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Pullman, Spinder, Goldblum Emmerichs „Independence Day 2“: Ein Reboot von gestern

Von Daniel Benedict


Berlin. 20 Jahre nach dem ersten Teil bringt Roland Emmerich „Independence Day: Wiederkehr“ in die Kinos. Das Wiedersehen mit Pullman, Goldblum und Brent Spiner macht Spaß – trotzdem bleibt das Sequel ein Film von gestern.

„Definitiv größer als das letzte“, sagt Jeff Goldblum, als das Raumschiff sieht, mit dem die Aliens 20 Jahre nach der ersten Invasion zur Erde zurückkehren. Recht hat er. Zwar verdunkelte die intergalaktische Kriegsflotte schon in „Independence Day“ (1996) ganze Metropolen. Jetzt ist das angreifende Raumschiff so groß wie ein Ozean. Und seine Gravitationskraft lässt Wolkenkratzer aus Dubai und Kuala Lumpur in prächtigen Spektakel-Sequenzen auf Londons Wahrzeichen niederkrachen. „Bigger than the last one“ ist damit auch das Motto für die Neuauflage des Blockbusters. Roland Emmerich erzählt die Geschichte vom galaktischen Feind, der die Welt vereint, einfach nochmal, nur eben größer und auf dem heutigen Stand der Technik. („Will Smith war zu arrogant für ‚Independence Day 2‘“: Roland Emmerich im Interview)

Die naive Ideologie von „Independence Day 2“

Im Interview ist der Regisseur stolz auf seine Vision einer Menschheit, die 20 Jahre nach der Katastrophe alle nationalen Konflikte überwunden hat. Und der Trailer jubelt: „Im Juli vereint sich die Welt für ihre Unabhängigkeit.“ Angesichts der trennenden Wirkung, die der Unabhängigkeitspopulismus derzeit hat, wirkt das unfreiwillig komisch. Tatsächlich zusammengewachsen sind seit dem ersten „Independence Day“ vor allem die Märkte: Weil Hollywood auch in Asien Geld verdienen will, feuert in „Independence Day 2“ auch die Chinesin Angelababy auf Außerirdische. Eine ambivalente Idee war das Einheitsideal schon 1996, weil die Weltregierung durch einen Sternenkrieg mit drei Milliarden Toten erkauft war. Die gesellschaftliche Vision von „Independence Day 2“ ist fast noch ernüchternder. Offensichtlich reicht der diplomatische Fortschritt auf Erden immer noch nicht aus, um auch mit Aliens zu verhandeln.

Goldblum, Pullman und Spiner: 20 Jahre danach

Schon Teil 1 spielte mit dem Echtzeit-Effekt und ließ die Aliens am Tag des eigenen Leinwandstarts die Erde attackieren. Bei „Independence Day: Wiederkehr“ wirkt der Kunstgriff ungleich stärker. Jetzt beglaubigen gealterte Schauspieler die Veränderungen ihrer vertrauten Figuren. Die größte Überraschung zünden Emmerich und sein Co-Autor Dean Devlin im Fall von Bill Pullmans US-Präsident Whitmore. Vor 20 Jahren rettete er die Welt mit patriotischen Worten und dem persönlichen Einsatz im Kampfflieger. Nun kehrt er mit wirrem Bart zurück, und wegen einer telepathischen Verbindung zu den Aliens auch mit wirren Gerede. Der Jeff-Goldblum-Charakter wird mit einfallslosen Liebschaft abgespeist, für die Charlotte Gainsbourg etwas verloren durch das geistlose Filmuniversum tappt. Will Smith, der mit dem ersten Teil zum Star wurde, war nicht mehr zur Mitwirkung bereit; seine lapidaren One-Liner erbt Liam Hemsworth, um sie mit zuverlässiger Humorlosigkeit zu versieben. Brent Spiners akademischer Nerd Dr. Okun bekommt dafür eine rührende und angenehm beiläufig erzählte schwule Lovestory. Nachdem sich schon 1996 ein Jude und ein Schwarzer gegen die Apokalypse stemmten, bringt Emmerich die Botschaft der Diversität auf den neuesten Stand. Sogar die Frau im Weißen Haus ist vorweggenommen.

Ein Blockbuster von gestern: „Independence Day: Wiederkehr“

Trotzdem wirkt die gut gelaunte Katastrophe in „Independence Day: Wiederkehr“ durchweg gestrig. Beim Überwältigungskino, das seine Zuschauer aus den Sitzen bläst, hat Michael Bay längst die Aggressionsschraube weitergedreht. Und wer Kulturkritik zum Eiskonfekt wünscht, guckt Christopher Nolan. Selbst die Comic-Verfilmungen genügen sich nicht in der selbstzufriedenen Präsentation ihrer Effekte, sondern machen ihre Zerstörungsbilder zu Metaphern auf die Fragen der Zeit: „Captain America“ arbeitet sich an der NSA-Paranoia ab. „Batman v Superman“ untergräbt das Sicherheitsversprechen überlegener Kriegstechnologien. Dagegen wirkt die Arglosigkeit von „Independence Day 2“ fast absichtsvoll naiv. Selbst in seiner seriellen Dramaturgie hinkt Emmerich hinterher. Von „Stars Wars“ bis zu den Marvel-Filmen legen immer mehr Blockbuster ihren Stoff als verzweigtes Universum an. Emmerich folgt dem altbewährten Muster, deutet am Ende von Teil 2 eine weitere Fortsetzung an – und hofft, dass er mit dem aktuellen Film genug verdient, um sie zu realisieren.

„Independence Day: Wiederkehr“. USA 2015. R: Roland Emmerich. D: Jeff Goldblum, Bill Pullman, Liam Hemsworth, Brent Spiner, Judd Hirsch. 120 Minuten, ab 12 Jahren.