Interview zu „Weltraumkrümel“ Warum all die Fäkalien, Craig Thompson?

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Berlin. Mit „Weltraumkrümel“ legt Craig Thompson sein erstes All-Age-Comic vor. Im Interview spricht er über die Bibel und „Star Wars“ als Inspiration und absurde Pornografie-Vorwürfe.

Die Comic-Autobiografie „Blankets“ machte Craig Thompson berühmt. Mit „Habibi“ eroberte er das Feuilleton. Mit „Weltraumkrümel“ legt der 40-jährige Amerikaner nun Sci-Fi für Kinder und Erwachsene vor. Im Interview spricht er über die Bibel als Inspiration und absurde Pornografie-Vorwürfe.

Herr Thompson, in „Blankets“ erwähnen Sie eins Ihrer Schülergedichte. Weil darin Menschen Fäkalien essen, gab es einen Verweis. Ihr neues Buch handelt vom Durchfall galaktischer Wale. Eine späte Revanche?

Das Gedicht habe ich als Viertklässler geschrieben. In Wahrheit war es eher ein kleines Epos mit starken Bezügen zu George Orwells „Animal Farm“; es erzählt von den gepeinigten Tieren eines Bauernhofs, die den Farmer fesseln und ihn, eins nach dem anderen, zwingen, ihren Dung zu essen: Kuhfladen, Ziegenköttel, alles. Ich war sehr stolz darauf, habees an der Tafel vorgetragen und wurde dann vor allen Schülern gemaßregelt. „Deine Mutter ist eine gute Christin“, hieß es. „Sie würde soeinen Schmutz nicht dulden.“ In der Autobiografie habe ich es abgewandelt und als Metapher für meine Wut auf alle möglichen Leute gemacht. (Wasser und Worte: Hier geht‘s zur Kritik von Craig Thompsons „Habibi“)

Und sind die galaktischen Exkremente eine Reminiszenz ans Jugendwerk?

Das ganze Buch ist eine Reise in die Zeit, als ich acht oder neun Jahre alt war. Ich bin heute ein vierzigjähriger Mann, der Comics zeichnet, und frage mich: Wie bin ich das geworden? Wann habe ich mich in Comics verliebt? Als Antwort wollte ich das Buch machen, von dem mein neunjähriges Ich geträumt hat. Wie meine ganze Generation war ich von „Star Wars“ begeistert, ich fand die „Ghostbusters“ und „Der weiße Hai“ toll. Meine ersten Comics waren die Witze im „MAD“-Heft. Es musste also ein komisches Buch werden und im Weltall spielen. Es musste Anspielungen auf Atari-Konsolen und 80er-Jahre-Computer geben. Aber am wichtigsten war mir der Humor. Auch bei „Star Wars“ interessiere ich mich bis heute nicht für die epischen Weltraum-Gefechte, die Politik und die Kriegsstrategien. Ich mag die häuslichen, intimen Details: die Mahlzeit, die Yoda für Luke in seiner Hütte kocht, den Millennium Falcon, der von innen wie ein Hobbykeller aussieht. (In welchem „Star Wars“-Film ist E.T. zu sehen? Verrückte Fan-Fakten zum „Krieg der Sterne“)

Wie steht’s mit Superhelden? In „Blankets“ tragen Sie und ihr Bruder Schlafanzüge mit Batman- und Spiderman-Motiv.

Die hatten wir auch, aber Superhelden waren eine kurze Episode in meiner Comic-Sozialisation.

George Lucas hat E.T. in seinen „Star Wars“-Prequels versteckt. Arbeiten Sie auch mit solchen Gags , lassen Sie zum Beispiel Freunde auftreten, die sich nur selbst erkennen können?George Lucas hat E.T. in seinen „Star Wars“-Prequels versteckt. Arbeiten Sie auch mit solchen Gags , lassen Sie zum Beispiel Freunde auftreten, die sich nur selbst erkennen können?

Allerdings. Am auffälligsten ist es bei der Figur Tinder, die nicht nach der Dating-App getauft wurde, sondern nach meinem Freund, dem Cartoonisten Jeremy Tinder. Die Figur ist so gezeichnet, als hätte er sie entworfen. Der Modedesigner in „Weltraum-Krümel“ heißt auch wie ein Freund von mir; er macht auch Mode. Ich trage gerade ein Sakko von ihm. Und auch die Hauptfigur Violet und ihre Eltern haben Vorbilder in meinem Freundeskreis.

Jetzt müssen Sie auch die anderen Figurennamen erklären: Einer trägt den biblischen Namen Zacchaeus, ein anderer Elliot Marcel Opgenorth.

Auf Elliot bin ich wohl wegen des Jungen aus „E.T.“ gekommen. Opgenorth heißt ein Freund von mir. So einen Namen kann man sich nicht ausdenken. Und Zacchaeus ist ein angriffslustiger kleiner Kerl, der durch seinen Namen nur noch tollpatschiger wirkt. Ich glaube nicht, dass viele Leser die biblische Anspielung wahrnehmen.

