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Filmkritik „Toni Erdmann“: Maren Ades Cannes-Erfolg läuft an

Von Daniel Benedict


Berlin. Maren Ades „Toni Erdmann“ mit Sandra Hüller und Peter Simonischek ist in Cannes gefeiert worden. Nach dem Jubel der internationalen Kritik kann sich nun das Publikum einen Eindruck verschaffen.

Im Lebensentwurf liegen Winfried Conradi und seine Tochter Ines so weit auseinander wie ihre Generationen: der Musiklehrer ein Alt-68er, die Tochter Unternehmensberaterin. In Bukarest befördert sie ihren eigenen Aufstieg gerade mit der massenhaften Kündigung rumänischer Arbeitskräfte. Als Winfried sie ausgerechnet hier besucht, können beide entsprechend wenig miteinander anfangen.

Wenn es doch etwas gibt, das Vater und Tochter miteinander verbindet, dann ist es eine gewisse Müdigkeit gegenüber der eigenen Rolle. Zumindest Winfried scheint das zu spüren: Als er nach dem missglückten Besuch noch einmal zurückkehrt, kommt er sprichwörtlich als ein anderer: Mit ranzigen Haarteil und Karnevalsgebiss nennt Winfried sich nun Toni Erdmann, tritt mal als deutscher Botschafter, mal als Motivationscoach von Ines‘ Auftraggeber auf und mischt sich mit der Diskretion eines Furzkissens in ihre Geschäfte ein. Und die Tochter spielt mit. („Ich habe der Welt nichts mitzuteilen“: Sandra Hüller im Interview)

Verkleiden, entkleiden: Die Masken in „Toni Erdmann“

Maskeraden sind das Leitmotiv in Maren Ades „Toni Erdmann“, aber die Dynamik ist bei Vater und Tochter gegenläufig. Winfried wird mit jeder neuen Verkleidung mehr er selbst. Ines muss sich sprichwörtlich entkleiden, um ihre eigene Person zu entdecken. Denn ihr Beruf ist eine einzige Inszenierung – ob Ines nun ihre schmutzige Bluse gegen die der Assistentin tauscht, einen angebrochenen Zeh weglächelt oder in Konferenzräumen glänzt, vor deren Fenstern das Elend in Baracken haust. Den Moment der größten Nähe – zu sich selbst und zu einander – erleben Winfried und Ines, als sie ihn nackt umarmt, während er in einem Kukeri-Pelz verschwindet. Mit diesem Fellmonster-Kostüm vertreibt das bulgarischen Brauchtum die bösen Geister. In Maren Ades Film gelingt das nur für eine Sekunde. Am Schluss der Handlung steigt Ines auf und wechselt zu McKinsey. („Will Smith war zu arrogant für ‚Independence Day 2‘“: Roland Emmerich im Interview)

Maren Ade: „Realismus auf dem Sprung zur Überhöhung“

Die Kukeri-Szene ist auch zum Plakatmotiv geworden. Im extremen Ausschnitt ist das Motiv hier ganz auf den Kontrast von Ines‘ blonder Hochsteck-Frisur und dem dunkel fließenden Fell reduziert. Im Film selbst werden Bilder wie dieses dagegen ins große Kuddelmuddel der Wirklichkeit gestellt. Maren Ade bezeichnet das ästhetische Konzept dahinter als „Realismus auf dem Sprung zur Überhöhung“: Sie will „Kinomomente schaffen, große Überraschungen landen, aber eben nicht als Filmemacher, sondern aus der Figur heraus“, sagt sie im Presseheft. In Cannes wurde der erste deutsche Wettbewerbsbeitrag seit 2008 vielleicht gerade deshalb so euphorisch von der Kritik gefeiert. Weil er das Absurde als Alltag begreift und seine grotesken Effekte konsequent herunterspielt. Auch die Komik – in der Pressevorführung von Cannes soll es wiederholt Szenenapplaus gegeben haben – ist immer auch ein melancholisches Spiel mit dem Widersinnigen. Sandra Hüller und Peter Simonischenk, die als Vater und Tochter Glanzleistungen hinlegen, lassen in jeder Pointe Trotz gegen das Dasein mitschwingen.

„Toni Erdmann“: Humor als Widerstand gegen das Dasein

Generationenkonflikt und Globalisierung, Familie, Frauen und die so verkokste wie verkorkste Geisteshaltung des Marktliberalismus: „Toni Erdmann“ ist an Themen reich. Aber seine starke Wirkung bezieht er aus diesem Grundgefühl: Dass es im Leben womöglich überhaupt nichts Richtiges gibt, das Beziehungen ein sperriges Theater sind und dass man einander-– wenn überhaupt – nur dort wirklich begegnet, wo man sich auf den traurigen Unsinn des Daseins einlässt.

„Toni Erdmann“ D/A 2016. R: Maren Ade. D: Sandra Hüller, Peter Simonischek. 162 Minuten, ab 12 Jahren.