Frankfurter Buchmesse 2016 eröffnet Ein Gefühl für Flandern und die Niederlande


Frankfurt. Stargast David Hockney schwärmt von der Malerei auf dem iPad. Der bekannte flämische Kinder-und Jugendbuchautor und künstlerische Leiter des Gastlandauftritts von Flandern und den Niederlanden, Bart Moeyaert, vom Meer und weitem Horizont: Die 68. Frankfurter Buchmesse ist wieder ein großer Erlebnisraum.

Erst die eindringliche Mahnung vom Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Heinrich Reithmüller, an die Politik, weltweit die Meinungsfreiheit zu schützen, dann folgte am Dienstagmorgen bei der Eröffnungspressekonferenz der weltgrößten Buchmesse (19. bis 23. Oktober) ein Loblied auf die zeichnerischen Möglichkeiten des iPads: Vorgetragen wurde es vom mit großer Spannung erwarteten David Hockney: Der 79-jährige britische Maler, Fotograf und Multimediakünstler schwärmte von der „ungeheuren Farbpalette“ und der Schnelligkeit des Mediums: „Ich kann morgens gleich loslegen, und muss nicht erst ein Glas Wasser und Pinsel holen“, sagte der Stargast, der am Eröffnungstag sein 35 Kilo schweres Buch „Sumo – A Bigger Book“ beim Taschen Verlag vorstellen wird.

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Themen- und Szenenwechsel ein paar Minuten später in der Halle Forum: Schon vor 450 Jahren sei der Verleger Christophe Plantin regelmäßig zur Frankfurter Buchmesse gereist, erzählt Bart Moeyaert vor Journalisten im Gastland-Pavillon. Zu einer Zeit also, als Flandern und die Niederlande noch zusammengehörten. Nun treffen sie sich also wieder an diesem Ort und präsentieren sich zum zweiten Mal nach 1993 als gemeinsamer Sprach- und Kulturraum als Gastland.

Man sagt den Flandern und Niederländern auch nach, dass sie sich nicht besonders für die Literatur des jeweiligen Nachbarn interessierten. Heinrich Reithmüller erwähnt auch, was die beiden Regionen trennt „politische Systeme, Mentalitäten und Sprachunterschiede“.

Blick übers Meer inspirierte

Vielleicht brauchte es dann auch einen Autor als künstlerischen Leiter wie den preisgekrönten flämischen Kinder- und Jugendbuchautor Bart Moeyaert, um der Fantasie auf beiden Seiten auf die Sprünge zu helfen: „Das ist, was wir teilen – Dit is wat we delen“ – ein Blick über das Meer, über die Nordsee, inspirierte Moeyaert für dieses Gastland-Motto. Die Nordsee als verbindendes Element der belgischen Region sowie der Niederlande. So kam er auf die Idee, darüber zu reden, „was wir teilen.“ Danach könne man über die Unterschiede reden, denn jetzt hätten sie eine Basis“, meint Moeyaert.

Dass die künstlerische Leitung nicht die Handschrift eines Kulturmanagers, sondern die Handschrift eines Schriftstellers trägt, wird auf den ersten Blick im Gastland-Pavillon klar: Auf der riesigen, weiten „Strand“-Fläche mit Backsteinpflaster in der Mitte der 2300 Quadratmeter großen Halle schaut man auf das Meer, das auf die 100 Meter langen halbtransparenten Vorhänge projiziert wie ein riesiges Aquarell wirkt. Dahinter scheint ein Horizont mit Büchern durch, die wie Häuser aussehen. Und immer wieder geht die Sonne auf und unter. Dreht man sich um, fällt der Blick auf verschiedene Stationen am Rand darunter ein Theater, hier soll es überraschende, wechselnde Gesprächsformate mit Autoren, Illustratoren und Musiker geben; ein Kino, das Autorenporträts zeigt; ein Atelier, in dem man miterleben kann, wie unter der Leitung von Joost Swarte und Randall Casaer Illustratoren und Autoren die Graphic-Novel -Zeitschrift „Parade“ entsteht und dann gibt es noch die Fernweh-Oper, wo der Besucher eine Virtual-Reality-Erfahrung machen kann: So findet man sich plötzlich in einem opulenten Opernhaus wieder und lauscht gebannt der Riesin „Asteria“, die barfuß in einer dramatischen Elegie ihren Geliebten ansingt.

Erlebnisraum kein Bauwerk

Wenn Moeyaert von „seinem“ Pavillon spricht, dann redet er von einem „pulsierenden Herzen“, dabei sind die Ehrengäste mit verschiedenen Aktionen – wie einem Bucharzt – auch in Halle 3, 4, 5 und auf der Agora präsent. „Wir haben den gemeinsamen Horizont und das weite, endlose Meer“, sagt er. Kurzum: Der Pavillon soll ein Erlebnisraum kein Bauwerk sein. Hier zählen die Fantasie, das Erleben, die Emotionen – und Erfahrungen, die bleiben und Lust machen auf die Bücher der Ehrengäste: Und das sind über 450 Neuerscheinungen aus dem Niederländischen, die in Deutschland zum Gastlandauftritt erscheinen, darunter Belletristik, Sachbuch, Poesie, Kinder- und Jugendbuch und Graphic Novel. Ein enormer Anstieg, zum Vergleich: Bisher gab es in den vergangenen Jahren im Durchschnitt 85 neue Übersetzungen pro Jahr. Darunter sind allein 306 literarische Titel. 132 deutsche Verlage kauften die Lizenzen für Bücher flämischer und niederländischer Autoren.

Diese Zahlen zeigen ein großes Interesse deutscher Verlage an der Literatur der europäischen Nachbarn. 99 bekannte und noch unbekannte Autoren werden in Frankfurt vor Ort sein – und das umfangreiche literarische und kulturelle Rahmenprogramm mit Leben füllen.


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