Wuppertaler Bühnen Beflügelter Neustart mit „Hoffmanns Erzählungen“


Wuppertal Unter dem neuen Intendanten Berthold Schneider legten die Wuppertaler Bühnen mit „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach einen geglückten Opernstart hin.

Vielen deutschen Städten geht es finanziell nicht gut. Und wenn die Stadt hustet, muss sich Kultur eine Lungenentzündung befürchten. Warum sollte es den Wuppertaler Bühnen da besser gehen als vielen anderen Theatern mit langer Tradition? Was der damalige Oberbürgermeister Peter Jung und der in Personalunion von Generalmusikdirektor und Intendant eingesetzte Toshiyuki Kamioka 2013 als Lösungsvorschlag auskungelten und großspurig als heilsames Wundermittel verkaufen wollten, ist einmalig in der Theaterlandschaft. Kamioka löste kurzerhand das gesamte Ensemble des Opernhauses auf und stellte einen populistisch gefärbten Spielplan mit eingekauften Produktionen und zusammengewürfelten Besetzungen vor, der an Profillosigkeit nicht zu unterbieten war.

Publikum blieb fern

Die Folge: Das Publikum ließ sich auf den Kuhhandel nicht ein und blieb dem Haus in Scharen fern, das künstlerische Niveau wurde dem Zufall überlassen, die sozialen Härten für das entlassene Ensemble wurden kaltschnäuzig in Kauf genommen und die wichtigste Berechtigung für die vielfältige Theaterszene Deutschlands aufgegeben: die Pflege eines festen Ensembles, um dem Theater künstlerische Stabilität und ein eigenes Profil zu sichern und zugleich Nachwuchskräften eine Plattform für ihre Entwicklung zu bieten.

Verheerendes Echo

Das Echo in der Öffentlichkeit war verheerend, getoppt durch Kamiokas frühe Ankündigung, seinen bis 2021 geschlossenen Vertrag bereits 2016 kündigen zu wollen. Da platzte selbst OB Jung, der bei dem Spiel eine denkbar unglückliche Figur gemacht hat, der Kragen und stellte Kamioka ein Ultimatum. Jung wurde bei der Kommunalwahl 2015 nicht wiedergewählt und dessen Nachfolger Andreas Mucke bemühte sich um Schadensbegrenzung. Das Ergebnis: Kamioka wird gehen, seit dieser Spielzeit bestimmt mit dem zuletzt als Operndirektor in Darmstadt tätigen Berthold Schneider ein neuer Intendant die Geschicke des Hauses, unterstützt von Julia Jones als neuer Generalmusikdirektorin.

Neues Ensemble

Als erste Maßnahme wurde ein neues Ensemble gebildet. Eine mit elf Kräften zwar noch kleine Truppe, mit der man aber zum Saisonauftakt bereits hoffnungsstimmende Akzente setzen konnte, als sich jetzt der Vorhang zur Premiere von Jacques Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“ hob.

Die Begeisterung des Publikums war einhellig und angesichts der musikalischen Leistung vollauf berechtigt, auch wenn Julia Jones den Taktstock noch ihrem Kollegen David Parry überlassen hat und mit der Verpflichtung von gleich vier (!) Regisseuren für eine Opernproduktion der szenische Erfolg dem Zufall überlassen wird.

Beginnen wir mit dem Erfreulichen. Das Wuppertaler Sinfonieorchester spielte so beflügelt wie lange nicht mehr und scheint sich von den derzeitigen Rettungsversuchen viel zu versprechen. Da mag David Parry auch recht robuste und lautstarke, nicht immer französisch schillernde Töne anschlagen, die Richtung dürfte stimmen.

Erfreuliche Stimmen

Und was die nahezu ausschließlich dem erfreulich jungen Ensemble angehörenden Stimmen angeht, hat man ein durchaus glückliches Händchen bewiesen. Geradezu sensationell trumpft die junge Sopranistin Sara Hershkowitz in den vier zentralen Frauenrollen auf. Eine leidenschaftliche Darstellerin, die die ungleichen stimmlichen und szenischen Anforderungen der gewaltigen Herausforderung mühelos stemmt. Dass der Hoffmann als kräftezehrende Tenor-Partie gilt, konnte Mickael Spadaccini nicht restlos überspielen. Doch verfügt sein Tenor über genügend Strahlkraft und lyrische Wärme, um die Mammutaufgabe vorzüglich bestehen zu können.

Wunderbar anzuhören und anzusehen ist auch die Mezzosopranistin Catriona Morison als Niclausse und die Stimme der Mutter. Lucia Lucas hat sich als Bariton-Sängerin einen Namen machen können. Sie verkörpert die vier Bösewichter mit durchaus schillerndem Charisma und kann ihre vom Mezzo- bis in tiefere Baritonregionen reichende Stimme erfolgreich einsetzen. Mit diesen vier Trümpfen war der Abend musikalisch gerettet.

Mehr polternd als sensibel

Ob die Verpflichtung von gleich vier Regisseuren für das Stück Sinn macht, bleibt fraglich. Nicht nur die Zuordnung von Christopher Alden, Charles Edwards, Inga Levant und Nigel Lowery auf die einzelnen Teile bereitet Probleme. Das ohnehin formal recht zerrissene, fragmentarisch hinterlassene Werk verliert vollends jeden Zusammenhalt. Alle vier lieben es offenbar, Hoffmanns Illusionen und Fantasien eher polternd als sensibel darstellen zu wollen. Da muss sich Kerstin Brix als Muse einen dicken Rausch ansaufen, die Puppe Olympia beißt Hoffmanns bestes Stück ab und der Venedig-Akt wird in eine Irrenanstalt verlagert, in der Hoffmann recht aufdringlich einen klischeehaften Bilderbuch-Irren spielen darf.

Der Antonia-Akt (Regie: Christopher Alden) geht trotz etlicher logischer Brüche am stärksten unter die Haut, was freilich auch auf die Intensität von Sara Hershkowitz zurückzuführen ist. Insgesamt soll desillusioniert und entromantisiert werden, was das Zeug hält. Romantische Verklärungsattitüden sind tabu. Stattdessen wird auf teilweise angestaubte Mätzchen zurückgegriffen, wenn etwa im Olympia-Akt eine Häuserfront wie aus einem „Dr. Caligari“-Film auftaucht und der Diener des geheimnisvollen Physikers Leichen ins Loboratorium heranschafft. Fragwürdig auch die Darstellung der angebeteten Stella als karrieresüchtige Stadträtin. Da ist manches gut gemeint, will aber nicht so recht zünden.

Trotz der problematischen szenischen Gestaltung verbreitet die Produktion eine Aufbruchstimmung, die das Theater dringend braucht.


Die nächsten Aufführungen im Wuppertaler Opernhaus: am 23. September sowie am 1., 9. und 22. Oktober (Karten-Telefon: 0202/5637677; kontakt@kulturkarte-wuppertal.de).

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