Neues von Hanns-Josef Ortheil „Was ich liebe und was nicht“ bannt Zeitfresser

Seinem Blick entgeht nicht viel:  Hanns-Josef Ortheil.Foto: Luchterhand LiteraturverlagSeinem Blick entgeht nicht viel: Hanns-Josef Ortheil.Foto: Luchterhand Literaturverlag

Osnabrück. Der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil macht mit seinem neuen Buch „Was ich liebe und was nicht“ Lust auf Welt- und Selbsterkundung und aufs Schreiben.

Wer in unserer unruhigen Zeit mit ihren ständigen Verlockungen zum Aktionismus noch ein bisschen Introspektion betreibt, der muss dieses Buch einfach lieben. Auch wenn es kein Roman ist. Aus „Lebensprosa“ speist sich Hanns-Josef Ortheils buntes Kaleidoskop von Texten, Gedichten, die er als Kind geschrieben hat, oder kurzen Dialogen im O-Ton, die alle von dem handeln, „was ich liebe oder nicht“ (so auch der Buchtitel). Es ist also wieder ein sehr persönliches Buch von Ortheil, enthält aber nicht einfach nur Listen oder Beschreibungen gemochter oder nicht gemochter Dinge. Es beschäftigt sich auch mit den Ursprüngen von Vorlieben und Abneigungen und fragt nach Grundmustern und Strukturen für die Aneignung von Welt.

Die bei Ortheil vermutlich nicht zufälligen 365 Seiten (ein Jahreslauf) kreisen auch nicht narzisstisch und eitel um eine bekannte Schriftsteller-Persönlichkeit, sondern ermuntern den Leser fortwährend zum Dialog. Das Buch lädt geradezu dazu ein, beim Lesen innezuhalten, gedanklich abzuschweifen, sich selbst zu befragen: Wie ist es denn bei mir – und warum? Ortheil baut eine Brücke nach der anderen zum Leser: Sieh‘ doch, wie Welterkundung und Selbsterkundung auch für das Bücherschreiben miteinander zusammenhängen und fasse den Mut, selbst zu schreiben, auch Du kannst das!“, steht da manchmal in, manchmal zwischen den Zeilen. In der Tat, er macht Lust darauf.

Abschweifen erwünscht

Zum Innehalten, Abschweifen, manchmal zum wortwörtlichen Aussteigen bekennt sich Ortheil mit größtem Vergnügen. So liest er, so sieht er oft fern und nimmt das eben Gesehene zum Anlass, zu sich selbst zurückzukehren und über eigene Sehnsüchte nachzudenken. Konzentration auf eine Sache (oder einen Film) ist ihm kein ehernes Gebot. So reist er auch. Er gibt zu, nicht gerne Auto zu fahren und schon gar nicht Gebrauchsanweisungs-Kompendien für dessen Technik zu studieren. Er fühlt sich gefangen im Auto, von seinen Vorzugsbeschäftigungen künstlich abgehalten, wählt deshalb am liebsten kleinste Sträßchen, von deren Natur-Schönheiten oder reizvollen Gasthäusern er sich gerne ausbremsen lässt. Bis hin zur spontanen Übernachtung, weil ihm Atmosphäre, Speis‘ und Trank so gut gefallen haben. Sein von den Eltern vererbtes Abenteuergen“ nennt er das.

Lob aufs Alpenpanorama

Frühstücksbüffets hingegen hasst er, wegen der Unruhe und Rücksichtslosigkeit ihrer Gäste. Das Alpenpanorama auf 3sat morgens ab 7.30 Uhr hingegen liebt er, weil er in den textlosen Webcam-Aufnahmen mit seinem eigenen Vorstellungsvermögen in erlebter Echtzeit mit von der Partie sein kann. Kein Morgenmagazin mit Katastrophen-Reportagen hat ihm dann die Zeit gestohlen: „Die Minuten rattern nur so herunter, und eine halbe Stunde Magazinsalat nach dem andern kippt wie Zeitmüll in den Fernsehkompost“, schreibt er.

Wer das so nie erlebt – Menschen ticken nun mal sehr verschieden – der wird mit dem sprachlich übrigens wunderbar schlackenfreien Buch vielleicht wenig anfangen können. Die Übrigen genießen und gehen ein bisschen verändert und bestärkt aus dem Buch hervor, beglückt darüber, einen gewieften Bündnispartner gegen die vielen gefräßigen Zeitmonster unserer Tage gefunden zu haben.


Hanns-Josef Ortheil „Was ich liebe und was nicht“, Luchterhand, 365 S., 23,00 Euro. Hanns-Josef Ortheil kommt am Sonntag, 27. November um 19.30 Uhr in der Reihe „Literaturspot“ zu einer Lesung aus seinem neuen Buch ins Osnabrücker Theater.

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