Tanz-Uraufführung in Osnabrück „Schwanensee“ begeisterte im Theater

Von Christine Adam

Der Konflikt mit der Mutter um die Schwanenwelt eskaliert: Marine Sanchez Egasse (Mutter) und Keith Chin (Siegfried) Foto: Jörg Landsberg.. Foto: Jörg LandsbergDer Konflikt mit der Mutter um die Schwanenwelt eskaliert: Marine Sanchez Egasse (Mutter) und Keith Chin (Siegfried) Foto: Jörg Landsberg.. Foto: Jörg Landsberg

Osnabrück. Mit Jubel und Standing Ovations hat das Osnabrücker Premierenpublikum Mauro de Candias Choreografie „Schwanensee – Metamorphosen einer Seele“ im Osnabrücker Theater am Domhof aufgenommen.

Siegfried wandelt gedankenverloren am Ufer des nächtlichen Schwanensees. Gebeugte Körper der Tänzer, abgewandte Köpfe, langsame Bewegungen: Die Schwäne schlafen in ihrer Welt, auf ihre Art. Hier mal ein blitzartiges Hochschnellen eines Körpers, dort ein Recken oder kurzer Flügel-, beziehungsweise Arm- oder Beinschlag, der sanft zurückgleitet in ein weiches Gefieder: Naturalistisch ist Mauro de Candia s Tanzsprache dennoch nicht für sein neues Tanzstück „ Schwanensee – Metamorphosen einer Seele “. Aber jederzeit nah an ihrem Gegenstand, wie ein von der Natur abstrahierendes Gemälde.

Dem „Schwanensee“ als berühmtem klassischen Ballett braucht im Osnabrücker Theater am Domhof kein Tanzfan nachzutrauern. Der Osnabrücker Tanzchef bietet mit seiner zum Spielzeitbeginn neu zusammengesetzten Dance Company eine wahre Augenweide an choreografischer Schönheit und Vielfalt – auf tänzerisch hohem Niveau. Noch dazu berührt er tief mit seiner recht gut verständlichen Lesart des Stoffes, den er aus dem Märchenhaften ins Innenleben seines Siegfrieds verlegt.

Für den jungen Mann ist die Welt am Schwanensee mit ihren anmutigen, stolzen Vögeln ein ersehnter, ganz persönlicher Freiraum auf dem Weg zum Erwachsenwerden, den er gegen die gesellschaftlicheKonvention und die Heiratspläne seiner Mutter verteidigt.

Leuchtendes Glück

Glückseligkeit leuchtet auf dem Gesicht von Keith Chins Siegfried, wenn die Schwäne endlich mit ihm tanzen, er mal ihre Bewegungssprache spricht, sie mal seinen Vorgaben folgen. Wenn sich der Tänzer mit nacktem, asthenisch-schönem Oberkörper und eleganten, kraftvoll-geschmeidigen Bewegungen in die Höhe eines neu entdeckten Lebensgefühls streckt, dann wächst da gerade einer sichtlich über sich hinaus – und wird von seiner verständnislosen sozialen Umwelt wieder zusammengestaucht. Denn die neu gefundene Schwanensprache wird bald gegen ihn verwendet. Seine Freunde, vier lustige, vitale Burschen, werben um ihn und reagieren enttäuscht, weil Siegfried nicht mehr mit ihnen gleich schwingt. Auch mit der Mutter spricht er nicht mehr dieselbe (Tanz-) Sprache, so sehr sie die auch mit würdig schreitender, richtungsweisender Strenge einfordert. Die sanfte, Zustimmung heischende Autorität von Marine Sanchez Egasse für diese Rolle brennt sich ins Gedächtnis. Der Fest-Anzug (auch Bühne und Kostüme von de Candia und Janine Hagedorn sind eine Augenweide) mutiert für Siegfried zur Zwangsjacke der Konvention und wird mit choreografischer Finesse bekämpft.

Ein Gesamtkunstwerk

Toll individuell choreografiert und getanzt, wie drei junge Damen Siegfried vergeblich zu bezirzen versuchen. Wie je eine Kadenz in einem Orchesterwerk wirkt das, zumal die Livemusik vom Osnabrückern Symphonieorchester das Geschehen spürbar inspiriert. Beide, de Candias Choreografie und Generalmusikdirektor Andreas Hotz nebst seinen Musikern, variieren feine Ausdrucksnuancen – und tanzen dabei selbst sensibel miteinander. Zum tragischen Schluss hin darf die Musik etwas mehr auftrumpfen, denn de Candia hat die Abfolge von Tschaikowskys Ballettmusik entsprechend umgestellt. Übergriffiger Zorn war noch nie ein guter Ratgeber für Kommunikation, schon gar nicht mit wild lebenden Tieren.

Tanz als überzeugendes Gesamtkunstwerk der beteiligten Künste – diese Neuversion ist ein echter Gewinn.


Weitere Aufführungen am .30. Oktober sowie 10. und 13. November. Kartentel. 0761 7600076.

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