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Marvel-Kitsch Doctor Strange: Wie schlimm ist der Cumberbatch-Film?


Berlin. Doctor Strange heißt der Neue bei Marvel: Wie viel Sherlock steckt Benedict Cumberbatch in die Rolle? Was taugen die Psychotrips von Regisseur Scott Derrickson? Was ist dran am Whitewashing-Vorwurf? In einem Wort: Wie schlimm ist es wirklich?

Doctor Strange führt einen neuen Helden ins Marvel Cinematic Universe ein – und kämpft mit einer Whitewashing-Debatte, weil Tilda Swinton den im Comic asiatischen Magier The Ancient One spielt. Wie schlimm ist der Film mit Benedict Cumberbatch wirklich? (Whitewashing: Ist „Doctor Strange“ rassistisch? Zum Kommentar)

Der Neue bei Marvel: Wer ist Doctor Strange?

Doctor Strange ist ein Meisterchirurg, und er weiß es: Im OP-Saal löst er nebenbei Quizaufgaben seiner Assistenten. Notfälle weist er ab, wenn sie seinen Geist nicht fordern – womit Benedict Cumberbatch den Marvel-Charakter als Fortsetzung von Sherlock Holmes anlegt. Zum Supermann wird er aber erst, als Überheblichkeit ihm seine menschlichen Fähigkeiten raubt: Nach einem Autounfall kann er nicht mehr operieren. Von den eigenen Kollegen aufgegeben, sucht er Hilfe in Asiens Heilkunst – und lernt als Novize der Meisterin The Ancient One (Tilda Swinton) die Wunder der Magie. Wie viel verdient ein Marvel-Superheld? Paul Bettany alias Vision über „Koffer voll Geld“

Halb kitschig, halb epigonal: „Doctor Strange“ enttäuscht visuell

Kern der Geschichte ist also der Sturz eines Wissenschaftlers in die Sphäre der Spiritualität. In einer wunderbar griffigen Szene schlägt The Ancient One dem Helden sprichwörtlich die Seele aus dem Leib, damit er gläubig wird. Auf den Hieb folgt ein psychedelischer Trip, bei dem Benedict Cumberbatch in seine eigene Iris klettert und ansehen muss, wie seinen Fingern Hände wachsen, an deren Minifingern dann noch kleinere Hände wuchern – und so weiter.

Wo er eine eigene Bildsprache für die Spiritualität entwickeln muss, gleitet Regisseur Scott Derrickson immer wieder in plakative OP-Art ab. Geschmackssicherer sind seine Actionsequenzen, in denen er die von den „Matrix“-Filmen (1999–2003) bis zu „Inception“ (2010) vorformulierten Tricks weiterentwickeln kann. Hier setzen die Magier die Realität außer Kraft, indem sie Hausfronten in tödliche Räderwerke verwandeln und ganze Städte einklappen lassen. Das sieht tatsächlich toll aus – und bereichert die von einstürzenden Hochhäusern besessene Marvel-Fantasie um eine elegante Spielart. Eine raffinierte Schlusssequenz lässt die Kontrahenten dann erst in der erst rückwärtslaufenden Zeit, dann sogar in einer Zeitschleife kämpfen. Zumindest hier gelingt „Doctor Strange“ ein Spiel mit den Grenzen der Wahrnehmung, das es mit den Aha-Momenten des unterschätzten Marvel-Films „Ant-Man“ (2015) aufnehmen kann. (Vielleicht der beste Marvel-Film? „The First Avenger: Civil War“ in der ehrlichen Kritik)

Stranger Humor: Mehr Harry Potter als Marvel

Weniger geschickt ist Derrickson bei einer anderen Kernkompetenz der Comic-Verfilmungen: Die „Avengers“-Abenteuer unterlaufen ihren Bombast regelmäßig mit Lakonie und Screwball-Wortgefechten. Scott Derrickson setzt dagegen auf humoristische Szenen, in denen Strange mit einem eigenwilligen Zaubermantel hadert – und in eine gefährliche Nähe zu Harry Potter kommt. (Gleicher Konflikt, schlechtere Film: Wieso fällt „Batman v Superman“ gegen „Civil War“ so ab?)

Zu jedem Yin ein Yang: Die paradoxe Logik von „Doctor Strange“

Passend zum Stoff folgt der Action-Film dabei einer Yin-und-Yang-Logik, die immer wieder die auf die Verschmelzung der Dinge mit ihrem Gegenteil hinausläuft: Doctor Strange muss Demut lernen, damit er sich als Superheld über noch fundamentalere Dinge überheben kann als im Arztkittel. Und als Superheld setzt er die Naturgesetze außer Kraft, um sie zu wahren: Sein Gegenspieler Kaecilius will den Tod überwinden. Strange kommt es zu, als übermenschliches Wesen der Menschen größte Schwäche zu wahren: die Sterblichkeit.

Warum eigentlich? Ausgerechnet eine smarte Frau wie Tilda Swinton hat zur Rechtfertigung der Sterblichkeit nur Kalendersprüche auf Lager: „Der Tod verleiht unserem Leben erst einen Sinn“, sagt sie als The Ancient One einmal. Kaecilius sagt dagegen: „Der Tod ist eine Beleidigung.“ Ein plausibler Gedanke, auf den Scott Derrickson mit unfairer Parteilichkeit reagiert. Schon die widerlichen Augenringe, mit denen Mads Mikkelsen den Bösewicht spielt, setzen die Figur ins Unrecht. Doctor Strange muss auf seine Worte nur entgegnen: „Guck dich doch mal an!“ Auch die Bereiche des Multiuniversums, in denen die Unsterblichkeit bereits eingeführt wurde, gestaltet der Film als hässlichen Ort. Die „dunkle Dimension“ sieht aus wie das zu bunt geratene Bakterienmodell einer Wissenschaftsdoku. Die Diskussion der Unsterblichkeit fällt in „Doctor Strange“ damit leider unbefriedigend aus. Intellektuell und auch ästhetisch. (Marvel-Wissen: Was passiert in „Avengers 2: Infinity War“?)



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