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Wo Wellen wild wogen, wuchern düstere Seelendramen

Unerbittlich peitscht der Sturm, tosen die Wellen, donnern die Elemente. Der Osnabrücker Generalmusikdirektor Hermann Bäumer entfesselt im Vorspiel zu Richard Wagners "Fliegendem Holländer" einen Orkan, und mit jedem An- und Abschwellen der Sturmfluten macht das Osnabrücker Symphonieorchester klar: Hier geht es um Leben und Tod.

Unerbittlich peitscht der Sturm, tosen die Wellen, donnern die Elemente. Der Osnabrücker Generalmusikdirektor Hermann Bäumer entfesselt im Vorspiel zu Richard Wagners "Fliegendem Holländer" einen Orkan, und mit jedem An- und Abschwellen der Sturmfluten macht das Osnabrücker Symphonieorchester klar: Hier geht es um Leben und Tod.

Nun kommt Senta mit dem Leben davon - wobei es eine Ironie in Sentas Schicksal ist, dass ausgerechnet der verschmähte Erik (Michael Baba mit voluminöser Stimme, aber auch mit Konditionsproblemen) sie daran hindert, sich das Messer in die Brust zu rammen. Doch der Gesichtsausdruck, den Majken Bjerno der Senta verleiht, zeigt, dass sich die Kapitänstochter in den Wahnsinn verabschiedet hat. Was ja auch eine Form der Flucht ist.

In seiner letzten Inszenierung als Intendant der Städtischen Bühnen Osnabrück erzählt Norbert Hilchenbach den "Holländer" als Sentas Geschichte - wie etwa auch Claus Guth mit seiner aktuellen Inszenierung für die Bayreuther Festspiele. Schon zum Vorspiel entdeckt Klein Senta das Bild des Holländers, und auf einer Galerie hoch über dem Geschehen erlebt sie als erwachsene Frau, wie der Steuermann (kräftig und klangschön: Ralph Ertel) vom Südwind singt und ihr Vater Daland, der sonore Michael Tews, sie an den Holländer verschachert.

Was ist echt, was Sentas Traum? Beide Ebenen vermischen sich auf Peer Palmowskis Bühne. Eine stilisierte Welt hat der Ausstatter entwickelt, deren wildes Grauschwarz sowohl die Wellen der Partitur widerspiegelt als auch Sentas aufgewühlte Psyche. Hoch oben auf ihrer Galerie beginnt sie zu beben, als sich der blau umrandete Bug des Holländerschiffs bedrohlich auf die Bühne schiebt. Dabei blickt sie in eine unbestimmte Ferne - als durchlebe sie einen intensiven Traum.

Dadurch wird Senta zur Außenseiterin. In der Ballade drückt Majken Bjerno Sentas obsessive Weltflucht aus, während die Spinnmädchen eine arme Irre verlachen. Bjerno bewegt hier mit ihrer warm glühenden Stimme, mit der eindringlichen Gestik, mit der sie auf die Mädchen zugeht, mit einem Gesichtsausdruck, mit dem sie fast im Bild des Holländers versinkt. Und Hermann Bäumer lässt im Auftakt der Ballade bedeutungsschwer die ganze Dramatik des Werkes kulminieren; der folgende Sechsachtel-Takt schwingt leise und bedrohlich. Keine Frage: Er hat sein Orchester vorzüglich vorbereitet.

Für seine Inszenierung orientiert sich Hilchenbach konsequent an der Partitur der Urfassung: also ohne Pausen, ohne verzärtelten Apotheose-Schluss. Dabei schießt er hin und wieder übers Ziel hinaus, etwa wenn der - von Marco Zeiser Celesti vorzüglich vorbereitete - Chor zum Geisterchor im dritten Akt jede einzelne Note in Bewegung umsetzt. Stark wird die Umsetzung, wenn sie sich den Egozentrikern widmet, die sich auf der Bühne begegnen. Am deutlichsten wird das im Duett zwischen Holländer und Senta: Gefangen in ihrem Lichtkegel, stehen George Gagnidze und Majken Bjerno im weiten Einheitsraum von Palmowskis Bühne, umkreisen sich, ohne dass sich auch nur die Lichtkegel berühren. Dabei überzeugt auch Gagnidze mit feinen Nuancen und weich strömender Stimme in seinem Rollendebüt.

Senta sieht im Holländer-Schiff das Fluchtfahrzeug aus der engen Daland-Welt. Doch am Ende des Duetts, wenn sie auf das Schiff gehen will, steht sie irritiert vor geschlossenen Wänden. Damit zeichnet sich ab, was die harten Schläge des Schlusses bestätigen: Diese Welt wird Senta nicht entlassen. Nicht einmal den Freitod gesteht sie ihr zu. Ihr bleibt nur der Wahnsinn. Und Osnabrück hat seit fast zwei Jahrzehnten wieder einmal Richard Wagner auf der Bühne. Und ist zu Recht begeistert.

Nächste Aufführungen: 5., 10. Juli. Kartentelefon: 0541/7600076. Information: www.theater.osnabrueck.de.


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