Dominique Schnizer inszeniert Rasanter Saisonstart: „Revisor“ am Theater Osnabrück

Hör mal zu, mein Alter: Der Bürgermeister (Thomas Kienast) hat nicht nur Dobtschinskij (Valentin Klos) bestens im Griff. Hinten lauert der Revisor (Janosch Schulte). Foto: Marek KruszewskiHör mal zu, mein Alter: Der Bürgermeister (Thomas Kienast) hat nicht nur Dobtschinskij (Valentin Klos) bestens im Griff. Hinten lauert der Revisor (Janosch Schulte). Foto: Marek Kruszewski

Osnabrück. Rasanter „Revisor“: Mit einer vitalen Version von Gogols Klassiker ist das Theater Osnabrück am 20. August 2016 in die neue Spielzeit gestartet.

Einmal geht der Vorhang hoch und senkt sich gleich wieder. Für einen kurzen Augenblick sehen wir in eine Kneipe im abgerissenen Sowjet-Look mit Wandtelefon und Transistorradio (Bühne: Christin Treunert). Unter dem riesigen Deckenlicht, das wie ein allsehendes Auge über der schäbigen Szenerie schwebt, balgen sich die tumben Kleinstädter in wüster Keilerei. Es genügt der kurze Blick, um zu wissen, dass es aus dieser Hölle aus Eifersucht und Missgunst kein Entkommen gibt. Herzlich willkommen in der Welt von Gogols „Revisor“! Dominique Schnizer, neuer Leitender Schauspielregisseur am Theater Osnabrück, stellt den Komödien-Klassiker auf schwarz gerahmter Bühne, ganz in Gogols Intention, wie ein Exempel aller menschlichen Schlechtigkeiten in den hell erleuchteten Vitrinenkasten. Hier weiterlesen: „Der Revisor“ - wie war die Premiere?

Zeitlose Parabel

Natürlich gibt es aktuelle Skandale vom „Dieselgate“ bei Volkswagen bis zur Steuerhinterziehung von Uli Hoeneß, die dazu verlocken könnten, das 1836 uraufgeführte Stück mit entschlossenem Griff in die Jetztzeit zu holen. Schnizer legt den „Revisor“ stattdessen als zeitlose Parabel einer Gesellschaft an, die sich auf kollektive Scheinheiligkeiten und Verlogenheiten gründet. Jeder betrügt nach Kräften, aber keiner kann hier ohne den anderen. Hier weiterlesen: Seine erste Inszenierung für Osnabrück – Dominique Schnizer und „Der Revisor“

Um einige Szenen gekürzt

Der Regisseur nimmt das von Dramaturg Jens Peters um Figuren wie den Diener Ossip und einige Szenen gekürzte Stück lieber als Vorlage für temporeiches Schauspielertheater. Dabei helfen ihm Thomas Kienast als Bürgermeister Anton Antonowitsch Skwosnik-Dmuchanowskij und der neu verpflichtete Janosch Schulte als der vermeintliche Revisor Iwan Alexandrowitsch Chlestakow bestens. Kienast und Schulte liefern sich das packende Duell zweier Großmäuler, Aufschneider, Wirklichkeitsverdreher. Sie führen virtuos vor, wie die Gesellschaft in Gogols Sicht funktioniert – als Schmierentheater, in dem alle schamlos geschönte Versionen von sich selbst spielen. Hier weiterlesen: Nikolai Gogols „Der Revisor“ – Handlung und Hintergründe im Überblick. .

Bübchen im grauen Anzug

Kein Wunder, dass sich Gogols Menschen nur begegnen, um sich gegenseitig zu taxieren, dass sie nur zu dem einen Zweck kommunizieren, um ihr Gegenüber zu manipulieren und den eigenen Absichten dienstbar zu machen. Der von Janosch Schulte als nassforsches Bübchen im fad-grauen Anzug verkörperte Revisor wirkt wie ein chemischer Katalysator im ungut gemixten Sozial-Gebräu der in Korruption versunkenen Kleinstadtgesellschaft. Alle stürzen sich auf den vermeintlichen Aufsichtsbeamten aus einer besseren, weil gesellschaftlich höher stehenden Welt – nicht nur, um von eigenen Fehlern abzulenken, sondern auch, um den letzten Zug in ein doch womöglich noch besseres Leben nicht zu verpassen. Hier weiterlesen: Christina Dom und Ronald Funke zurück am Theater Osnabrück .

Innere Angst und grobe Willkür

Thomas Kienast etwa spielt einen Bürgermeister, der seine innere Angst mit Befehlsgehabe und rabiater Willkür kaschiert. Die an das Theater Osnabrück zurückgekehrte Christina Dom und Marie Bauer liefern sich als Frau und Tochter des Bürgermeisters einen herrlich verbissenen Zickenkrieg um die Gunst des Bürschchens Chlestakow, der sich durch jede Szene schlottert und gleichwohl konstatiert: „Ich bin ein wilder Mensch, sehr entschlossen.“ Das gefällt vor allem Tochter Marja, dem Früchtchen, das zuerst um Verse für sein Poesiealbum bittet, um diesen Heros der Bürokratie dann mit wilder Knutscherei zu überrumpeln. Hier weiterlesen: Theater Osnabrück - Ensemble zur neuen Spielzeit begrüßt.

Intensives Ensemblespiel

Kienast, Dom, Bauer, Schulte, sie agieren auf den Punkt genau in dieser unentwegt intensiven „Revisor“-Vorstellung. Und doch müssen sie einem Schauspielerkollegen den Vortritt lassen. Niklas Bruhn hat als Schuldirektor Chlopow nur kurze Textpassagen zu sprechen, entfaltet aber dennoch mit intensivem Körperspiel das packende Porträt eines Gehemmten und Verklemmten. Bruhn fisselt und fummelt, nagt und nestelt, fügt aus einer Endlosserie nervöser Gesten ein Kompendium der Halbheiten. Er macht auf diese Weise plausibel, wie verlogene Sozialkontakte einen Menschen völlig verbiegen können. Trist anzusehen, herrlich gespielt. Hier weiterlesen: Was wird aus Osnabrücks Stadtkultur? Experten diskutieren.

Darsteller überzeugen

Aber auch alle anderen Darsteller überzeugen: Ronald Funke als Postmeister Schpekin, Klaus Richter als Richter Ljapkin-Tjapkin, Cornelia Kempers als Hospitalverwalterin Semljanika, Valentin Klos als Gutsbesitzer Dobtschinskij, Stefan Haschke als sein Alter Ego Bobtschinskij und Andreas Möckel als Reviervorsteher Uchowertow. Dieser „Revisor“ hat Kraft und Verve. Dominique Schnizer stellt sich als Schauspielchef vor, der sein neu formiertes Ensemble sofort in Bestform gebracht hat. Das macht Lust auf mehr.

Nächste Aufführungen:25. August, 10. September. Kartentel. 0541/7600076. Info: www.theater-osnabrueck.de


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