Serie „Ab in die Ferien“ Regionale Krimis: Verbrecherjagd für Entspannungssucher

Von Elke Schröder


Osnabrück. „Ab in die Ferien!“: In unserer Serie fragen wir nach den Ferien als Thema der Kultur. Heute: Stark regional geprägte deutsche Kriminalromane haben zur Urlaubszeit Saison.

Horrorfrühstück auf Wangerooge: Neben der dampfenden Teekanne auf dem Stövchen liegt ein blutiges Paket mit einem abgetrennten Kopf. Klarer – zehnter – Fall für die Auricher Ermittlerin Ann Kathrin Klaasen. Tödlicher Marathon auf Sylt: Ein junger Sportler bricht auf der Uferpromenade zusammen – Doping oder Mord? Hobby-Detektivin Mamma Carlotta mischt sich – ebenfalls bereits zum zehnten Mal – in die Ermittlungen ein. Mörderischer Stress in der bayrischen Provinz im fiktiven Niederkaltenkirchen: Der diätgenervte Dorfpolizist Frank Eberhofer muss sich mit einer Brandleiche beschäftigen. Mysteriöser Absturz nach Höhenflug in den Alpen: Kriminalhauptkommissar Hubertus Jennerwein kämpft sich in seinem achten Fall nicht nur durchs Gebirge, sondern auch mit Lokalprominenten.

Das sind nur vier Tatorte fiktiver Verbrechen in deutschen Urlaubsgebieten, die sich aktuell in den Krimis „Ostfriesenschwur“ von Klaus-Peter Wolf , „Gegenwind“ von Gisa Pauly , „Leberkäs-Junkie“ von Rita Falk und „Schwindelfrei ist nur der Tod“ von Jörg Maurer auf den Bestsellerlisten von „Spiegel“ und „Focus“ befinden. Ihr Erfolgsrezept: kantig-schrullige Ermittlerinnen und Ermittler, die mit ihrer regionalen Mundart und oftmals mit schwarzem Humor unterhaltsam über die grausamsten Verbrechen in nächster Nähe hinweghelfen – und auch mal die Spannungsliteratur-Sparte „Regionalkrimi“ karikieren.

Marketing-Instrument Regionalkrimi

Von der norddeutschen Küste bis in die Alpen, Stadt oder Land: Fiktiv gemordet und an realen Orten vor der heimischen Haustür ermittelt wird mittlerweile fast überall in Deutschland. Viele größere Verlage wie Droemer, dtv, Piper, Scherz oder S. Fischer haben stark regional geprägte Krimis im Programm. Schließlich erfreuen sich diese seit Längerem bei einem Millionenpublikum besonderer Beliebtheit. Nahezu jede Region und Stadt in Deutschland hat ihren eigenen Krimi.

Losgetreten haben diesen Trend vor 30 Jahren jedoch kleinere Verlage: Der Grafit-Verlag brachte mit Jacques Berndorfs „Eifelblues“ 1989 den Stein ins Rollen. Als Erfinder des Regionalkrimis als Marketing-Instrument und bundesweites Geschäftsmodell gilt aber der bereits 1984 in Köln gegründete Emons Verlag: „Wir waren die Ersten und sind weiterhin, was die reine Titelanzahl angeht, Marktführer“, sagt Emons-Pressesprecher Dominic Hettgen. In dem Verlag debütierte übrigens auch Bestsellerautor Frank Schätzing („Der Schwarm“) mit seinem historischen Kriminalroman „Tod und Teufel“ (1995).

„Wir stehen nicht suchend vor der Landkarte“

Heute bringt Emons pro Jahr 150 neue Regionalkrimis heraus, „die durch alle Monate gefragt sind“, sagt Hettgen. „Es gibt bestimmt ganz viele Orte, die noch nicht Krimi-Schauplatz geworden sind. Eine Region, in der wir noch nicht so präsent sind im Vergleich zu anderen Bundesländern, ist Brandenburg. Wir stehen aber nicht suchend vor der Landkarte und markieren die fehlenden Orte mit einer Stecknadel. Einen Hegemonialanspruch haben wir nicht. Der Weg ist so: Der Autor kommt mit seinem Manuskript zu uns, und dann schauen wir, ob das ein guter Krimi ist, der in unser Programm passt.“

Die auflagenstärksten Emons-Autoren seien im Norden Hannes Nygaard, der in Husum seinen Kommissar Christoph Johannes bereits zum elften Mal auf Verbrecherjagd geschickt hat, und im Süden Helmut Vorndarn mit seinen Franken-Krimis: „Ihre Krimis verkaufen sich zwischen 25000- und 60000-mal“, so Hettgen. Die Startauflagen bei unbekannten Autoren liegen zwischen 3000 und 5000 Exemplaren.

