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Verkündung am 13. Oktober Literaturnobelpreis 2016: Die Kür der Kandidaten


Osnabrück. Wer bekommt den Literaturnobelpreis 2016? Am Donnerstag, 13. Oktober 2016, wird der Name verkündet. Wäre Adonis ein Favorit? Wir werfen einen Blick voraus - auf echte Favoriten und Autoren, die den Preis verdient hätten.

The same procedure as every year: Kurz vor der Bekanntgabe des neuen Literaturnobelpreisträgers schlagen die Wellen der Prognosen und Buchmacher-Voten hoch. Kommt endlich einer der seit Jahren genannten Favoriten die höchste Anerkennung, die für einen Literaten weltweit zu erreichen ist? Zuletzt hatten die Stockholmer Juroren Namen aus dem Hut gezaubert, den viele Beobachter erwartet hatten. 2015 gab es den lange erwarteten Preis für Swetlana Alexijewitsch. Die weissrussische Autorin Swetlana Alexijewitsch schreibt über Umweltkatastrophen und die Veteranen des russischen Afghanistan-Krieges. Ihre Bücher bringen Literaur und Journalismus, Fiktion und Dokumentation zusammen. Den Mächtigen in Weissrussland und Russland ist sie damit ein Dorn im Auge. Die Menschen applaudieren dieser couragierten Frau. Die Autorin wird gerade in Deutschland hoch geschätzt. 2013 erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 2001 zeichnete sie die Stadt Osnabrück mit dem Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis aus. (Hier weiterlesen: Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für Alexijewitsch) .

Streit um Lyriker Adonis

Ein anderer Träger des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises könnte in diesem Jahr 2016 eine Favoritenrolle spielen. Der syrische Lyriker Ali Ahmad Said, besser bekannt unter seinem kurzen Autorennamen Adonis, gehört zu den respektablen Kanidaten. Der Lyriker belebt in seinem Werk die weltliche Tradition der islamischen Kultur. Adonis wünscht nach eigenem Bekunden ein Erstarken des Laizismus in der islamischen Welt. Dieses Bekenntnis half ihm 2015 nicht weiter. Die Vergabe des Osnabrücker Preises an den Autor war heftig umstritten. Kritiker wie der zuletzt als möglicher Bundespräsident gehandelte Navid Kermani bemängelten, dass sich Adonis ihrer Meinung nach nicht genügend vom syrischen Assad-Regime distanziere. Literaturkritikerin Sigrid Löffler („Das literarische Quartett“) nannte die Preisvergabe für Adonis einen „Fehlgriff“. Hier weiterlesen: Adonis mit Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis geehrt.

Kommt Enfant terrible Houellebecq zum Zug?

Umstritten ist auch der französische Romancier Michel Houellebecq. Das Enfant terrible der internationalen Literaturszene wird seit Jahren als Kandidat für den Preis gehandelt. In seinem Roman „Die Unterwerfung“ - das Buch erschien am 7. Januar 2015, dem Tag des islamistischen Mordanschlages auf die Pariser Redaktion des Satireblattes „Charlie Hebdo“ - entwarf er das Schreckbild einer Unterwerfung Europas unter islamistische Werte. Auch in früheren Büchern wie „Elementarteilchen“ oder „Karte und Gebiet“ hatte der Romancier den Werteverfall einer in Sex und Konsum befangenen Gesellschaft immer wieder heftig kritisiert. Mit seinen provokanten öffentlichen Auftritten sorgt Houellebecq immer wieder für Skandale. Hier weiterlesen: Aufklärer mit Mut zum Risiko - der Romancier Michel Houellebecq.

