Zum 500. Reformationsjubiläum Lutherbibel: Neue Ausgabe in prallem Luther-Deutsch

Von Dr. Stefan Lüddemann


Osnabrück. Das ist der ganze Luther! Zum 500. Jahrestag der Reformation bietet die neue Lutherbibel endlich wieder den originalen Text. Er liest sich großartig.

Goethe dichtete in ihrem Sprachton, Nietzsche nannte sie ein Ereignis, Brecht bezeichnete sie als seine wichtigste Lektüre – die Lutherbibel hat die deutsche Sprache geprägt, wie kaum ein anderer Text. Das gilt auch für ganz alltägliche Wendungen. Ob wir jemanden „mit Blindheit geschlagen“ sehen, „ohne Ansehn der Person“ urteilen oder unser „Herz ausschütten“ – immer sprechen wir im Lutherton, fassen Erfahrungen und Gefühle in Sprachbilder, die der Reformator mit seiner Übersetzung der Heiligen Schrift prägte. Jetzt ist die Lutherbibel wieder da. Für die revidierte, zum 500. Jahrestag der Reformation 2017 neu erstellte Fassung gilt: Wo Luther draufsteht, ist endlich wieder mehr Luther drin. Hier weiterlesen: Was wird am Reformationstag gefeiert?

Fast jeder zweite Vers neu übersetzt

70 Theologen und Sprachwissenschaftler haben den Text nicht nur mit den Originalausgaben abgeglichen, die zu Luthers Lebzeiten erschienen, sie haben die Textfassung des Reformators auch anhand der griechischen und hebräischen Urtexte überprüft. Von den rund 31000 Versen des Alten und des Neuen Testaments haben die Experten nach Angaben der Deutschen Bibelgesellschaft, die die Lutherbibel herausgibt, 12000 Verse, also knapp 40 Prozent des Textumfanges neu gefasst. Der frühere Thüringer Landesbischof Christoph Kähler, der für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) diese Arbeit koordiniert hat, sagt: „Luther soll als Luther erkennbar sein“.

Endlich den Grauschleier weggezogen

Genau das ist gelungen. Die Jubiläumsausgabe der Lutherbibel liest sich, als sei von der kraftvollen Sprache des Reformators endlich wieder der Grauschleier jener dämpfenden Verbesserungen gezogen worden, wie sie die letzte revidierte Ausgabe von 1984 noch prägte. Die Fachleute haben bewusst auf die Versionen zurückgegriffen, die Luther seinerzeit erstellte, von der Übersetzung des Neuen Testaments von 1522, der ersten Ausgabe der gesamten Lutherbibel 1534 bis hin zur Ausgabe letzter Hand von 1545. Das Ergebnis ist ein Text, der Luthers Sprache entspricht – kernig, aber nicht derb, direkt, aber nicht plump, leuchtend, aber nicht grell.

„Heulen und Zähneklappern“

Jetzt darf der „gewaltige Sturm“ wieder ein „großes Beben“ sein. Und die „Schlangenbrut“ wird, wie von Martin Luther, wieder unverblümt „Otterngezücht“ genannt. So wie die „Wehmutter“ nun „Hebamme“ heißt, sind allerdings auch andere, heute ungebräuchliche Wörter durch zeitgemäße Begriffe ersetzt worden. Der Rückgriff auf die originalen Versionen fördert aber vor allem wieder jene plastischen Worte und Wendungen zutage, die Luthers Sprache kennzeichnet. Das betrifft gerade auch jene Formulierungen, die sprichwörtlich geworden sind. Aus „Da wird Heulen und Zähneklappern sein“ ist nun wieder „Da wird sein Heulen und Zähneklappern“ geworden. Die scheinbar nur kleine Wortumstellung macht den Satz kraftvoller und einprägsamer. Das ist typisch für den Stilisten und Sprachschöpfer Martin Luther.

Luther im Teamwork

Und der stützte sich bei seiner Bibelübersetzung seinerseits bereits auf Experten wie Philipp Melanchthon oder Matthäus Aurogallus, die Luther vor allem mit ihrem Wissen in den alten Sprachen Griechisch und Hebräisch unterstützten. In Wittenberg tüftelten Luther und die Seinen bereits wie eine Bibelkommission an jedem Satz, prüften jedes Wort. Ihre Bibel in deutscher Sprache verdankte ihre sprachprägende Energie allerdings jener Reformation, die Luther nicht nur dem Glauben, sondern auch dem Übersetzen angedeihen ließ. Denn er schaute – noch ein legendäres Luther-Wort – nicht nur „dem Volk aufs Maul“, sondern ließ auch „die wort dem sinn dienen und folgen“. So klebte er nicht am Buchstaben der Quellen, sondern gab ihrer Bedeutung zeitgemäßen und beredten Ausdruck.

Mit der leuchtenden Lutherrose

„Frei den Sinn heraus aufs beste Deutsch“ wollte Luther übersetzen. Zum großen Jubiläum der Reformation darf Luthers Bibelübertragung nun wieder in ihrem ganzen Sprachglanz leuchten. Dabei schärft diese Version mit der Sprache auch die theologische Aussage des Reformators – im Jahr des Jubiläums aus evangelischer Sicht sicher kein Randaspekt. Die Jubiläumsausgabe bietet neben dem sauber und klar eingerichteten Text umfangreiche Register, Karten, einen umfangreichen, reich bebilderten Text zu Leben und Wirken Martin Luthers. Die leuchtende Luther-Rose auf dem Einband macht diese Bibel zur angemessenen Jubiläumsausgabe, die Textgestalt zum hinreißenden Leseerlebnis.