Ferienzeit wichtig für Vertriebsplanung

„Weihnachten und die Ferienzeiten sind natürlich starke Lesezeiten. Es gibt aber keinen riesigen Hype“, sagt der Emons-Sprecher. Er räumt jedoch ein: „Wir richten uns bei der Planung für die Veröffentlichung aber nach den Ferienzeiten, um in den Touristenregionen mit den passenden Titeln präsent zu sein.“ Aus diesem Grund erscheine beispielsweise Martin Schüllers „Der Bulle von Garmisch“ jetzt im Juli: „Wir planen auch im Hinblick auf saisonale Ereignisse wie etwa Volksfeste oder wichtige Jubiläen.“

Steigen mit den Temperaturen die Verkaufszahlen?

Im Gmeiner Verlag in Meßkirch, der sich auf „Spannungsromane, die im deutschsprachigen Raum spielen“, spezialisiert hat, erscheinen in diesem Jahr 89 neue Regionalkrimis. Dort ist gerade mit „Familiensache“ der dritte Osnabrückkrimi um Hauptkommissarin Johanna Kluge von Ulrike Kroneck auf den Markt gekommen. Die Gesamtauflage der Krimis der Autorin aus Melle liegt derzeit, laut Gmeiner Verlag, bei 21000 Exemplaren. „Während der Urlaubssaison können wir regelmäßig einen Anstieg des Verkaufs verzeichnen. Besonders die Nord- und Ostseeküste gehören zu den verkaufsstärksten Regionen im deutschsprachigen Raum“, sagt Gmeiner-Pressesprecherin Petra Wendler, so sei das – bisher mit 49 neuen Titeln umfangreichste – Herbstprogramm eigentlich ein Sommerprogramm.

„An der Nordsee kommen die Bayern-Krimis nicht in die Buchläden, die Nordsee-Krimis nicht in Bayern“, schrieb die freie Lektorin Lisa Kuppler 2015 in einem Beitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. „In dieser Absolutheit trifft das nicht zu“, erwidert Emons-Sprecher Hettgen, und sagt: „Es ist natürlich schwieriger, einen Krimi eines unbekannten Autors über die Region hinaus zu verkaufen. Bekannte Autoren haben es da leichter, auch überregional in den Buchhandel zu kommen.“

Wer liest das alles?

Doch sind Regionalkrimis wirklich in erster Linie Touristenkrimis? „Es gibt drei Gründe für einen Leser, einen Regionalkrimi zu kaufen“, meint Hettgen: „Erstens, er lebt vor Ort. Zweitens, er hat einen Bezug zum Ort, sei es als Urlauber oder jemand, der Interesse an seiner alten Heimat hat. Drittens, er möchte einfach einen guten Krimi lesen.“ Letzteres betont er mehrfach, denn „Regionalkrimis“ haben nicht nur Fans: (Literatur-)Kritiker reagieren oft verhalten oder gehen mit der Marke hart ins Gericht, wie Tobias Gohlis, Kritiker und Sprecher der „KrimiZeit“-Jury 2013 in der „Welt“: „Der Regiokrimi ist die Bad Bank der deutschen Kriminalliteratur. Hier wird der Gestaltungsdrang williger Amateurschriftsteller in örtlich begrenzten Auflagen entsorgt.“ Dahinter steckt immer wieder der Vorwurf, der Ortsname sei wichtiger als eine raffinierte Handlung mit tiefgründigen Charakteren, anspruchsvoll erzählt.

Feine Unterschiede

In welcher Kategorie ein Schriftsteller hierzulande seine Kriminalromane eingeordnet sehen möchte, erkennt man am Untertitel: So wird beispielsweise Friedrich Anis Reihe nicht als „München-Krimi“ vermarktet, sondern – benannt nach dem Ermittler – als „Tabor-Süden-Roman“.

Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen: Auch Leser, die vor allem am Urlaubsort unterhaltsame Zerstreuung suchen, merken schnell, ob sich die Beschreibung des Lokalkolorits nur auf die Erwähnung des Ortsschilds begrenzt. Im riesigen Bücherangebot heißt es wie bei jedem Genre: Perlen suchen.


0 Kommentare