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70 Minuten, die sich lohnen Intensive Urauführung im Emma-Theater: „Lucas and Time“


Begeisterten Applaus hat die Uraufführung von „Lucas and Time“ im Emma-Theater geerntet. Großartig dabei: Die beiden Darstellerinnen Elaine Cameron und Monika Vivell.

Der Blick von Monika Vivell ist faszinierend. Mit weiß geschminktem Gesicht sitzt sie in einer antiquierten Schwesternkluft da, auf dem Kopf ein Schwesternhäubchen und an einem weißen Gürtel ein großer Schlüsselbund. Sie lächelt kalt und überlegen durch eine markante Brille die „vierte Wand“ an, jene Barriere, die wie ein imaginärer blinder Spiegel die Bühne vom Zuschauer trennt. Dieses Lächeln untermalt die boshafte Ironie in ihre Stimme, wenn sie mit der alten, dementen Frau hinter sich spricht, ohne sich wirklich mit ihr zu befassen. Ob sie mitkriegt, dass sich die Frau schmutzige Unterwäsche aus einem Blecheimer fischt und langsam, langsam anzieht? Vermutlich schon. Es ist ihr egal. Weiterlesen: Regisseurin Felicitas Braun im Porträt

Tolle Schauspielerinnen

Das ist die zweite von sieben Szenen in „Lucas and Time“ der griechischen Autorin Niki Orfanou, das nun am Emma-Theater in Osnabrück uraufgeführt worden ist. In der sechsten Szene wird Vivell die demente Dame spielen und Elaine Cameron die Krankenschwester: die gleiche Szene, nur spiegelverkehrt, mit ähnlichen Dialogen, ähnlichen Monologen, eine Variation des schon Erlebten. Denn darum geht es in dem Siebzig-Minuten-Stück: Um Wahrnehmung, die sich verändert, weil sich Situationen und Konstellationen ändern. Schwester und Pflegling führen hier wie dort ein seltsames Gespräch, ein Dialog, der keiner ist, weil sie nicht aufeinander eingehen. Denn die eine kann nicht, und die andere will nicht.

Elaine Cameron gibt an diesem Abend im Emma-Theater ihren beachtlichen Einstieg als neues Ensemblemitglied am Theater Osnabrück. Sie hat Kraft, sie hat Ausdruck, noch nicht so facettenreich und sanft in den Übergängen wie Monika Vivell, aber man nimmt ihr die Rollen ab, in die sie im Lauf der siebzig Minuten schlüpft.

Orfanou konstruiert dafür sieben Assoziationsfelder, die sie über Textmotive miteinander verwoben und in Form gebracht hat. Siebenmal stellt sie dabei die Frage: Wer ist Lucas? Sie bleibt ungeklärt. Die junge Regisseurin Felicitas Braun arbeitet bei ihrem Regiedebüt in Osnabrück den titelgebenden Lucas als Phantom heraus, als Projektionsfläche, und sie stellt es den Zuschauern anheim, die Fläche zu füllen. Dabei hat Braun den Darstellerinnen viel Raum zur Entfaltung gegeben.

Bettengruft und Schminkzimmer

Die beiden nehmen die unterschiedlichsten Rollen an, von der jungen Frau bis zur dementen Alten, von der Krankenschwester bis zur Sekretärin im Lindy-Hop-Stil, die zu einer Canzone Napoletana mit mörderischen Highheels, überdrehter Haartolle und ausladendem Rock (Kostüme: Aleksandra Kica) bizarre Nekrologe verfasst. Lucas dämmert dabei jedes Mal neu auf, als lässiger Lover, als fahle Erinnerung, als verschreckter Junge, der vor einem strengen Vater durch den Garten flüchtet – aber greifbar wird er nie.

Timo von Kriegstein hat die Bühne mit ein paar wenigen Accessoires ausgestattet: Zwei alte Reiseschreibmaschinen, Stühle, ein Gespinst aus Wäscheleinen. In verlockendem goldenen Licht aber steht hinten ein Kokon aus alten, nackten Federmatratzen: die Bettengruft für die demente Alte und das Schminkzimmer für die schrillen Sekretärinnen. Weiterlesen: Monika Vivell in „Was wir wissen“

Sie erzeugen Beklemmung und legen grotesken Humor an den Tag, entwerfen surreale Bilder und solche von kalter Realität. Zudem halten Cameron und Vivell die mitreißende Energie bis zum  furiosen Finale, in dem sie ihren Text zur Mehrstimmigkeit auffächern. Das Premierenpublikum war davon begeistert, bestätigen muss sich Inszenierung und Stück freilich in den weiteren Aufführungen. Aber die rasanten 70 Minuten lohnen sich. Weiterlesen: Ebenfalls geglückt ist „Der Revisor“ im Theater am Domhof


Die nächsten Aufführungen: 6.9., 7.9., 17.9. Kartentelefon 0541/7600076. Internet: www.theater-osnabrueck.de

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