Opernhaus Düsseldorf Grandioser „Otello“ als Kammerdrama

Von Pedro Obiera


Düsseldorf. Mit einem grandiosen Auftakt startete die Deutsche Oper am Rhein in die neue Saison. Auch wenn Michael Thalheimers Inszenierung von Verdis „Otello“ bereits im März mit großem Erfolg in Antwerpen über die Bühne ging, ist die Rheinoper nach der letzten schwachen Saison auf solche Vitaminspritzen dringend angewiesen.

Michael Thalheimer gelingt das Kunststück, mit minimalistischen Effekten Verdis „große Oper“ auf die Perspektive eines Kammerdramas zu fokussieren und den Abend unter geradezu atemlose Spannung zu setzen. Das Stück wird mit gnadenloser Konsequenz aus der Sicht Otellos gezeigt, der sich in einem schwarzen Raumquader des Bühnenbildners Henrik Ahr unentrinnbar seinen eigenen Gefühlen und Ängsten wie auch dem Erfolgsdruck durch das Volk ausgesetzt sieht, das ihn bejubelt, aber auch wie eine schleimige Masse in die Enge treibt.

Außenseiter Otello

Otello bleibt als „Mohr“ mit seiner schwarzen, an den venezianischen Karneval erinnernden Maske ein Außenseiter, der es vom Sklaven zum Feldherrn Venedigs gebracht und zugleich das Herz der begehrten Desdemona erobern konnte. Erfolge, die Otello ständig bedroht sieht und in geradezu pathologische Angststörungen stürzt. Alles ist schwarz in der Inszenierung, mit Ausnahme des verräterischen Taschentuchs und des blütenweißen Brautkleids, auf und in dem Otello am Ende Desdemona fast liebevoll erwürgt.

Raffinierte Beleuchtung

Ein Sonderlob verdient Stefan Bolliger für die raffinierte Beleuchtung, mit der er die Figuren in schillernde, teilweise gespenstische Lichtlandschaften taucht. Da nimmt Jago nicht nur in seinem nihilistisch zynischen Credo bisweilen vampyrhafte Züge an. Und auch die alles andere als mädchenhaft schüchtern auftretende Desdemona erhält ungewohnt scharfe Konturen. Sie, die den Außenseiter gegen alle familiären und sozialen Einwände, getrieben von Mitleid, heiratete und sich selbst an den gesellschaftlichen Rand rückte.

Thalheimer setzt auf ein rasantes Spieltempo, dosiert die Bewegungsenergie der Figuren aber sehr differenziert und spielt mit pathetischen Gesten, drosselt Bewegungsabläufe auf Zeitlupentempo und rückt immer wieder die grandios ausgeleuchteten Gesichter in den Mittelpunkt.

Orchestraler Dauerlauf

Vom Turbo-Druck der Inszenierung fühlt sich auch Generalmusikdirektor Axel Kober zu einem orchestralen Dauerlauf animiert, der den lyrischen Teilen nicht immer gut bekommt. Zum Glück findet Thalheimer im Liebesduett und in den ersten Szenen des vierten Akts zu einer ruhigeren Gangart, die Kober mitträgt. So theatralisch packend die Inszenierung, so orchestral impulsiv klingt es insgesamt aus dem Orchestergraben. Das führt dazu, dass Zoran Todorovich in der Titelrolle ständig an der Grenze seiner konditionellen Möglichkeiten singt. Ein Labsal für die Stimme ist das nicht, aber den dramatischen Impetus des Stücks bringt er eindrucksvoll über die Rampe.

Auch Boris Statsenko setzt mit seinem mächtigen Bariton auf starke Effekte. Darstellerisch wie stimmlich kommt bei ihm die zynische Bösartigkeit der Rolle zum Tragen, weniger die Qualitäten eines noblen Kavalier-Baritons. Neben Statsenko wurde Jacquelyn Wagner als Desdemona am stärksten bejubelt. Sie verbindet mit ihrem leuchtenden, mühelos ansprechenden Sopran sowohl die selbstbewussten wie auch zerbrechlichen Akzente der Rolle. Ihre Auseinandersetzung mit Otello im dritten Akt und ihre Solo-Gesänge im Todes-Akt gehören zu den Höhepunkten des Abends.

Sarah Ferede stattet die Emilia mit viel Power aus, während der Mozart-geschulte Tenor Ovidiu Purcel dem Cassio eher zarte Züge verleiht. Ansonsten kann sich die Rheinoper auf ihr hervorragendes Ensemble und ihren ebenso guten Chor verlassen.

Begeisterter Beifall für eine packende Verdi-Produktion, die auf bessere Zeiten an der Rheinoper hoffen lässt.


Die nächsten Aufführungen im Opernhaus Düsseldorf: am 13., 16., 19., 22. und 29. Oktober sowie am 1., 4., 10. und 13. November. Infos: www.operamrhein.de.

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