Spezialisten der Erinnerung

2014 war ein Autor ausgezeichnet worden, der das Thema der Erinnerung in seinen schmalen Romanen bearbeitet: Patrick Modiano. Er erhielt den Preis vor allem für seinen Roman „Im Café der verlorenen Jugend“, einem Buch über eine junge Frau, die Familie und Ehe verlässt, um sich in einer Odyssee durch Pariser Cafés auf die Suche nach ihrem eigentlichen Leben zu machen. Mit seinem radikalen Erstling „La Place d´Etoile“ hatte Modiano 1968 eine fiktive Biografie rund um jüdische Klischees vorgelegt. 2013 war mit der Kanadierin Alice Munro eine Spezialistin für feinsinnige Liebeserzählungen und Schilderungen von Lebensbrüchen ausgezeichnet worden. Modiano und Munro haben jeweils eine große, treue Leserschaft. Patrick Modiano den Autor melancholischer Bücher der Erinnerung

Preis für Politik oder Literatur?

Dabei steht bei der Verleihung des Literaturnobelpreises eine Frage immer wieder im Vordergrund: Ist die Zuerkennung des Preises als Anerkennung für eine literarische Leistung oder als politisches Votum zu werten? 2012 sorgte die Verleihung an Mo Yan für heftige Kontroversen. Der chinesische Autor galt vielen Beobachtern als zu linientreu gegenüber dem autoritären Regime von Peking. Weitere Frage: Folgt die Preisverleihung einem Proporz der Länder oder Erdteile? Viele Beobachter sehen Weltgegenden wie Afrika oder Südamerika als benachteiligt an. (Hier weiterlesen: Nobelpreis für Alice Munro - ein Sieg für die Literatur) .

Prognose oder Lesen im Kaffeesatz?

Wer könnte in diesem Jahr die Nase vorn haben? Wettanbieter wie Ladbrokes führen ihre eigenen Favoritenlisten, Literaturexperten werfen weissagend ihre Tipps in den Raum. Das alles hört sich nach dem Lesen im Kaffeesatz an. Aber eine Tendenz verblüfft doch. Der Name des tatsächlichen Preisträgers befand sich unmittelbar vor der Bekanntgabe unter den ersten Fünf der Favoriten der Wettlisten.

Wer glaubt noch an Philip Roth?

Bei Namen wie Philip Roth, Don de Lillo oder Jonathan Franzen winken die meisten Literaturexperten ab. Die Spezialisten für die großen amerikanischen Gesellschaftsromane stehen seit Jahren immer oben auf den Tipplisten, wenn es um den nächsten Literaturnobelpreisträger geht. Sie gehören zu den ewigen Kandidaten. Diese und weitere Autoren, etwa auch Joyce Carol Oates, sind in der Literaturwelt und bei Lesern anerkannt und geliebt, aber es hat den Anschein, als hätten sie kaum eine wirkliche Chance. Zu häufige Nennung lässt den Kurswert sinken. Hier weiterlesen: Philip Roth gibt sein letztes Interview .

Preis für einen anderen Amerikaner?

Amerikas Literatur hat aber auch andere Namen zu bieten. Wie wäre es mit Dave Eggers, dem mit „The Circle“, der düsteren Utopie einer zur Diktatur degenerierten Internetwelt eine schlagende Zeitdiagnose gelang? Das Thema der Datensicherheit ist unverändert aktuell. Eggers könnte ein Überraschungssieger sein, aber einer mit einem plausiblen Thema. Zudem hat der Autor eine breite Leserschaft. „The Circle“ ist ein Kultbuch der Facebook-Generation. Hier weiterlesen: Fünf starke Argumente für den Roman „The Circle“.

Eine Chance für Japan?

Mit Haruki Murakami aus Japan und Ngugi Wa Thiong’o aus Kenia sind weiterhin Autoren mit im Rennen, die stark beachtet werden, im Hinblick auf den Nobelpreis aber wohl eher als Außenseiter zu betrachten sind. Der kenianische Romancier und Literaturwissenschaftler Ngugi Wa Thiong’o hat sich mit seinem unerschrockenen Kampf gegen Kolonialismus und Gewaltherrschaft auch als Menschenrechtler einen Namen gemacht. Haruki Murakami fasziniert seine Leser mit surreal angelegten Romanen über plötzliche Verlusterfahrungen und ihre Bewältigung. Zuletzt erschien „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“. (Hier weiterlesen: Haruki Murakamis letzter Roman in der Kritik) .

