Schauspiel Düsseldorf startet Grandiose „Gilgamesh“-Inszenierung

Von Günther Hennecke

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Wild und archaisch geht es zu auf der Sandbühne von Raoul Schrott. Foto: Thomas RabschWild und archaisch geht es zu auf der Sandbühne von Raoul Schrott. Foto: Thomas Rabsch

G.H. Düsseldorf. Intendant Wilfried Schulz startet seine Düsseldorfer Intendanz mit einer grandiosen „Gilgamesh“-Inszenierung

Mit seinen Schwingungen überwältigt das weiße „Traumschiff“ des Architekten Bernhard Pfau noch immer. In ihm, dem Schauspielhaus am Gustaf-Gründgens-Platz im Herzen Düsseldorfs, wollte Wilfried Schulz erste Zeichen setzen. Doch der zuvor in Dresden so erfolgreiche Theatermann musste gleich zu Beginn seiner Intendanz kleine Brötchen backen: Der Start im Pfau-Bau steht in den Sternen. Umbauten dauern länger als geplant. Doch Schulz gab nicht auf. Zum Glück für die Stadt an der Düssel, wie sich gleich zu Beginn zeigen sollte. Schulz landete - im Zelt. Dass dessen Arena-Atmosphäre gar nicht so fehl am Platze ist, bewies jetzt die grandios verlaufene Eröffnungspremiere.

In ihr wurde das Welt-Epos „Gilgamesh“ zum großen Abend voller Sinnlichkeit und menschlicher Körper. So alt wie unsere Zivilisation, im heutigen Syrien und dem Irak entstanden, erzählt es von der Herrschaft des tyrannischen und spät geläuterten König gleichen Namens. Damals glaubte man noch an Götter. Die hatten ein Einsehen mit den sie anflehenden Untertanen und erschufen eine Art Gegenpol. Enkidu hieß er, der den Tyrannen in die Schranken weisen sollte.

Bilder aus der Vorzeit

Roger Vontobel machte sich an die Bild-Schöpfung des Gilgamesh-Epos, das Raoul Schrott für die Bühne bearbeitet hat. Was sich im Sand der Düsseldorfer Arena abspielt, erinnert an Bilder aus der Vorzeit. Auf einem Schlachtfeld, dessen sandiger Untergrund immer wieder zu Schlamm gerinnt. Wenn die Männer kämpfen, die Bürger ihren Kotau machen, sind sie über und über mit Schlamm beschmiert. Bilder, die dem Dionysischen verwandt sind, wild und ungezügelt. Sinnlichkeit beherrscht alles, besonders den Herrscher. Er hat alle Frauen der Stadt Uruk vernascht, ihre Männer zu Schwächlingen degradiert. In der größten Stadt der damaligen Welt, über 5000 Jahre vor unserer Zeit.

Mahnmale verrinnender Zeit

Die ersten Bilder sind Mahnmale verrinnender Zeit: Uruks Männer lassen, schrittweise zurückweichend, feinsten Sand auf den Arena-Grund rieseln. Ein Zeichen für Vergänglichkeit. Gilgameshs Tyrannei ist in grobe, brutale, ja überwältigend schamlose Bilder versetzt. Das Volk, vor dem Macho fußleckend in die Knie gehend, bäumt sich schließlich auf – und aus dem Schlamm des Arena-Bodens kriecht, im wahrsten Wortsinn, ein Mann aus dem Untergrund. Es ist der anfangs in zwei Personen erscheinende Enkidu (André Kaczmarczyk und Takao Baba), eine Natur-Geburt, maßlos in ihrer Sehnsucht nach Leben, eine natürliche Unschuld ohne Moral. Gilgameshs Vertrauter, der Jäger Shangashu (Florian Lange), und die Hure Shamhat (Minna Wündrich) sollen den „Wilden“ zähmen. Gezähmt, wie es scheint, gelangt er schließlich nach Uruk und wird zum kraftprotzenden Gegenspieler des Herrschers. Doch bereits während des ersten Kampfes um die Vorherrschaft ringen sie nicht nur miteinander, sie liebkosen und küssen sich auch dabei. Es sind Szenen unbeherrschter Wildheit und Zärtlichkeit zugleich.

Reise ans Ende der Welt

Das Kraft-Duo, deren ursprüngliche Feindschaft, auch dank des Eingreifens von Gilgameshs Mutter Ninsun (Michaele Steiger) sich in bedingungslose Freundschaft verwandelt, macht sich schließlich auf die Reise ans Ende der Welt. Dort treibt das Ungeheuer Humbaba (auch Florian Lange) sein Unwesen. Wochenlang sind die Beiden unterwegs, durch nahe und ferne wasserlose Wüsten. Dazu schuf Vontobels Regie mitreißend einfache Bilder, begleitet vom originalen Text des Epos wie direkten Gesprächen des Duos.

Schließlich erreichen sie Humbabas Zedernwald. Gilgamesh besiegt die körperliche Missgeburt, die stirbt. Wie nach der Rückkehr in die Stadt Uruk auch Freund Enkidu. Nun ist der Tod auch in Gilgameshs Leben angekommen. Eine ihm bislang völlig fremde Welt, deren Erleben ihn auf die Suche nach dem ewigen Leben führt. Dazu öffnet sich das Zelt hinter der Spielfläche und gibt den Blick frei „auf meine Stadt“, in die der triumphierende halbnackte Gilgamesh hinausgeht.

Riesiger Applaus überschüttete das mitreißend agierende Ensemble. Regie und Darsteller bedienten alle Sinne – in einer nicht nur körperlich mitreißenden Inszenierung. Die Beatklänge und die vorwärts hämmernde Musik Murena Murenas taten das Ihre, den Abend zum Ereignis werden zu lassen.


Weitere Aufführungen am 16., 18., 29., 30. September; 5., 6., 14., 19. Oktober; eindreiviertel Stunden ohne Pause; www.duesseldorfer-schauspielhaus.de; www.dhaus.de.

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