Gemälde von Tennisspielern Sport und Freizeit: Bremen zeigt Max Liebermann


Bremen. Tennis, Rudern, Polo: Die Kunsthalle Bremen zeigt Bilder zum Thema Sport und Freizeit. Der Impressionist Max Liebermann malte nach 1900 die Freizeitvergnügen der Reichen und Schönen.

Sie trägt den langen Rock, er das dunkle Sakko und beide den steifen Hut: 1903 malt Max Liebermann „Reiter und Reiterin am Strand“ als standesbewusste Herrschaften beim stilbewussten Ausritt. Das Paar betreibt Sport als Teil des schicken Lebensstiles seiner Zeit. Aber ist das, was wir da auf dem Gemälde sehen, schon Sport? Sicher nicht im Sinn von Fitnesswelle und Athletik. In der Belle Époque schwingen Damen der höheren Gesellschaft beim „Lawn-Tennis“ gepflegt das Racket, Herren in weißem Dress traben hoch zu Ross dem Poloball nach. Kurz nach 1900 entdeckt die bessere Gesellschaft den Sport für sich. Um Rekorde geht es noch nicht. Hier weiterlesen: Letzte Vorbereitungen für die Liebermann-Ausstellung.

Arrivierter Maler-Star

Max Liebermann (1847-1935) gehört zu dieser Zeit als arrivierter Maler selbst zum Großbürgertum. Vorbei die Zeiten, in denen er mit realistischen Bildern von hart arbeitenden Bauern oder Mägden den Unwillen des Kaisers auf sich zieht, der solche „Rinnsteinkunst“ verdammt. Liebermann schwenkt um 1900 zur locker-luftigen Malweise des Impressionismus um - und zum Thema Sport. Die Kunsthalle Bremen beleuchtet mit rund 140 Gemälden und Grafiken von Liebermann sowie Bildern und Skulpturen zum Thema Sport von Künstlern wie Edgar Degas oder Max Slevogt eine wichtige Werkphase des deutschen Impressionisten. Kuratorin Dorothee Hansen und ihr Team führen aber nicht nur Kunstgeschichte vor, sich breiten auch die Resultate einer sozialhistorischen Recherche aus. Denn die Gemälde beleuchten den Wandel vom Ständestaat zur Freizeitgesellschaft. Hier weiterlesen: Worpswede expressiv - die Sommerausstellung 2016.

Noch lange kein Breitensport

Als Liebermann malt, fliegen Tennis- und hoppeln Polobälle noch in abgetrennten Arealen der Reichen und Arrivierten über den gepflegten grünen Rasen. Es dauert bis zum Becker-Hecht und den Siegen der „Gräfin“ Steffi Graf in den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts, bis etwa Tennis wirklich zum Breitensport avanciert. Auf Liebermanns Gemälden bewundern wir heute keine sportlichen Höchstleistungen. Wir blicken stattdessen in eine Welt, in der eine Gesellschaft der Angesehenen und Erfolgreichen mit gemessener Bewegung in freier Natur das Vergnügen der Freizeit als ihren neuen Luxus erfindet. Hier weiterlesen: Digitale Strategien - Kulturhäuser in der Offensive.

Gepflegter Herr mit Skizzenblock

Liebermann ist mittendrin. Auf einer Grafik zeigt er sich selbst als gepflegten Herrn mit Skizzenblock, der überall dort aufmerksam am Rande steht, wo der Sport geschieht - am Strand, am Tennisareal, neben der Ruderstrecke oder auf dem Polofeld. Sicher, er spitzt seine Motive nicht so dramatisch zu wie seine französischen Kollegen Edouard Manet oder Edgar Degas, die vor allem mit ihren Bildern von den Pferderennstrecken das aufregend neue Erlebnis der Geschwindigkeit mit rasanten Verkürzungen der Perspektiven und Proportionen auf die Leinwand bringen. Hier weiterlesen: Die andere Landkarte der Kunst - Projekte in Museen.

Sport ist schick, modern und flirttauglich

Dafür entwickelt Liebermann mehr Gespür für die tastenden Versuche, mit denen sich Prinzen ebenso wie Industriellengattinnen im Tennisspiel oder beim Ausritt üben. Wer kurz nach 1900 Sport treibt, gilt als schick und modern. Und als flirttauglich. Tennisplätze werden zu der Zeit als „Verlobungszwinger“ bespöttelt. Karikaturist Thomas Theodor Heine zeichnet zwei hübsche Fräuleins, die statt eines Balles einen winzigen Herrn mit ihren Schlägern hin- und herfliegen lassen. Wer gewinnt das Match? Am Ende wohl die Damen und Herren, die auf dem Platz statt der Punkte eine gute Partie gewonnen haben. Hier weiterlesen: Experten warnen - Kunstmuseen vor dem Kollaps?

Ohne jeden Leistungsdruck

Die Bremer Ausstellung erzählt die heute entrückt wirkende Frühgeschichte des Sports in Kapiteln, die Sportarten von Tennis bis Polo und Rudern thematisieren. Liebermanns Bildwelt kommt ohne den Leistungsdruck des Wettbewerbs aus, sie zeigt auch keine Spur von jenen Utopien der Lebensreform, mit denen körperliche Betätigung nach 1900 auch gern verbunden wird. Dafür lernen wir mit Max Liebermann neu, wie jene Welt ausgesehen hat, in der die Freizeit erfunden wurde. Der Maler selbst übrigens wollte den Sport nur als Freizeitvergnügen gelten lassen. 1927 warnte er davor, aus körperlicher Aktivität eine „forcierte Angelegenheit“ zu machen. Von Leistungswahn, Bodyshaping und Funktionskleidung konnte er noch nichts wissen. Hier weiterlesen: Ausstellung zum Kultfilm - „Letztes Jahr in Marienbad“.


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