Warum nicht Uwe Tellkamp?

Geht der Literaturnobelpreis an Botho Strauß? Der Berliner Literaturwissenschaftler Peter-André Alt hielt den Dramatiker 2015 für einen respektablen Kandidaten. Aber wäre das nicht eine rückwärts gewandte Wahl? Strauß sorgte mit seinem Essay „Anschwellender Bocksgesang“ 1993 für einen Literaturskandal. Zuletzt attestierte er in einem „Spiegel“-Essay mit dem Titel „Der letzte Deutsche“ den Deutschen auch einen Status als Vertriebene, vertrieben aus ihren geistesgeschichtlichen Traditionen nämlich. Eine Wahl für Nobelpreis-Jury? Sicher nicht. Deutschlands Literatur hat zwei gewichtige Vertreter des Zeitromans zu bieten, die beide preiswürdig wären: Martin Walser und Uwe Tellkamp, der mit „Der Turm“ den großen Roman zur Zeitgeschichte der DDR vorlegte. Unmöglich scheint ihre Wahl nicht. (Hier weiterlesen: Uwe Tellkamps“ Der Turm“)

Drei Namen, mit denen keiner rechnet

Es gibt sie auch im Feld der Anwärter auf den Literaturnobelpreis - die fröhlichen Außenseiter, die populären Künstler, die niemand auf der Rechnung hat, wenn es um höchste Kulturehren geht. Seit Jahren wird in diesem Segment der Musiker Bob Dylan gedacht. Der Preis für ihn wäre eine Hommage an das Genre der literarisch anspruchsvollen Pop-Ballade. Oder Joanne K. Rowling. Die schottische Autorin hat mit ihren Harry Potter-Bänden Millionen hingerissen und das Lesen zu einem Massenphänomen gemacht. Und wie wäre es mit der Pop-Literatur? Christian Kracht hat mit „Faserland“ einen Klassiker der Gegenwartsliteratur und mit „Imperium“ einen klugen Roman über die ideologischen Wahnvorstellungen eines ganzen Jahrhunderts vorgelegt. (Hier weiterlesen: Rowlings Krimi „Plötzlicher Todesfall“) .

Wer hat den Nobelpreis nie erhalten?

Der Literaturnobelpreis befördert Autorennamen endgültig in die Höhen der Prominenz. Bestes Beispiel dafür war Günter Grass, der die Auszeichnung 1999 vollkommen zurecht erhalten hat. Mit Büchern wie „Die Blechtrommel“ oder „Der Butt“ schrieb Grass Werke der Weltliteratur. Andere Träger des Nobelpreises sind heute kaum noch im allgemeinen Bewusstsein. Wer denkt noch an Dario Fo oder Le Clezio? Lang übrigens auch die Liste großer Autoren, die den Literaturnobelpreis nicht erhalten haben, die Literatur der Moderne aber dennoch maßgeblich mit geprägt haben. Erinnert sei hier nur an Marcel Proust, dessen Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ die Signatur einer Epoche lieferte, oder an Astrid Lindgren, die mit Büchern wie jenen von „Pippi Langstrumpf“ ganzen Lesergenerationen zu einem gelungenen, weil selbstbestimmten Leben verhalf. Hier weiterlesen: Weltliteratur aus Zimmer 414 - Marcel Proust im Seebad Cabourg.

Wann kommt die Entscheidung?

Und wann wissen wir mehr? Die Nobelpreis-Jury verkündet am Donnerstag, 13. Oktober 2016 um 13 Uhr den Träger des Literaturnobelpreises 2016. Ob der Name in der hier ausgerollten Liste enthalten ist? Vielleicht wird es doch wieder ein Autor oder eine Autorin, die vorher niemand auf dem Zettel hatte. Für die anderen Schriftsteller bleibt ein Trost. Sie gelten dann 2017 wieder als heiße Kandidaten für den begehrtesten Preis der Literaturwelt.

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