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„Unschöne Bemerkungen“ Grimm-Experte Holger Ehrhardt blickt auf die dunklere Seite der Märchenbrüder

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Die Grimms sind seit 20 Jahren sein Thema: Germanist Holger Ehrhardt. Foto: dapdDie Grimms sind seit 20 Jahren sein Thema: Germanist Holger Ehrhardt. Foto: dapd

Kassel. Prof. Holger Ehrhardt hat seit Februar die bundesweit erste Professur zu Leben und Wirken der Brüder Grimm an der Universität Kassel inne. DerGermanist beschäftigt sich mit der Frage des Antisemitismus der Romantiker. Im Interview spricht er überdie dunklere Seite der Märchensammler. Ehrhardt ist Mitorganisator einer der größten Grimm-Kongresse der letzten Jahrzehnte, der im Dezember in Kassel stattfindet: 150 Wissenschaftler aus der ganzen Welt nehmen teil.

Herr Ehrhardt, welchesInteresse hat einWissenschaftler ausBenin an GrimmsMärchen?

Es gibt in allen Ländern, in allen Kulturen Sagen und Märchen, und die stehen häufiger, als man glaubt, mit Grimms Kinder- und Hausmärchen in irgendeiner Beziehung. Sei es, weil die Märchen in diesen Ländern gewirkt haben, sei es, weil sie auf gleiche Vorlagen zurückgehen oder ähnliche Motive haben. Auf jeden Fall gibt es ein starkes Interesse vieler Kulturen an Grimms Märchen und daran, die eigene Kultur mit diesen in Beziehung zu setzen. Dementsprechend ist der Schwerpunkt des Kongresses auch die internationale Rezeption.

Sie beschäftigen sich mit der Frage des Antisemitismus der Brüder Grimm. Warum ist das Themabisher vernachlässigtworden?

Das ist eine interessante Frage. Die Brüder Grimm waren Märchenerzähler. Sie haben uns die schönen Märchen beschert, sie im Volk gesammelt, und dazu passt es eben nicht, dass man eine etwas dunklere Seite beleuchtet. Jetzt darf man diesen Aspekt allerdings auch nicht überbewerten: In der Romantik war Antisemitismus nichts Ungewöhnliches, und die Brüder Grimm waren hier leider keine löblichen Ausnahmen.

Welche Quellen haben Sie?

In ihren privaten Äußerungen, Briefen und Tagebüchern, die wir heute glücklicherweise haben, kann man mitunter sehr unschöne Bemerkungen finden. Aber man muss auch erwähnen, dass die Grimms im täglichen Umgang mit Juden durchaus fair waren. Beispielsweise waren die Kasseler Brüder Rinald diejenigen, die die Geldgeschäfte der Grimms erledigt haben, auch noch, als diese schon in Berlin wohnten. Was in Briefen manchmal steht, da sträuben sich einem aber die Haare.

Haben Sie Derartiges in den Märchen gefunden?

Es gibt das KHM 110, „Der Jude im Dorn“, in dem ein Jude in einer Dornhecke tanzen muss und am Ende aufgehängt wird. Man hätte dieses Märchen durchaus weglassen können. Das haben die Brüder Grimm aber nicht getan, weil der Jude ein negatives Klischee erfüllt hat, das zu Lebzeiten der Grimms nicht als anstößig empfunden wurde.

Welche Auswirkung für die Bewertung der Grimms folgt für Sie daraus?

Man muss an dieser Stelle vorsichtig sein: Das hat mit dem ,Dritten Reich‘ nichts zu tun. Antisemitismus oder Antijudaismus ist sehr kompliziert, und er hat eine lange Geschichte. Die Frage hier ist: Was macht eigentlich den romantischen Antisemitismus aus? Wie weit geht er, und wie äußert er sich? Dabei muss auch die Rolle der Grimms im richtigen Kontext untersucht und benannt werden.

Welche Themen brennen Märchenforschern aktuell noch auf den Nägeln?

Märchen werden weltweit unter allen möglichen Gesichtspunkten erforscht. Alle literaturwissenschaftlichen Methoden, die es gibt, werden auf die Märchen angewendet. Sie finden editionsphilologische genauso wie psychoanalytische Ansätze, mythenkritische oder komparatistische (motivvergleichende) oder auch moderne Gender-Ansätze, z.B. unter welchen Gesichtspunkten werden Frauen im Märchen dargestellt? Man findet so ziemlich alles.

Sind da noch völlig neue Erkenntnisse zu erwarten?

Wir befinden uns heute an dem Punkt, an dem man sich schon fragt, was kann man eigentlich noch Neues herausfinden, ist das ganze Thema denn nicht überforscht? Neue Erkenntnisse sind eher zu erwarten durch neue Sichtweisen auf die Märchen. Grundlegende Entdeckungen dürfte es wohl keine mehr geben.


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