Plädoyer für Grenze der Duldsamkeit Michael Schmidt-Salomons neues Buch über Toleranz

Meinungsstarker Einsatz für die Pluralität: Michael Schmidt-Salomon als Gast bei der NOZ-Agenda „Zuwanderung und Zusammenleben: Deutschland und seine Religionen“ im Osnabrücker Haus von NOZ Medien. Foto: Jörn MartensMeinungsstarker Einsatz für die Pluralität: Michael Schmidt-Salomon als Gast bei der NOZ-Agenda „Zuwanderung und Zusammenleben: Deutschland und seine Religionen“ im Osnabrücker Haus von NOZ Medien. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Toleranz üben oder klare Kante zeigen? Michael Schmidt-Salomons neues Buch führt das Wort Toleranz im Titel. Der Religionskritiker übt sich jedoch in Abgrenzungen.

Hier Pegida, dort der Islamismus und mittendrin: Michael Schmidt-Salomon. Der Philosoph kämpft sich seit Jahren durch das verminte Gelände der hitzigen Debatten um Freiheit und ihre Bedrohungen, die derzeit vor allem von religiösen Fundamentalismen und Positionen des Rechtspopulismus ausgehen. Der von Medienleuten gern als „Chef-Atheist“ bezeichnete und in Talkshows regelmäßig präsente Schmidt-Salomon befeuert die Debatte seinerseits mit thesenstarken Bekenntnissen zu einem Humanismus, der Religionen hinter sich lässt und eine evolutionäre Fortschrittsentwicklung der Menschheit favorisiert, die Gott als Bezugspunkt nicht mehr braucht. Der Autor hatte diese Haltung zuletzt in seinem Buch „Hoffnung Mensch“ ebenso materialreich wie pathetisch dargestellt. Nun legt er mit „Die Grenzen der Toleranz“ nach. Hier weiterlesen: Wie war die NOZ-Agenda zum Thema Religionen? Hier der Bericht.

Haltung gelassenen Ertragens

Dabei klingt der Buchtitel zunächst nach einem Themenwechsel. Toleranz meint eine Haltung des gelassenen Ertragens unterschiedlicher, einander womöglich sogar widerstreitender Ansichten oder Verhaltensweisen. Toleranz bewältigt die Zumutung, die in der von der eigenen Position abweichenden Meinung liegen kann. Sie zielt auf eine Duldung, die friedliche Koexistenz ermöglicht. Toleranz kann Kontrahenten zu gegenseitigem Respekt bringen. In seltenen Fällen führt sie diese Kontrahenten dazu, sich in ihren Haltungen einander anzunähern. Toleranz setzt dafür allerdings einen Grundkonsens zivilisierten und vor allem friedlichen Verhaltens voraus. Hier weiterlesen: Aufklärung als globales Projekt - der Philosoph Arnim Regenbogen im Interview.

Die Freiheit verteidigen

Schmidt-Salomon nennt das Wort Toleranz im Titel seines Buches, formuliert in dem Band allerdings eine Fülle klarer Abgrenzungen. Toleranz üben oder doch lieber klare Kante zeigen? Wenn es um Fundamentalisten des Islam oder Populisten vom rechten Rand des politischen Spektrums geht, liegt für den Autor die Sache klar. Schmidt-Salomon ruft dazu auf, die Zivilgesellschaft entschiedener als bisher zu verteidigen und sich dafür auch das Mittel der „zivilisierten Verachtung“ einzusetzen. Sein Credo: Religiöse Bräuche oder kulturelle Gewohnheiten verdienen in der Regel keine Toleranz. Ihre Duldung führt nach Schmidt-Salomon vor allem dazu, dass Errungenschaften der freiheitlich-pluralistischen Gesellschaft ins Hintertreffen geraten, wenn religiöse Unterschiede zu sehr geachtet werden. Hier weiterlesen: Starke Konzepte der Toleranz - der Philosoph Heiner Hastedt im Interview.

Mitten im Meinungsgetümmel

Die Toleranz findet in Schmidt-Salomon keinen Verfechter. Wie der Philosoph Slavoj Zizek oder der Publizist Henryk M. Broder kritisiert der Autor die Haltung der Toleranz als zu nachgiebig, sieht sie als „Erduldung einer Last“ vor allem negativ. Natürlich hat Schmidt-Salomon recht, wenn er den Einsatz für Freiheitsrechte und die plurale Zivilgesellschaft einfordert. Sie bildet den Werterahmen für Toleranz. Allerdings erneuert sich das ideelle Zentrum einer pluralen Gesellschaft auch immer wieder durch geübte Toleranz. Pluralität kann nicht einfach behauptet werden, sie entsteht, wenn die Divergenz der Meinungen immer wieder aufgezeigt wird - und zwar durch die duldsame, an Argumenten orientierte Haltung derjenigen, die am öffentlichen Gespräch teilnehmen. Hier weiterlesen: Mit Toleranz für ein Klima des Respekts. Ein Essay .

Leider versteht Schmidt-Salomon Toleranz viel zu wenig als Übung und Praxis, um differenzierte Vorschläge in dieser Richtung machen zu können. Er will es wohl auch nicht. Schmidt-Salomon bezieht lieber die Verteidigungsstellung gegen alle, die sich selbst als intolerant erweisen. Sein Platz ist eher mitten im Meinungsgetümmel als am Verhandlungstisch. Damit begibt er sich der Chance, über Appelle hinaus verfeinerte Vorschläge für den besseren Umgang der Menschen miteinander zu machen. Toleranz löst nicht alle Probleme, aber sie kühlt die Hitze manchen Wortgefechts. Und das ist gegenwärtig schon einiges wert. Hier weiterlesen: Was sagen Dichter und Denker zur Toleranz? Hier Zitate von Goethe bis Henryk M. Broder .

Michael Schmidt-Salomon: Die Grenzen der Toleranz. Warum wir die die offene Gesellschaft verteidigen müssen. 224 Seiten. Piper-Verlag. Zehn Euro. Info: www.schmidt-salomon.de


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN