Alle bewundern den Dürer-Hasen Von Lascaux bis Lagerfeld: Tiere in der Kunst



Osnabrück. Tiere sind pure Magie - gerade für Künstler. Sie feiern Tiere in ihren Bildern und Skulpturen, von Dürers „Feldhasen“ bis zum Tigerhai von Damien Hirst.

Seit einem halben Jahrtausend hockt er regungslos auf seinen vier kräftigen Läufen, die Löffel steil aufgestellt: Albrecht Dürers Aquarell „Feldhase“ gilt als die Ikone unter den Tierdarstellungen der Kunst. Kein Wunder. In einer Zeit, in der Tiere auf Bildern bestenfalls Beigaben sind und bestimmte Eigenschaften dargestellter Menschen verkörpern, widmet das Kunstgenie dem Hasen eine eigene, durch keinen weiteren Anlass motivierte Darstellung. Dürer setzt die Pinselstriche so duftig und fein, dass man die Hand ausstrecken möchte, um sanft über dieses flauschige Fell des noch nur gemalten Tieres zu streichen. Der Hase ist Symbol der Fruchtbarkeit, der Wiederauferstehung - und auf Dürers berühmtem Blatt von 1502 Inbegriff einer im Bild spürbaren Vitalität des Lebendigen selbst. Hier weiterlesen: Unbekannter Druck von Albrecht Dürer entdeckt .

Luxuskätzchen „Choupette“

Tiere in der Kunst: Diese Geschichte reicht von den Felszeichnungen in der Höhle von Lascaux, in der Steinzeitmenschen um 15000 vor Christus Darstellungen von Pferden und Stieren zeichneten, bis hin zu „Choupette“, der Birma-Katze von Modedesigner Karl Lagerfeld mit eigenen Accounts in sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagramm und Twitter. Wer Tiere künstlerisch darstellt, will an ihrer Vitalität teilhaben, ihre Fremdheit durchdringen, seine eigene Existenz in ihnen spiegeln. Tiere faszinieren und erschrecken, Tiere tragen Bedeutungen und Botschaften, gerade in den Bildwelten der Kunst, in denen Tiere als Symbolträger Bildsinn vermitteln. Hier weiterlesen: Kunst - was ist eigentlich eine Installation?

Beuys und der tote Hase

Der Feldhase absolviert in der Welt der Künste eine der nachhaltigsten Tierkarrieren. Kunstschamane Joseph Beuys wählt den Hasen als symbolträchtiges Tier für seine berühmteste Performance. Am 26. November 1965 startet er in der Düsseldorfer Galerie Schmela die Aktion „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“. Beuys hat seinen Kopf mit Blattgold überzogen, hält einen toten Hasen auf dem Arm. Mit dem Tier geht er durch die Ausstellung. Die Besucher dürfen dem rätselhaften Vorgang nur durch die Fenster der Galerie als Zuschauer folgen. Beuys und der Hase, der Künstler und das Tier - nicht nur in dieser Konstellation ist das Verhältnis geradezu magisch aufgeladen. Dafür lieferte schon der Beuys-Lehrer Ewald Mataré das Vorbild mit seinen halb abstrakten, geglätteten Plastiken von lagernden Rindern, oder die Bildhauerin Renée Sintenis, die in den fünfziger Jahren den Berliner Bären kreierte. Die kleine Version ihrer Plastik wird bis heute als Preis bei der Berlinale, den Berliner Filmfestspielen, verliehen. Hier weiterlesen: Kahnpartie mit Dackel - der Hund in der Kunst .

Sinnbild der Harmonie

Gefährlich oder niedlich? Gerade in der Kunst modelt sich der Mensch das Tier nach seinen Wünschen und Sehnsüchten. Franz Marc, repräsentativer Vertreter der Künstlergruppe „Blauer Reiter“, arbeitete zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Silhouetten von Tieren in die abstrakten Naturkompositionen seiner Bilder mit ein. Auf seinen Gemälden ducken sich Rehe im Wald, lagert der Tiger im Dickicht. Tiere avancieren bei Marc zu Symbolen einer intakten Einheit der Geschöpfe mit der Natur. Als Musterbeispiel dieser idealistischen Philosophie wurden seine „Blauen Fohlen“ von 1913 zur zentralen Ikone der Emder Kunsthalle und darüber zu einem absoluten Publikumsliebling. Hier weiterlesen: Beispiel „Kunstkompass“ - was Rankings über die Kunst sagen.

