Geniales Duo: Barenboim und Kupfer Berliner Staatsoper eröffnet Saison mit „Fidelio“

Die finnische Sopranistin Camilla Nylund als Leonore bei der Probe. Foto: Gregor FischerDie finnische Sopranistin Camilla Nylund als Leonore bei der Probe. Foto: Gregor Fischer

Berlin. Große Oper, von der Musik her gedacht und entwickelt: Das ist Harry Kupfer und Daniel Barenboim in Berlin mit dem „Fidelio“ gelungen.

Der wahre Thriller tobt im Orchestergraben. Was türmen Daniel Barenboim und seine Staatskapelle Berlin nicht an Schrecken auf, was dämmern goldscheinende Utopien vorsichtig auf, was entfesselt sich nicht für einen Jubel über den Sieg von Humanismus, Freiheit und Liebe! Nur selten darf man Oper auf einem derart hohen emotionalen Niveau erleben wie diesen „Fidelio“ in der Staatsoper Berlin. Weiterlesen: Intendant Jürgen Flimm inszeniert Mozarts „Figaro“

Beethoven im Fokus

Bereits in der Ouvertüre zeichnen Orchester und Dirigent diese Intensität vor. Barenboim wählt die zweite Leonoren-Ouvertüre, vielleicht, weil sie den Gehalt der Oper so komprimiert vorzeichnet. Vor geschlossenem Vorhang entfaltet der musikalische Hausherr die unglaubliche, Geschichte, in der sich eine Frau, als Mann verkleidet, in die Familie eines Gefängnisdirektors einschleicht, um ihren inhaftierten Mann zu befreien. Barenboim dimmt dabei sein Orchester bis an die Grenze der Wahrnehmbarkeit herunter, lässt es aber auch aufschreien vor Anspannung, Angst und Wut über diktatorische Willkür. Ein einsames Trompetensignal bricht diese Wut, ein Licht aus einer anderen Welt, und in diesem Moment scheint hinter dem Vorhang ein Licht auf und leuchtet eine Beethoven-Büste auf einem Bechstein-Flügel an.

Man könnte das als Gag abtun. Doch im Verlauf des Abends erweist sich dieses Licht als Schlüsselszene: Denn Regiemeister Harry Kupfer macht Beethovens Musik und dessen humanistische Ideale zum Referenzpunkt seiner Inszenierung. Deshalb laufen seine Protagonisten mit dem Klavierauszug zum „Fidelio“ in der Hand über die Bühne. Das gipfelt in einem Finale, das gleichsam als Oratorium den Sieg von Gerechtigkeit und Liebe feiert, eine Ode an die Freiheit: Der Staatsopernchor steht in Alltagskleidung an der Rampe, als würde man einer Probe beiwohnen – stärker kann sich ein Regisseur kaum in den Dienst der Musik stellen. Umso kraftvoller entfaltet diese ihre Kraft. Dank Barenboim und auch dank eines von Martin Wright einerseits, im Gefangenenchor, auf höchste Intensität, im Finale aber auf maximale Prachtentfaltung ausgerichteten Staatsopernchores .

Kupfer verzichtet indes keineswegs auf theatralische Mittel, nur dosiert er sie eben fein. Die Geschichte spielt in einem Gefängnis, also baut Hans Schavernoch dazu ein Gefängnis auf die Bühne der des Schillertheaters. Weiterlesen: Jette Steckels fragwürdige „Zauberflöte“ in Hamburg

Sprechende Wände

Die Wände sind voller Inschriften, wie sie im Kölner Gestapo-Gefängnis im EL-DE-Haus gefunden wurden: Zeugnisse tiefster Verzweiflung, aber auch von Hoffnung: „Freiheit“ steht zentral an der sprechenden Wand. Düster und grau ist es dort nicht nur für die Gefangenen, sondern auch für das Wachpersonal und deren Angehörige. Nur der Flügel mit Beethoven-Büste vermittelt einen Hauch von Behaglichkeit.

Hier singt zunächst Marzelline – mit bezaubernden Charme einer jungen Frau: Evelin Novak – allein für sich, dann streitet sie mit Jaquino (ebenfalls jugendlich und frisch: Florian Hoffmann), weil der Marzelline heiraten an Fidelio verliert. Auch Rocco findet diesen Fidelio gut, nur Fidelio selbst ist recht reserviert, weil er ja in Wahrheit Leonore ist, die ihren Mann Florestan aus dem Kerker befreien will. Das Quartett der vier ist ein erster magischer Moment an diesem Abend: Barenboim stellt das Licht auf tiefste Empfindsamkeit, und Novak, Hoffmann sowie Matti Salminen als Rocco und Camilla Nylund als Fidelio/Leonore vereinen wiederstrebende Empfindungen und Erwartungen in einem traumschönen Ensemble.

Diesen Rocco stellt Salminen mit wohlig-sonorer Stimme ist Pfennigfuchser, gütigen Vater, Befehlsempfänger in einer Person dar; kein williger Vollstrecker, aber doch ein stiller Mitläufer in Bieder-Beige, der sich lieber arrangiert, als sich gegen den Gouverneur Pizarro aufzulehnen – Falk Struckmann singt ihn mit der schneidende Kälte eines Despoten, aber leider nicht immer mit der Klarheit, die seinem anzuggrauen Auftreten den letzten Schliff verliehen hätte. Gleichwohl vermittelt Struckmann glaubhaft den Mann, der für seine Ziele mordet – in diesem Fall eben Florestan.

Leonore verhindert das, und Camilla Nylund ist zwar viel zu feminin, um ihr den jungen Mann Fidelio abzunehmen. Aber sie hat das heroische Feuer in der Stimme, das sie entschlossen die Pistole auf Pizarro richten lässt- zu dem ähnlichen Trompetensignal, zu dem während der Ouvertüre Beethovens Büste aufgeht wie die Sonne der Gerechtigkeit.

Fantastischer Florestan

Florestan schließlich hat sich in zwei Jahren Kerker seine innere Stärke bewahrt, und die stimmliche gibt ihm Andreas Schager, ein fantastischer Tenor. Er verbindet die unbändige Kraft des jugendlichen Heldentenors mit Einfühlungsvermögen – selten hört man seine Kerker-Arie so intensiv, selten pulsiert seine Leonoren-Vision so mitreißend. Da hat aber wiederum Barenboim gehörigen Anteil dran.

Das Trompeten-Signal im Kerker verkündet die Ankunft des Ministers Don Fernando (Roman Trekel). Da hat sich die Szene vom düsteren Gefängnis in den glänzenden Goldenen Saal des Wiener Musikvereins zurückverwandelt, in dem die Inszenierung ihren Ausgang genommen hatte. Zum grenzenlosen Jubel treibt Barenboim sein Ensemble und sein Orchester, als wolle er das ganze Land beschallen und hässliche Töne übertönen, wie sie an diesem 3. Oktober leider auch erklungen sind. Was diesen „Fidelio“ noch ergreifender macht.


Die nächsten Aufführungen: 7., 9., 14. Oktober. Kartentelefon: 030/20 35 45 55. Online-Tickets gibt es hier.

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