Neuer Film „Nebel im August“ Berührendes Jugenddrama

Von Wolfgang Mundt


Osnabrück . Als scheinbar hoffnungsloser Fall wird der 13-jährige Ernst Lossa (Ivo Pietzcker, bekannt aus „Jack“) 1942 in eine „Heil- und Pflegeanstalt“ verlegt. Dort stößt der aufgeweckte Junge auf den Anstaltsdirektor Dr. Walter Veithausen (Sebastian Koch). Dieser führt dort gerade die perfiden Methoden des NS-Euthanasieprogramms ein. Das auf einem Tatsachenroman fußende Drama hat mit Fritzi Haberlandt eine weitere hochkarätige Schauspielerin zu bieten.

Doktor Walter Veithausen ist ein freundlicher Arzt. Sorgfältig nimmt er die Neuen in seine psychiatrische Heil- und Pflegeanstalt in Kaufbeuren auf. Mit deutscher Gründlichkeit wird vermessen, dokumentiert und fotografiert. Jedoch ist der von dem sympathisch aussehenden Schauspieler Sebastian Koch interpretierte Doktor ein Verfechter des nationalsozialistischen Euthanasie-Programms.

Hat er im Jahre 1942 die von ihm persönlich selektierten Insassen noch mit auffälligen Transporten ins Gas der hessischen Tötungsanstalt Hadamar geschickt, so entwickelte er jetzt neue Eliminierungsideen: konsequente Mangelernährung und in süßem Himbeersaft versteckte tödliche Drogen. Als sein brünetter Todesengel fungiert die attraktive Schwester Edith (Henriette Confurius).

Doch es gibt auch human agierende Menschen an diesem barbarischen Ort: Oberschwester Sophias (Fritzi Haberlandt) tief gläubiger Katholizismus will junge Menschenleben bewahren.

Ivo Pietzcker als Ernst

Allen voran steht der Hauptdarsteller Ivo Pietzcker, der dem Jungen Ernst Lossa, Sohn fahrender Händler und Halbwaise, ein überzeugendes und facettenreiches Gesicht gibt. Dieser war als ein gesunder „Jenischer“, das heißt als Nicht-Zigeuner und Sohn fahrender Händler ohne festen Wohnsitz, in der menschenverachtenden Nazi-Ideologie genauso wenig lebenswert wie die körperlich und geistig Behinderten im Heim.

Die Opfer stehen hier deutlich im Mittelpunkt. Und Ernst kümmert sich um sie, denn er erkennt nach und nach die Tötungsmaschinerie, die selbst vor Taubstummen oder Epileptikern nicht halt macht.

Mit David Bennent

Viele interessante Charaktere der Nebenfiguren wie zum Beispiel der von „Die Blechtrommel“-Star David Bennent gespielte Oja haben ihren Platz in der Filmerzählung, ohne den Fokus auf Ernst Lossa zu verkleinern. Der bekommt zum Filmende sogar mit der an „Fallsucht“ leidenden gleichaltrigen Nandl eine fiktive zarte platonische Liebesgeschichte dazu, die dramaturgisch sinnvoll abrundend wirkt.

Kai Wessels Drama basiert auf Robert Domes Romanbiografie über den echten Ernst Lossa (1929-1944). Dank dem exzellenten Drehbuch Holger Karsten Schmidts – gerade lief sein preisgekröntes Thrillerdrama „Das weiße Kaninchen“ in der ARD – sowie den stimmigen Interieurs und Landschaftsbildern berührt die Erzählung von „Nebel im August“ tiefgreifend und ist ein Appell für humanistisches Verhalten.




„Nebel im August“. Deutschland/Österreich 2016. R: Kai Wessel. D: Ivo Pietzcker, Sebastian Koch, Thomas Schubert, Fritzi Haberlandt, Henriette Confurius, Branko Samarovski, David Bennent, Jule Hermann, Karl Markovics. 126 Minuten. Ab 12 Jahren. Cinema-Arthouse

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