Zeichen der blanken Gier

Der Maler Gerhard Richter allerdings machte 1965 aus dem Motiv des Tigers ein Bravourstück seiner technisch versierten Malerei. Richter lässt das gestreifte Raubtier mit seinem in Grautönen flirrenden Hintergrund regelrecht verschmelzen - eine faszinierende Mischung aus Eleganz und Gefährlichkeit. Mit der überwältigenden Kraft des Raubtieres spielte auch Damien Hirst, führender Vertreter der Young British Artists, als er 1991 einen veritablen, präparierten Tigerhai in einem mit Formaldehyd gefüllten Tank ausstellt. „The Physical Impossibility of Death in the Mind of Someone Living“, so der umständliche Titel des von vornherein umstrittenen Kunstwerkes, wird umgehend zum Markenzeichen der neunziger Jahre als einer Dekade der hemmungslosen Gier an den Börsen. Allerdings ging dem rabiaten Raubfisch, der mit aufgerissenem Maul in der Flüssigkeit schwebt, schnell die Puste aus. 2006 muss der zerfallende Fischkadaver ausgetauscht werden. Umgehend entbrennt eine Debatte zu der Frage, ob das Kunstwerk auch mit dem neuen Hai als Zweitbesetzung noch als Original angesehen werden kann. Hier weiterlesen: Weltkunst heute - Weserburg zeigt Sammlung Reydan Weiss.

Knallbunte „Balloon Dogs“

Jeff Koons stellte sich da mit seinen „Balloon Dogs“ schon pfiffiger an. Unter diesem Titel firmiert eine ganze Serie von hübschen Hundchen, die aussehen, als seien sie aus knallbunten Luftballons geknotet worden. Dabei bestehen diese Plastiken aus hochpoliertem, spiegelblankem Metall. Jeff Koons, der Künstler, der so aggressiv wie kein Zweiter auch sein eigener Promoter ist, machte aus den „Balloon Dogs“ eines seiner zuverlässig wiedererkennbaren Markenzeichen. Die Schoßhündchen im gigantischen Format machen sich auf jeder Biennale ebenso wie im Schlosspark von Versailles bestens. Kein Wunder, sie funktionieren ja auch bestens als Symbole einer Epoche leichtfertigen Konsums. 2013 wird einer dieser „Dogs“ endgültig zum Millionenpudel. Ein Exemplar wird für sage und schreibe 43 Millionen Euro bei Christie´s versteigert. Hier weiterlesen: Das Kitsch-Universum - Jeff Koons im Centre Pompidou.

Armee von Dürer-Hasen

Die Hündchen von Koons sind ebenso niedlich wie inflationär. Das Tier in Serie gibt es auch bei Jörg Immendorff, der bis zu seinem Tod 2007 eine ganze Reihe von Affenfiguren aus Bronze herstellt, und die Primaten auch durch einige Bildräume seiner Gemälde turnen lässt - als Sinnbilder närrischer Menschen natürlich. Der Bildhauer Ottmar Hörl flutet Innenstädte mit ganzen Armeen von identischen Figuren. Nürnberg beglückte er 2003 mit einer ganzen Armee von 7000 Dürer-Hasen aus Kunststoff. Eine schöne Form, um die 500-Jahr-Feier des echten „Feldhasen“ des Nürnberger Meisters zu feiern? Eher nicht. Denn Dürers Hase ist einzig, gerade als Inbegriff des unwiederholbaren einzigartigen Lebens. Hier weiterlesen: Was sind eigentlich die Skulptur-Projekte in Münster?


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