearbeitet wie die Mandarine der Moderne. Der Künstler, kurz „VG“ genannt, ist als stiller Star der Avantgarde zu oft übersehen worden. Diesen Fehler sollte heute niemand mehr machen. Denn als Maler, Innenarchitekt, Werbegestalter, Typograf und Hochschullehrer repräsentierte der Mann, der seinen Weg in der Osnabrücker Altstadt begann, eines der universalsten Konzepte der Moderne. Warum fasziniert er noch heute? Dafür gibt es fünf gute Gründe:

Konzept der Klarheit: „Gestalten! Und nicht malen, modellieren, schwätzen oder dösen. Gestalten! Als heutiger Mensch“: So laut proklamiert der junge Vordemberge-Gildewart 1924 sein Credo. Die Konsequenz: Seine Gemälde bilden nicht ab, erzählen nichts. Stattdessen inszenieren sie Gefüge aus geometrischen Elementen, die nichts bedeuten, sondern nur sie selbst, eben konkret, sind.

Das Ergebnis ist eine Kunst der klaren Verhältnisse. VGs Bilder sind ehrlich als Konstrukte, die der Betrachter nachvollziehen und diskutieren kann. Diese Kunst zeigt ihre Mittel und Konzepte. Sie mystifiziert nichts. Vordemberges Bilder emanzipieren den Betrachter und sie fordern ihn als mündiges Individuum. Das ist vorbildlich – bis heute.

Kraft der zwei Karrieren: Friedrich Vordemberge-Gildewart startete schnell – und hielt lange durch. Heute begeistert der Künstler in gleicher Weise als Emphatiker energischer Avantgarde und als abgeklärter Lehrer an der Ulmer Hochschule für Gestaltung. VG gehört zu den ganz wenigen Künstlern, die das Exil erlitten und nach 1945 erfolgreich neu starteten. Der Osnabrücker Konstruktivist vermittelt als Brückenfigur zwischen dem Start der Avantgarde und der Modernität der Nachkriegszeit. Vordemberge verkörpert Kontinuität und Aufbruchsgeist zugleich.

Digitales Denken: Vordemberge-Gildewart gehört zur analogen Ära der Mediengeschichte. Aber sein Denken funktionierte bereits im geschwinden Takt des Digitalen. „Das Kunstwerk entsteht durch Errechnung“, konstatierte VG in seinem Text „Raum – Zeit – Fläche“ (1923/26). Wie die Meister des Bauhauses errechnete Vordemberge Kunst und Design mit dem gleichen Set an Grundelementen, mit dem Code aus Linien, Dreiecken und Primärfarben. Ohne den Ballast von Erzählung und naturalistischer Wiedergabe funktioniert seine künstlerische Sprache wie ein Hochgeschwindigkeitsrechner. Kunst avanciert zum Medium für Gestaltungen, die für jede Aufgabe adaptiert werden können – vom Entwurf einer Villa, eines Tagungsraums oder eines Schaufensters. Vordemberges Denken zeigt funkelnde Flexibilität. Und es sorgt für Klarheit.

Visionen für das Morgen: Der Osnabrücker Konstruktivist hat seine Zeit geliebt, ihre Energie, ihre Dynamik und die Hingabe, mit der sie sich der Zukunft als Aufgabe gewidmet hat. Vordemberge war weder Fantast noch Anhänger kruder Science-Fiction. Aber VG will das Morgen erobern. In seinen Schriften spricht er von „Wegen der Transformation“, von „Verjüngungsprozessen“. Seine Kunstwerke beeindrucken heute als Konzepte der Klarheit und Transparenz. VG hat das Konzept des Künstlers verändert. Er sieht ihn nicht als einsames Genie, sondern als Gestalter mitten in der Gesellschaft. So arbeiten heute weltweit operierende Künstler-Unternehmer von Christo bis Olafur Eliasson.

Modelle der Balance: Als Werke der Konkreten Kunst erzählen die Bilder von Vordemberge-Gildewart keine Geschichten, bilden nichts ab. Aber sie halten dennoch eine Botschaft bereit – als stilles Plädoyer für das Balancegefüge einer pluralen und offenen Gesellschaft. Wird Vordemberges Kunst damit nicht überfordert? Nein, denn jedes seiner Bilder etabliert ein innovativ entworfenes und fein austariertes Ordnungsgefüge.

Ob Dreieck oder Primärfarbe – Vordemberge tarierte in ihrem Mit- und Nebeneinander Energien feinsinnig aus. Genau diese Qualität macht Vordemberges Bilder zu Modellen der Kooperation und Koexistenz. Seine Bilder zeigen Kraftfelder, die aus disparaten Elementen komponiert sind. Dabei zählt konzertierte Entfaltung aller Elemente. Sie erfüllen sich nicht in der Dominanz, sondern in der Kommunikation.

Wer war VG? In einer Serie erzählen wir Leben und Werk des Konstruktivisten Friedrich Vordemberge-Gildewart – ab dem 27. Dezember.


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