Kleines Theater der Grausamkeiten Wuppertal zeigt Gemälde von Valérie Favre

Meine Nachrichten

Um das Thema Kultur Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Unheimlich: Favres Gemälde „Ghost“, nach Goyas Hexenflug. Foto; Uwe Walter/BerlinUnheimlich: Favres Gemälde „Ghost“, nach Goyas Hexenflug. Foto; Uwe Walter/Berlin

Wuppertal. Die Kunsthalle in Wuppertal-Barmen zeigt Gemälde der Schweizerin Valérie Favre. Auf ihren Gemälden inszeniert sie das Welttheater einer Krisenzeit.

Mancher Fachbegriff der Kultur liest sich sperrig. Reenactment ist ein solcher Begriff. Er meint die Wiederaufführung von historischen Ereignissen wie der Schlacht von Waterloo oder der Varusschlacht zwischen Römern und Germanen. Dann ziehen ganz normale Leute von heute als napoleonische Soldaten oder römische Legionäre über die Felder. Reenactment genannte Wiederaufführungen gehören gleichfalls zur Praxis von Theatern. Regisseur Milo Rau etwa stellte mit seinen „Moskauer Prozessen“ die Verurteilung der Regimekritikerinnen von Pussy Riot 2013 in Russland nach. Hier weiterlesen: Wuppertal zeigt Bildhauer-Star Tony Cragg.

Bilder wie Bühnen

Erinnernde Wiederaufführungen gibt es aber auch in der Malerei. Die an der Universität der Künste in Berlin lehrende Malerin Valérie Favre gestaltet ihre Bilder zu geisterhaft erscheinenden Wiedergängern berühmter Werke der Kunstgeschichte und richtet dafür ihre Bildräume wie Theaterbühnen ein, die von Vorhängen gerahmt und mit grellem Licht ausgeleuchtet sind. Hier weiterlesen: Bildhauer Thomas Schütte baut sich eigene Ausstellungshalle.

Von Beckmann bis Pollock

Ob „Short Cuts“ oder „Play Back“: Schon die Bildtitel zeigen, dass sich die 1959 in der Schweiz geborene Favre als Regisseurin von Bildräumen versteht, die sie wie Aufführungen auf die Leinwand bringt. Malerei ist längst keine Frage bloßen Instinkts oder exzessiven Ausdrucks mehr. Valérie Favre weiß, dass sie als Malerin, die heute künstlerisch glaubhaft agieren will, ihren Umgang mit den Giganten ihres Metiers finden muss. Deren Phalanx reicht von Max Beckmann bis Jackson Pollock, von Francis Bacon bis Gerhard Richter. Favre hat ihre Strategie gefunden. Sie macht aus berühmten Vorbildern Akteure ihrer Inszenierungen. Hier weiterlesen: Kunstmäzen Eduard von der Heydt und seine Sammlungen.

Serie der „Short Cuts“

Über ihre kleinformatigen „Short Cuts“ wirbeln Goyas Hexen wie Erinnerungsfetzen aus Albträumen oder die Umrisse des ermordeten Revolutionärs Marat wie der verwischte Schnappschuss aus den Katastrophenzeiten der Historie. Favre zitiert mit „Short Cuts“ den Titel des berühmten Films von Robert Altman von 1993, um ihre Methode auszufalten. Realität gibt es immer nur als Kaleidoskop aus Fragmenten der Erinnerung und Projektionen einer unsicheren Gegenwart. Hier weiterlesen: Einfach zu hässlich? Streit um Bildhauer Henry Moore .

Bilder aus drei Teilen

Genau in dieser Weise baut Favre auch ihre meterbreiten, als Triptychen konzipierten Bildräume. Ganze Reigen der im Phosphorlicht verschwimmenden Figuren erinnern an die Masken, die James Ensor in Szene setzte, oder an die Mythenfiguren, mit denen Max Beckmann seine dreiteiligen Triptychen zu regelrechten Welttheatern formte. Wirklichkeit hat viele Ebenen. Sie kennt keine selbstgewissen Akteure, sondern immer nur Figuren, die als Getriebene eher reagieren als wirklich zu handeln. Hier weiterlesen: Tony Craggs Skulpturengarten - ein Besuch im „Waldfrieden“ .

Keine bloßen Kopien

Valérie Favre nimmt auf Malerei von Goya bis Bacon Bezug und liefert doch keine bloßen Kopien ab. Dafür sorgt ihr künstlerischer Zugriff, der nicht nur abstrakte Malerei und figurative Darstellung, sondern auch Zitat und komponierende Neuerfindung produktiv zusammenbringt. Die Künstlerin inszeniert ein Spektakel visueller Assoziationen und Sensationen. Das hebt ihre Bilder aus der Menge der Malerei klar heraus. Hier weiterlesen: Tony Craggs Skulpturen im Duisburger Lehmbruck-Museum .

Theater der Existenz

Dieser Eindruck hält sich auch über die Ausstellung durch, die das Von-der-Heydt-Museum in seiner zweiten Spielstätte, der Kunsthalle im Stadtteil Barmen, für Valérie Favre ausrichtet. Die Malerin entwirft ein packendes Theater der menschlichen Existenz in Krisenzeiten. Und zeigt, was ihr persönlicher Rettungsanker ist. Sie malt jedes Jahr ein abstraktes Zufallsbild – bis zu ihrem Tod, wie sie sagt. Sicherheit gibt das Leben als Zeremonie. Da mögen sie dann ruhig kommen, die Geister von Goya und alle anderen Schrecknisse. Hier weiterlesen: Arkadien der Kunst - die Museumsinsel Hombroich.

Wuppertal-Barmen, Von-der-Heydt-Kunsthalle: Valérie Favre. Bis 8. Januar 2017. Di.–So., 11–18 Uhr. von-der-heydt-kunsthalle.de


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN