Kandidat für Literaturnobelpreis 2016? Michel Houellebecq: Aufklärer mit dem Mut zum Risiko

Von Dr. Stefan Lüddemann

Enfant terrible der Literaturszene: Michel Houellebecq spielt das perfekte Verwirrspiel des Aufklärers als Provokateur einer saturierten Öffentlichkeit. Foto: dpaEnfant terrible der Literaturszene: Michel Houellebecq spielt das perfekte Verwirrspiel des Aufklärers als Provokateur einer saturierten Öffentlichkeit. Foto: dpa

Paris. Michel Houellebecq fasziniert und irritiert. Alle lesen seine Romane, aber keiner mag den Autor. Houellebecq liest dem Westen die Leviten. Deshalb wäre er ein Mann für den Literaturnobelpreis.

Sein Name gehört ganz nach oben auf die Liste der Kandidatinnen und Kandidaten für den Literaturnobelpreis 2016: Michel Houellebecq. Mit seinen Romanen nervt und narrt er die Öffentlichkeit. Zugleich überwältigt er sie mit schmerzend präzisen Zeitdiagnosen, die regelmäßig neuralgische Punkte treffen. Hier der geniale Romancier, der treffende Versuchsanordnungen westlicher Dekadenz und Selbstvergessenheit erfindet, dort der zündelnde Medienmann, der mit kruden Ansichten zu Islam und Geschlechterrollen verstört – Houellebecq macht es niemandem leicht. Hier weiterlesen: Wer ist Michel Houellebecq - der Skandalautor im Porträt.

Freischärler im Meinungskampf

Denn er kippt mit diabolischer Freude das Koordinatensystem der Medienöffentlichkeit aus ihrem Gleichgewicht. Zu dessen erwartbarem Personal gehörte bislang die Figur des Großschriftstellers als moralischer Instanz. Houellebecq agiert aber als Freischärler im Meinungskampf. Allein damit zwingt er sein Publikum zu ungewohnter Beweglichkeit. Das gilt auch für seine Romane. Houellebecq verunklärt lustvoll die Grenze zwischen Romanfiktion und Privatleben. Hören wir in seinen Romanen wirklich nur fiktive Figuren oder spricht da nicht der Autor fortwährend selbst? Ist Houellebecq womöglich selbst jener Reaktionär, Sexist, Opportunist, lasche Konsument, den er als Protagonisten in seinen Romanen auftreten lässt? Große Kunst verdankt sich selten lauterem Lebenswandel. Aber bei Houellebecq scheint die Sache besonders klar zu sein: Alle sehen in ihm das Ekel. Thomas Manns mokanter Spruch über Bertolt Brecht gilt auch hier: „Sieh an, das Scheusal hat Talent!“. Hier weiterlesen: Houellebecq - auch am Theater Osnabrück.

Düstere Prophezeiungen

Und vor allem das Talent der düsteren Gesellschaftsprophetie. Mit dem Roman „Die Unterwerfung“, der ausgerechnet zum Zeitpunkt des Anschlages auf das Pariser Satiremagazin „Charlie Hebdo“ am 7. Januar 2015 erschien, entwarf er das Bild einer laizistischen Republik Frankreich, die sich aus Bequemlichkeit und Opportunismus einem muslimischen Präsidenten und seinem Wertesystem unterwirft. Auch frühere Romane wie „Elementarteilchen“ (1998) „Plattform“ (2001) oder „Karte und Gebiet“ (2010) sind aus dem Diskurs über die Gegenwart nicht mehr wegzudenken, weil sie die Widersprüchlichkeit einer westlichen Kultur auf den Punkt bringen, in der die Werte an das Geld, Liebe an den Sex, Großherzigkeit an die Berechnung und das freie Leben an den Konsum verraten wird. Houellebecq sticht in die empfindlichen Zonen einer aufgeweichten westlichen Identität. Deshalb hassen ihn alle. Aber deshalb kann auch niemand von ihm und seinen Büchern lassen. Dieser Autor steht wie eine schwarze Sonne am medialen Himmel. Hier weiterlesen: „Karte und Gebiet“ - der beste Roman von Michel Houellebecq.

Star der Negation

Houellebecq, der Star der Negation: Mit seiner Dankesrede zur Verleihung des Frank-Schirrmacher-Preises hat er diese Rolle gerade wieder entnervend eindeutig bestätigt. Der Autor verstörte mit seiner Einschätzung, dass die Prostitution die Institution der Ehe stütze, er feierte Kollegen wie die konservativ identitären Autoren Maurice Dantec und Philippe Muray, die ein militant gestähltes Christentum gegen den Islam in Stellung bringen wollten. Houellebecqs Rede zieht alarmistisch aufgeregte Entgegnungen, etwa der feministischen Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken, wie einen glühenden Kometenschweif hinter sich her. Wen wundert das noch? Hier weiterlesen: Edgar Selge brilliert in „Die Unterwerfung“.

Keine korrekte Konsensfigur

Nein, mit Michel Houellebecq wäre kein politisch korrekter Autor zu feiern, auch kein Publikumsliebling vom angenehmen Schlage Alice Munros und Patrick Modianos, der Preisträger von 2013 und 2014, erst recht keine politisch korrekte Konsensfigur wie die im letzten Jahr ausgezeichnete Swetlana Alexijewitsch. Der Preis für Houellebecq wäre ein anderes Zeichen, ein Zeichen für den Autor als jener wirklich freien Instanz, die gerade den sich moralisch überlegen fühlenden Westen mit unangenehmen Einsichten konfrontiert. Houellebecq sprengt die Komfortzone. Er stößt alle, die ihn lesen, in das freie Feld einer neuen Aufklärung. Das macht ihm kaum ein anderer Autor nach. Hier weiterlesen: Michel Houellebecq - „Die Unterwerfung“ in der Kritik.