Mozart im Klassenzimmer Kein großer Wurf: „Zauberflöte“ am Theater Osnabrück


Das Musiktheater am Theater Osnabrück ist in die neue Saison gestartet: Alexander May hat die „Zauberflöte“ inszeniert, Daniel Inbal hat dirigiert. Ein großer Wurf sieht allerdings anders aus - und hört sich anders an.

Die Zauberflöte“ in Osnabrück beginnt im Klassenzimmer, und sie endet dort. Warum? Vielleicht, weil Regisseur Alexander May an die Schule des Lebens denkt, vielleicht, weil das niemand vor ihm getan hat bis auf Peter Konwitschny. Da war’s aber der „Lohengrin“. Egal; irgendwann wächst der Wald ins Klassenzimmer hinein, die Schulbank verschwindet und Tamino und Papageno begeben sich auf Erkenntnisreise zu dunklen Tempelvorhöfen und durch grüne Wälder (Bühne: Etienne Pluss). Schade nur, dass der bereits wieder weg ist, als Papageno sich erhängen und „diesen Baum“ zieren will. Der  Vogelhändler muss das Seil deshalbum eine Lampe schlingen, die ihm ein Bühnentechniker dankenswerter Weise vom Schnürboden herabgelassen hat. Weiterlesen: Alexander May inszeniert Telemanns „Germanicus“

Seltsame Einfälle

Jenseits solcher Einfälle muss man May zugute halten, dass er die Geschichte, wie sie Emanuel Schickaneder aufgeschrieben und Wolfgang Amadeus Mozart komponiert hat, nachvollziehbar auf die Rampe des Theaters am Domhof bringt. Aber halt garniert mit reichlich willkürlichen Einfällen: Papagenos Winkekatzen-Glockenspiel ist da noch irgendwie lustig. Blinkende Glühbirnen auf den Hüten der Geharnischten (Hans-Hermann Ehrich und Genadijus Bergorulko) sind aber vor allem albern (Kostüme: David Gonter) und genauso rätselhaft wie das Seil, das die zwei auf der Bühne spannen. Noch eine Prüfung für Tamino? Hm. Fest steht nur: May misstraut der Priesterwelt. Weiterlesen: Die Salzburger „Zauberflöte“ von Daniel Herzog und Nikolaus Harnoncourt

Sarastro (mit fülligem Bass, der allerdings nicht ganz in die tiefsten Keller der Partie reicht: José Gallisa) sieht mit weißen Resthaarsträhnen, langem Mantel und auffällig beringten Fingern aus, als herrsche er nicht über eine Priesterkaste, sondern über ein Gaunersyndikat. Zudem erscheint im Rollstuhl auf der Bühne, dem  Requisit für Bühnen- und Filmbösewichter schlechthin. Sein Volk (Chor und Extrachor, exzellent vorbereitet von Markus Lafleur) besteht aus uniformen Karikaturen - die aufklärerische „Gleichheit“ in ihrer pervertierten Form. Nur Monostatos sticht heraus: Mark Hamman singt und spielt ihn gut, aber in seiner groben Schürze und den Schuhen mit dicken Platteau-Sohlen sieht er aus, als hätte sich ein “Rheingold“-Riese in Sarastros Reich verirrt. Warum aber Tamino sich bösen Prüfungen unterzieht, um Teil dieser Welt zu werten, nun, diese Antwort bleibt May schuldig. Bleibt die Kompensation durch Mozarts Musik.

Musikalisch unfertig

Doch da bleibt Daniel Inbal am Pult des Osnabrücker Symphonieorchesters Einiges schuldig. Verpatzte Akkorde ganz am Anfang - geschenkt. Aber Inbal wühlt sich mehr durch die Partitur, als dass er zu schlüssigen Lösungen finden würde. Das führt zu inkonsequenten Tempi, er rudert mächtig, um seine Sängerinnen und Sänger einzufangen, und trotz aller historischen Schärfungen klingt das Orchester statisch und viel zu wuchtig. Die g-Moll-Arie der Pamina beispielsweise kommt ob der Last kaum von der Stelle. Weiterlesen: Überzeugend war Daniel Inbal in „Owen Wingrave“

Das wirkt ins Ensemble hinein: Am ehesten schöpfen noch die drei Knaben vom Knabenchor Güsterloh ihr Potenzial aus. Aber schon die drei Damen, (Lina Liu, Susann Vent-Wunderlich und Gabriella Guilfoil) finden keine einheitliche Linie. Daniel Wagner singt den Tamino mit schönem, festem Tenor – und hörbar zu viel Druck. Die Pamina wächst bei Erika Simons weit über Mozart hinaus, als wäre sie eine Schwester der Traviata, und Jan Friedrich Eggers verwehrt dem Papageno stimmlich die bonvivanthafte Leichtigkeit seines Spiels. Marie-Christine Haase legt ein passables Rollendebüt als Königin der Nacht hin -  Entwicklungsmöglichkeiten hat sie aber auch noch. So wie die ganze Produktion. Das Premierenpublikum überhörte und übersah indes gnädig die Mängel und applaudierte kräftig.


Die nächsten Vorstellungen: 6.9., 9.9., 23.9. Karten gibt es hier

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