Peter Eötvös dirigiert Eötvös Staatsoper Hamburg: Frauenmörder auf der Couch

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Béla Bartóks „Herzog Blaubart“ hat eine Vorgeschichte: „Senza Sangue“ von Peter Eötvös. An der Staatsoper Hamburg hat der Komponist nun den Doppelabend dirigiert. Regie geführt hat der russische Star Dmitri Tcherniakov.

Im Kino ist es gewinnversprechende Sitte geworden, gute Geschichtenmit der Vorgeschichte abzurunden. In der Oper geschieht das relativ selten, wenn man von Rossinis „Barbier“ absieht, der erzählt, was vor Mozarts „Figaro“ geschah. Und natürlich gilt das für den „Ring“, den Richard Wagner quasi von hinten nach vorn entwickelt hat.

Opfer-Täter-Geschichte aus dem Krieg

Béla Bartóks „Herzog Blaubart“ ist bisher ohne „Prequel“, so der cineastische Fachbegriff, ausgekommen. Nun hat die Oper bei aller Wucht einen entscheidenden Nachteil: Sie füllt keinen ganzen Abend. Peter Eötvös hat deshalb eine Vorgeschichte komponiert - eine Geschichte, die erzählt, was gewesen sein könnte. „Senza Sangue“ heißt das Stück, basierend auf den gleichnamigen Roman von Alessandro Baricco. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie Menschen mit der Erinnerung an Kriegsgräuel umgehen: Eine Frau (Angela Denoke) findet den Mann (Sergei Leferkus), der während eines Bürgerkriegs vor 50 Jahren als Teil eines Mordkommandos ihren Vater erschossen, sie als kleines Mädchen aber gerettet hat. Eine Opfer-Täter-Geschichte, wie sie Kriege hervorbringen. Weiterlesen: Das Oratorium balbulum von Peter Eötvös

Eötvös bietet zu Lösung einen ungewöhnlichen Weg an: „Wollen Sie mit mir schlafen?“, fragt die Frau den Mann am Ende von „Senza Sangue“. Dann fällt der Vorhang, eine Videoprojektion (Tieni Burkhalter) zeigt die beiden auf dem Weg in ein Hotel, und in diese Projektion hinein schiebt sich eine Guckkastenbühne, die das Paar in einem Hotelzimmer zeigt - nach der Liebesnacht. Und in Bartóks „Blaubart“.

Inszeniert hat den Abend der russische Regisseru Dmitri Tcherniakov, der zuletzt mit einer „Lulu“ in München begeistert hat. Hier bringt er neblige Tristesse einer toten Stadt auf die Bühne: Eine Ampel gibt sinnlose Signale, weil längst kein Auto mehr fährt, Menschen bewegen sich in zombiehafter Zeitlupe oder sitzen in einem Straßencafé, das durchaus Charme hat. Hier treffen das Kriegskind und der Mörder/Retter aufeinander, zu einer Musik, die eisig und nasskalt anhebt, in statischen Klängen Wucht entfaltet, gleichzeitig Raum schafft für glühend sinnlichen Sopran von Angela Denoke und den Bariton von Sergei Leiferkus. Die Musik ist dabei in den besten Händen: Eötvös steht selbst am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters und sorgt für die glaubhafte Umsetzung seiner an Bartóks Klanglichkeit orientierter Musik. Lediglich Tcherniakov setzt zwar den gewollt statischen Rahmen, weiß aber die Künstlichkeit der Situation nicht wirklich aufzubrechen; egal, ob Mann und Frau im Café sitzen und Wein trinken, oder auf der Straße stehen. Weiterlesen: „Blaubart“ von Bartók und von Franz Hummel in Bremen

In den Abstellkammern der Psyche

Das ändert sich mit der „Blaubart“-Guckkastenbühne. Hier überträgt sich die Intensität aus dem Graben auf die Bühne. Zu den Einleitungsklängen erwacht der Mann, springt aus dem Bett und setzt zur finalen Flucht an: Er schneidet sich die Pulsadern auf. Die Frau, offenbar in lodernder Liebe entbrannt, rettet ihn und beginnt, in der Vergangenheit zu wühlen.

Die sieben Türen, die Blaubarts schrecklichen Geheimnisse verbergen, öffnen so die Abstellkammern der Psyche, und das Fin-de-Siècle-Hotelzimmer wird zur Freud’schen Couch für den Frauenmörder. Bálint Szabó singt ihn mit mattschwarzen Bass klar und markig. Doch Judith bleibt, bei aller Intensität, Rationalere von beiden, und Claudia Mahnke macht das mit einem umwerfend intensiven Mezzo deutlich. Peter Eötvös lässt die Musik seines Landsmanns in ihrer existenziellen Wucht lodern, auch dank des Philharmonischen Staatsorchesters. Und mit Videoeinspielungen rundet sich der Abend: Sie zeigen ein Mädchen im Versteck, das mit angstgeweiteten, wissenden Augen und einen jungen Soldaten anblickt - die Vorgeschichte zur Vorgeschichte einer packenden Doppeloper. Weiterlesen: Saisonstart in Hamburg: Eine verkorkste „Zauberflöte“


Weitere Aufführungen: 9., 15., 19. und 23. November. Karten: ticket@staatsoper-hamburg.de oder Tel. 040/356868

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