Wacken: Zeichen der Rockfans „Gesten der Gegenwart“: Die „Pommesgabel“


Osnabrück. „Kleine Gesten der Gegenwart“: In unserer Serie porträtieren wir Körpergesten der Alltags- und Popkultur. Heute: die Pommesgabel.

Sind alle verrucht, dann ist es eigentlich keiner. Von Wacken bis Rock am Ring recken in den Sommermonaten Zehntausende Musikfans ihre Hände zum sogenannten Teufelsgruß in die Höhe. Satanisten sind sie deshalb noch lange nicht. Wer Zeigefinger und kleinen Finger von der geballten Faust abspreizt, signalisiert ausgelassene Stimmung jenseits der Alltagsroutine, aber keine Verschwörung im Namen finsterer Mächte. Hier weiterlesen: Kleine Gesten der Gegenwart - der militärische Gruß .

Carstensen als Rockfan

Wie watteweich die Bedeutung der auch als „Pommesgabel“ bekannten Handgeste inzwischen gebügelt ist, müsste spätestens im Juli 2014 klar geworden sein. Seinerzeit reckt Peter Harry Carstensen (CDU), bis 2012 Ministerpräsident Schleswig-Holsteins, die Faust mit den beiden abgespreizten Fingern bei Wacken in die Höhe. Unten grauer Schlick, oben blauer Himmel, dazwischen ein tapsig zu nennender gelernter Agrarlehrer – wo soll bei so viel Beschaulichkeit für Satanismus noch Platz sein? Hier weiterlesen: Hände als Herz - die weiße Salbe unter den Körpergesten.

Metalhand und Teufelsgruß

Satanistengruß und Teufelshörner, Metalhand und Teufelsgruß: Die Handgeste hört auf allerlei abgründig klingende Namen. Sie soll auf den Minotaurus, das triebhafte Mischwesen aus Mensch und Tier, verwiesen haben. Die Geste wird in Gaston Leroux’ Roman „Phantom der Oper“ zitiert, in dem abergläubische Balletteusen die Teufelshand als Schutzzeichen gegen den bösen Blick einsetzen. Die gezackte Handsilhouette beschwört den Leibhaftigen und wehrt ihn in gleicher Weise ab. Solcher Doppelsinn wurzelt in kulturhistorischem Dunkel. Hier weiterlesen: Aggressiver geht es kaum - die Kopf-ab-Geste .

„Kiss“ oder John Lennon?

Heller geht es in der vergleichsweise jungen Geschichte der Rockmusik zu, deren Protagonisten sich um die Ehre gebalgt haben, Urheber jener Geste zu sein, die Fans heute rund um den Erdball eint. War es 1977 „Kiss“-Bassist Gene Simmons, war es die Band Coven mit ihrer 1969 einschlägig betitelten LP „Witchcraft“, die die Teufelshand in den Bedeutungskontext der Rockmusik hinüberzogen? Oder vollführte noch ein wenig früher John Lennon selbst, also einer der großen Zauberer des Rock, diesen magischen Akt? Hier weiterlesen: Kleine Gesten der Gegenwart - der Handschlag.

Erkennungszeichen für Millionen

Um die Antwort auf diese Frage mögen sich Historiker balgen. Viel wichtiger: Eine Geste kann gar nicht so dunkel, dämonisch, drohend sein, um nicht am Ende doch in ein Segment unserer Kultur transferiert werden zu können, dass massenkompatibel, also in seiner Bedeutung abgeschwächt ist. Die „Pommesgabel“ ist eine Geste, die von Millionen als Erkennungszeichen benutzt wird, die im Sekundenbruchteil erkannt, identifiziert und mit gleicher Handhaltung beantwortet werden kann. Das setzt voraus, dass es einen verborgenen, gar abgründigen Hintersinn dieser Geste nicht mehr gibt. Hier weiterlesen: Breitbeinig sitzen - ein Signal der Machokultur.

Dämon in der Freizeit

Der Satanismus dieser Teufelsgabel ist zum Zitat herabgedimmt. Wer nun in Wacken oder anderswo die Hand mit abgespreiztem Zeigefinger und kleinem Finger emporreckt, gibt für die Dauer des Rockkonzertes den Freizeitdämon, der zum Satansgruß – ach, wie abgründig – möglichst auch die Zunge weit herausstreckt. Danach geht es ohnehin in den Alltag zurück, in Schule oder Uni, ins Büro oder an den Bankschalter. Bis dahin allerdings zeigen Rockfans wenigstens zitatweise ihr ganz anderes Gesicht. In diesem Moment wissen sie sich alle einig – sogar mit Peter Harry Carstensen. Hier weiterlesen: Kleine Geste der Gegenwart - das High five.

Hier weiterlesen: Kleine Gesten der Gegenwart - Daumen hoch .


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