Programm vorgestellt Morgenland Festival 2016: Heimat, neu definiert?

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Die zwölfte Ausgabe des Morgenland Festivals Osnabrück hat keinen Länderschwerpunkt. Stattdessen spielt „Heimat“ eine wichtige Rolle.

Ist Akram Younus zuhause im Morgenland? Er lacht, das Cello am Hals, von einem der Plakate, die mit diesem Slogan derzeit fürs Morgenland Festival Osnabrück werben, und klar: Akram wurde in Bagdad geboren und ist dort aufgewachsen. Mittlerweile lebt er in Dresden. Oder Sousan Eskandar: Die Geigerin schaut ernst vom Festival-Plakat; sie stammt aus Syrien, ist nach einem Auftritt mit dem Morgenland Chamber Orchestra nicht mehr zurückgekehrt und lebt jetzt in Lübeck. Oder Shabnam Parvaresh: Die Iranerin hat sich in Osnabrück ein neues Leben aufgebaut. Weiterlesen: Akram, Dresden und die Pegida

Interkultureller Dialog mit den Mitteln der Musik

Die Plakat-Kampagne „Zuhause im Morgenland“ setzt bereits im Vorfeld des Festivals einen inhaltlichen Akzent. Denn der Begriff „Heimat“ hat bei der Planung für die zwölfte Auflage eine Rolle gespielt, wenn auch nicht als Oberthema, sondern als Subtext. Der schwingt allerdings schon länger mit. So erinnert Festivalleiter Michael Dreyer an den Länderschwerpunkt Armenien im letzten Jahr: „Wir wollten damals kein Memorialfestival im Gedenken an den Genozid“, sagt er. „Wir haben das Festival im Gedenken an Flucht und Vertreibung den Menschen gewidmet, die heute vor Krieg fliehen.“ Ausgehend davon habe er über den Begriff „Heimat“ nachgedacht: „Müssen wir den nicht neu definieren?“ Die Musikerinnen und Musiker der „Zuhause im Morgenland“-Kampagne haben das längst getan. Weiterlesen: Die Eröffnung des Morgenland Festivals 2015

Statt eines Länderschwerpunktes steht daher der Gedanke im Vordergrund, Musiker unterschiedlicher Herkunft zusammenzubringen. Seinen Ausdruck fand und findet das in den festivaleigenen Ensembles: Im Morgenland Chamber Orchestra wie in der All Star Band treffen sich seit jeher Musikerinnen und Musiker verschiedener Kulturkreise für hochgradig inspirierte Konzerte. Das wird wieder so sein: Das Chamber Orchestra eröffnet das Festival am 2. September in der Osnabrücker Marienkirche, die All Star Band spielt am Samstag, 10.9. ein Open-Air-Konzert auf dem Marktplatz.

Beethoven-Zyklus überspannt zwei Festivals

Zusätzlich hat Dreyer diesmal den Dialog der Musikkulturen in ein neues Format gegossen, das er mit „Art of Duo“ überschrieben hat. Die Idee: Langjährige Festivalgäste suchen Duopartner aus einem anderen Kulturkreis. Der Meister der Kniegeige Kamanche, Kayhan Kalhorm hat sich den Westafrikanischen Kora-Virtuosen Toumani Diabaté ausgesucht (4.9.), Pianist Salman Gambarov trifft auf Wu Wei aus Jiangsu in China (8.9.), einen Meister der chinesischen Mundorgel Sheng. Alim Qasimov aus Aserbeidschan schließlich singt zu den Klängen des französischen Serpent- und Tuba-Virtuosen Michel Godard (9.9.). Und noch ein besonderer Dialog beginnt: Der Pianist Saleem Ashkar startet einen Konzertzyklus mit den 32 Sonaten von Ludwig van Beethoven. Ein arabischer Christ mit israelischem Pass setzt sich mit der Musik eines Wahlwieners auseinander – wenn das kein Dialog der Kulturen ist. Enden wird das Projekt beim Festival 2017. Weiterlesen: Klassischer Cellist Narek Hakhnazaryan beim Festival 2015

Gerade den langjährigen Gästen des Morgenland Festivals ist Osnabrück zur zweiten Heimat geworden –ein Umstand, über den sich der Osnabrücker Oberbürgermeister Wolfgang Griesert freuen dürfte. Er nennt das Festival „identitätsstiftend“ für die Friedensstadt, nicht nur der Wirkung nach innen und der überregionalen Strahlkraft wegen, sondern weil es beiträgt, die Ideale der Friedensstadt „zu leben und erlebbar“ zu machen. Deshalb investiert die Stadt ja auch jährlich 80000 Euro ins Festival. Der Gesamtetat beträgt allerdings 330000 Euro, und auch wenn das im Vergleich zu den Vorjahren wenig Geld ist, sind weitere Sponsoren nötig. An erster Stelle stehen da Sparkasse Osnabrück und die Niedersächsische Sparkassenstiftung; zur Programmpräsentation lädt denn traditionell der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Osnabrück, Johannes Hartig. Auch der braucht indes griffige Argumente, um Geld für das Morgenland Festival locker zu machen, und die liefert ihm das Festival auch: „Das Festival passt wunderbar zu Osnabrück“, sagt er, verweist auf die gesellschaftliche Relevanz des Festivals und vor allem auf die „Auseinandersetzung mit der Flüchtlingsproblematik.“

Diese Auseinandersetzung schlägt sich deutlich nieder: Zum Auftakt spielt in der Marienkirche das Syrian Axpat Philharmonic Orchestra, ein Klangkörper, der syrische Musiker vereint, die vor dem Krieg in ihrer Heimat geflüchtet sind. Und das Open Air eröffnet die Banda Internationale: Eine Formation aus Dresden, die zur Hälfte aus Einheimischen besteht, zur anderen Hälfte aus Menschen, die ihre Heimat verlassen haben. Zum Beispiel Akram Younus.


Morgenland Festival Osnabrück: 2. - 11. September. Weitere Informationen und Tickets: www.morgenland-festival.com

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