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Staatsoper eröffnet Spielzeit Ist die Neue „Zauberflöte“ in Hamburg ein Ärgernis?


Jette Steckel ist eine vielgelobte junge Regisseurin. Jetzt hat sie die Spielzeit an der Staatsoper Hamburg eröffnet - mit einer höchst eigenwilligen, nein: fragwürdigen „Zauberflöte“.

Dovlet Nurgeldiyev hat eine ziemlich undankbare Rolle. Zu Beginn der „Zauberflöte“ tragen ihn Sanitäter aus der ersten Zuschauerreihe auf die Bühne: Kreislaufkollaps? Am Ende sitzt der alte Mann wieder da, steht mit dem letzten Ton auf und dreht sich den Zuschauern in der Hamburger Staatsoper zu – um heftige Buhs entgegenzunehmen. Dabei gelten die nicht ihm, dem Darsteller des Tamino, sondern der Inszenierung von Jette Steckel.

Tamino vom Baby bis zur Bahre

Die junge Regisseurin hat sich im Schauspiel einen Namen gemacht, unter anderem am Thalia Theater. An der Staatsoper zeigt sie nun die Erkenntnisreise des Prinzen Tamino als eine Art Nahtoterlebnis. Dann ist der Greis verschwunden, stattdessen hätscheln drei Nonnen ein kleines Tamino-Baby, das sie vom Souffleur-Kasten aufheben. Weiterlesen: Die Zauberflöte in Osnabrück

Es geht dann alles sehr schnell. Als Knabe lernen sich Tamino und Papageno kennen; als Teenager sieht Tamino Pamina als riesige, wabernde LED-Projektion. Gemeinsam mit Pamina – etwas überdramatisch: Christina Gansch – werden sie auf ihrem Weg der Erkenntnis alt werden. Nurgeldiyev steht zur „Bildnis“-Arie ratlos auf der Bühne, hat noch ein paar kleinere stimmliche Probleme, meistert aber die Partie insgesamt mit jugendlichem dunklen Timbre sehr gut.

Nun hat Steckel, vermutlich im Verein mit ihren Dramaturgen Johannes Blum und Carl Hegemann, die Dialoge weitgehend gestrichen und die Handlung bis zur Unkenntlichkeit dekonstruiert. An die Stelle der Geschichte treten optische Effekte: viele Vorhänge, die mit noch viel mehr LEDs bestückt wurden und jede Menge Ahs und Ohs hervorrufen. (Licht: Paulus Vogt, Video: EINS [23]. TV – Alexander Bunge). Da schwebt dann ein Priester (Sergei Ababkin) im Raumanzug zwischen Bühnenhimmel und -boden und erklärt Tamino die Welt: Das mag saukomisch gemeint sein und ist doch nur fade Brachialcomedy.

Ist Comedy das neue Volkstheater?

Aber vielleicht ist Comedy das neue Volkstheater, das ja fest zur „Zauberflöte“ gehört. Kommt Steckel Mozarts Intentionen sogar besonders nahe? Weiterlesen: „Die Zauberflöte“ 2012 bei den Salzburger Festspielen

Das Stück steckt ja voller Brüche. Warum zum Beispiel schreibt Mozart für die Königin der Nacht, die ja blutrünstige Archaik repräsentiert, hochgradig feinsinnige virtuose, effektvolle Arien, während Sarastro vorgeblich humanistische Ideale verfolgt, aber in einer unsäglich konventionellen „Hallenarie“ im tiefsten Keller brummen muss? Steckels Clou bei diesen Kontrahenten im Kampf um Macht und Herrschaft: Sie sind Phantome, die aus dem Orchestergraben singen und als riesige Videos über den Köpfen der anderen drohen. Christina Poulitsi gelingt das als Königin mit gebotener Virtuosität, während Andrea Mastronis Sarastro zwar sonor, aber auch ein wenig ungelenk klingt. Am Ende schweben sie aber in großen Ringen einträchtig nebeneinander über den Köpfen des Chores.

Publikum soll sich zum Affen machen

Das funktioniert als Leitlinie ebenso wie die vom lebenslangen Weg Taminos und Paminas zur Erkenntnis. Doch das schmücken höchst banale Ideen aus. Zauberflöte und Glockenspiel sind diesmal rote Pfeile, vielleicht, weil das noch nie so war. Auf jeden Fall sollen die nicht nur wilde Tiere betören: „Das klinget so herrlich“ wird zur Aufforderung ans Hamburger Publikum, sich zum Affen zu machen und mitzusingen. Vermittlung durch Teilhabe, ein großes Thema in der Kulturpolitik.

Zu allem Überfluss muss Mozarts Musik sich der Inszenierung beugen. Pamina und Papageno singen „Bei Männern, welche Liebe fühlen“, sie oben, gefesselt in einem Ring, er unten: Da scheidet die Regisseurin, was Mozart zusammengefügt hat –einer der Momente, wo Dirigent Jean-Christophe Spinosi ruhig hätte eingreifen können. Doch der hatte offenbar genug damit zu tun, diejenigen Hamburger Philharmoniker auf Spur zu bringen, die nicht parallel zur Spielzeiteröffnung mit Chef Kent Nagano durch Südamerika touren, und jagt Musiker wie Darsteller so rasant durch das Stück, dass regelmäßig einer stolpert. Was nicht einmal hilft, den Spannungsbogen zu straffen, wenn die Regie ihn zu sehr durchhängen lässt.

Offengebliebene Wünsche

Auch der Gesang lässt Wünsche offen: Auf Staatsopern-Niveau singen Dovlet Nurgeldiyev als Tamino und Jonathan McGovern als Papageno. Dietmar Kerschbaum deklamiert als Monostatos mehr, als dass er singt. Die drei Damen (Iulia Maria Dan, Nadezhda Karyazina und Marta Swiederska) finden nicht zusammen, und der Chor, einstudiert von Eberhard Friedrich, bezaubert zwar mit einem herrlich leisen „O Isis und Osiris“, ist aber nicht immer sattelfest. So hat nun Hamburg eine neue, schrille, bunte „Zauberflöte“, aber eben auch eine, die weder inhaltlich noch musikalisch überzeugt.


Weitere Vorstellungen: 27. und 29. 9., 3., 6. und 12. 10. Weitere Infos unter www.staatsoper-hamburg.de. Tickets unter ticket@staatsoper-hamburg.de

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