Neue Akzente bei den Musiktagen Donaueschingen 2016: Es darf auch mal gelacht werden


Björn Gottstein hat seinen Einstieg als Leiter der Donaueschinger Musiktage gegeben. Er hat dabei einige Akzente gesetzt und darf sich über ein gelungenes Festival 2016 freuen.

Donaueschingen. Man darf getrost sagen: Humor hat in der zeitgenössischen Musik seinen Platz gefunden. Etwa, wenn Bernhard Gander in „Old Cadaver with Thirteen Scary Scars“ den Rhythmus eine rauschende Party feiern lässt und sich daraus plötzlich und recht organisch Beethovens fünfte Sinfonie ergibt. Oder Peter Ablinger: Der nennt sein Stück „Die schönsten Schlager der 60er und 70er Jahre“ und verspricht denjenigen handsignierte CDs und LPs, die erkennen, welche Schlager er in seinem sechssätzigen Werk verarbeitet hat. Eine knifflige Aufgabe, denn in harmonischen Strukturen und Melodiefetzen schimmert in der Interpretation durch das Ensemble Recherche vermeintlich Bekanntes durch - und geht wieder unter im Dickicht der Verfremdung. Gewissen Ansprüchen muss der Humor bei den Donaueschinger Musiktagen schon genügen. Weiterlesen: Die Donaueschinger Musiktage 2015

Neue Akzente

Ablingers Komposition ist eines der Werke, die der im letzten Jahr verstorbene langjährige Musikfest-Leiter Armin Köhler noch in Auftrag gegeben hat. So ist das diesjährige Festival zwar das erste, das der neue Leiter Björn Gottstein verantwortet, das aber noch zur Hälfte durch seinen Vorgänger geprägt ist - der Stabwechsel hätte nächstes Jahr erfolgen sollen. Doch Gottstein hat bereits eigene Akzente gesetzt: Ein Schwerpunkt auf die Musik aus dem englischsprachigen Raum hat sich, so sagt er im SWR-Interview, gewissermaßen von selbst ergeben. Einen anderen hat er gesetzt: Die Donaueschinger Musiktage suchen nach den Brücken zur populären Musik.

Mit „discorde“ hat Michael Wertmüller eine solche hergestellt. Das Klangforum Wien und die Formation Steamboat Switzerland überwinden unter der Leitung von Titus Engel mühelos die Grenzen zwischen Neuer Musik auf der einen Seite und Jazz und Rock auf der anderen. Der feinsinnige Klangtüftler Wertmüller setzt ein filigranes Duo aus Harfe und gezupften Cello-Tönen an den Anfang, verdichtet Streicher zu kantigen Klangfahnen, lässt langsame und schnelle Zeitebenen parallel ablaufen und schafft Freiräume für jazzrockige Soli. Garniert wird das durch den Sound der Hammond-Orgel, der ja nicht zuletzt durch den Hard Rock der 70er Jahre zu Ehren gekommen ist. So fallen auch die Reaktionen aus: Das Stück, das zu den Höhepunkten des diesjährigen Festivals zählt, wird frenetisch bejubelt.

Anschluss ans breite Publikum?

Humor, fröhliches Zitieren, Brücken zum Pop: Das klingt, als suchten die Donaueschinger Musiktage Anschluss an ein breiteres Publikum. Tatsächlich ist die Neue Musik längst zugänglicher geworden, und in einer „Lecture“ - ein neues Format von Gottstein - wagt der britische Philosoph Roger Scruton gar die These, die Donaueschinger Hausgötter Boulez und Stockhausen hätten die Musik in eine Sackgasse geführt. 

Einen Weg in in eine andere Richtung weisen denn süße, schöne Klänge in „Omega“, mit dem der Schwede Jan W. Morthenson sein sinfonisches Schaffen beschließen will, oder in „The Gates“ von James Dillon: Werke für einen mutigen Repertoirebetrieb. Aber für ein Eröffnungskonzert in Donaueschingen? Aufhorchen lässt eher Klaus Schedl mit seiner Komposition „Blutrausch“ - nicht nur, weil dabei der Komponistenkollege Moritz Eggert als Stimmkünstler einen Donaueschingen-Cameo-Auftritt hat.

In dem Stück handeln das SWR Symphonieorchester und das SWR Experimentalstudio unter der Leitung von von Pierre-André Valade in 20 Minuten den Krieg ab. Maschinengewehre rattern, Raketen und Moritz Eggert heulen, die Schlacht tobt. Und selbst wenn sich der Dampf lichtet, schneiden Flöten weiter scharf Bombensplitter in die Gehörgänge. Am Ende pulsiert das Blut dunkel, und ein einsames Violoncello schnurrt leise und erschöpft bis zum bitteren Ende. Harte Kost, zumal, weil Schedl eine Studie über Kindersoldaten zum Anlass für seine Komposition genommen hat. Die Baar-Sporthalle, traditionell Ort des Orchester-Eröffnungskonzerts, wird gewissermaßen zum Kriegsschauplatz, an dem man sich fast vor einschlagenden Granaten wegducken möchte. Aber genau hier liegt das Problem von „Blutrausch“: Der hohe Grad an Realität wird nur ansatzweise in Kunst überführt.

Zaghafter Trend

Doch das Werk verweist auf einen Trend, der sich zaghaft andeutet: Die Donaueschinger Musiktage reagieren auf tagesaktuelle Problemstellungen. So hat der 1977 in Bremen geborene Hannes Seidl ein Flüchtlingsprojekt erarbeitet: „Good Morning Deutschland“ heißt es, eine „Radiofone Performance“ bei der live aus einer Flüchtlingsunterkunft in Donaueschingen gesendet wird.

Trotzdem bleibt das Festival jenes Ufo, das alljährlich Freaks ablädt, die in in aller Abgeschiedenheit den gegenwärtigen Stand der Neuen Musik reflektieren. Dabei gibt es in diesem Jahr keine Ärgernisse, sondern höchstens Kompositionen, deren Schönheiten und Raffinesse sich in Redundanzen verlieren. Aber es gibt fantastische Werke: Das puristisch auf den Punkt komponierte „Skin“ von Rebecca Saunders zählt dazu, von der Sopranistin Juliet Fraser und dem Klangforum Wien packend umgesetzt. Oder „The Sirens Cycle“ von Peter Eötvös: Das Calder Quartett entwickelt dabei mit ganz konventionellen Mitteln einen umwerfende Vielfalt an Klängen, mit der filigranen thematischen Struktur. Im Mittelpunkt aber steht Audrey Luna, die mit ihrem fantastischen Koloratursopran Texte von James Joyce, Homer und Franz Kafka umsetzt: Sirenengesänge, denen man sich mit großer Wonne aussetzt. Weiterlesen: Das „Oratorium balbulum“ von Peter Eötvös bei den Salzburger Festspielen

Den Schlusspunkt des diesjährigen Festivals setzt dann Georg Friedrich Haas am Sonntagabend mit seinem Posaunenkonzert: Ein Werk, das aus einem schlichten c-Moll-Akkord eine mikrotonale Sphärenmusik entwickelt. Das SWR Symphonieorchester spielt im Jahr eins nach der Fusion prächtig, diesmal unter Alejo Pérez. Mike Svoboda gestaltet den Solopart kraftvoll und farbenreich - eine feinsinnige Erinnerung an Armin Köhler, der auch dieses Werk noch in Auftrag gegeben hatte. Weiterlesen: SWR Orchester und die Signalwirkung der Fusionierung


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