Trotzdem ist die Bibel wichtig für Ihre Bücher. „Blankets“ handelt von Ihrer religiösen Erziehung und illustriert über viele Seiten das Buch Kohelet; „Habibi“ liefert synoptische Vergleiche von Bibel und Koran. Sie glauben nicht mehr an Gott, lieben die Bibel aber offensichtlich immer noch.Trotzdem ist die Bibel wichtig für Ihre Bücher. „Blankets“ handelt von Ihrer religiösen Erziehung und illustriert über viele Seiten das Buch Kohelet; „Habibi“ liefert synoptische Vergleiche von Bibel und Koran. Sie glauben nicht mehr an Gott, lieben die Bibel aber offensichtlich immer noch.Trotzdem ist die Bibel wichtig für Ihre Bücher. „Blankets“ handelt von Ihrer religiösen Erziehung und illustriert über viele Seiten das Buch Kohelet; „Habibi“ liefert synoptische Vergleiche von Bibel und Koran. Sie glauben nicht mehr an Gott, lieben die Bibel aber offensichtlich immer noch.

Unbedingt. Ich bezeichne mich nicht mehr als Christen oder auch nur als religiös. Meine Freundin sagt allerdings das Gegenteil. Ihr Argument: Ich lese immernoch die Bibel, meistens bei der Recherche, aber manchmal auch zum Spaß. Und es stimmt auch, dass ich mich mit der Lehre Jesu identifiziere, auch wenn ich nicht finde, dass sie viel mit dem Rest der Bibel zu tun hat. Oder mit dem, was Christen und christliche Organisationen gegenwärtig so treiben. Jesus beeindruckt mich immer noch, ich glaube nur nicht, dass er Gottes Sohn ist. (Jugend bei Evangelikalen: Craig Thompsons Comic „Blankets“ in der Kritik)

Ist die Arbeit mit einer biblischen Anspielungsebene nicht knifflig? Viele werden drüber weglesen.

Eine gute Frage. Bei „Weltraum-Krümel“ gilt das sicher für den Namen Zacchaeus; und da ist es mir auch egal, ob die Anspielung verloren geht. Die Geschichte von Jona und dem Wal, die viel wichtiger ist, halte ich aber für einen Mythos, der universell verstanden wird. Die Weltraum-Wale haben natürlich auch mit „Moby Dick“ zu tun, so wie „Moby Dick“ wiederum mit dem biblischen Stoff arbeitet. In „Habibi“ habe ich mich dafür interessiert, wie stark Christentum, Islam und die jüdische Lehre überlappen.

Und das Buch führt es so aus, dass man es auch ohne Vorkenntnisse versteht. Das stimmt.

Glauben Sie, dass Ihr unfrommer Blick auf Jesus strenggläubige Christen provoziert? Ich frage das, weil es um Ihre Autobiografie „Blankets“ eine Pornografie-Debatte gab.

In dem Streit ging es darum, mein Buch – aber auch Comics wie Alison Bechdels „Fun Home“ oder „Ein Sommer am See“ von Jillian und Mariko Tamaki – aus den Büchereien zu drängen. Wahrscheinlich hat es mit dem christlichen Fundamentalismus in amerikanischen Kleinstädten zu tun; aber sicher auch mit dem Medium Comic. In einem Roman darf man alles Mögliche beschreiben, das als Comic-Bild dann auf einmal skandalös wirkt. Wenn „Fifty Shades of Grey“ eine Graphic Novel wäre, würde es niemand mehr im Flugzeug lesen.

Gab es neben der Bücherei-Kampagne noch andere negative Reaktionen auf Ihre Bücher? Aus dem Umfeld, das Sie porträtieren?

Ja, von meinen Eltern zum Beispiel. Sie haben mir „Blankets“ fünf Jahre lang nicht verzeihen können.

Haben Ihre Eltern bestimmte Episoden, etwa den sexuellen Übergriff auf Sie und Ihren Bruder, erst aus dem Buch erfahren?

Ich glaube, das haben Sie wirklich erst beim Lesen erfahren. Aber erschreckt hat sie das ganze Buch. Für meinen Vater war die größte Sorge, dass es sie als schlechte Eltern dastehen lässt. Ich habe viel mit ihm darüber diskutiert, weil ich wirklich glaube: Meine Erfahrungen unterscheiden sich kaum von denen der meisten Jugendlichen. Und in den 13 Jahren seit der Veröffentlichung sind meine Eltern nie nachteilig auf das Buch angesprochen worden, auch in ihrer eigenen Kleinstadt nicht.

Viele Comic-Zeichner wählen für die erste Graphic Novel autobiografische Stoffe. Wieso?

In den 90ern war es einfach ein Trend in der Independent-Szene, so wie Grunge-Musik. Für mich war es auch ein Mittel, um persönliche Nähe und eine Stimmung von Intimität ins Comic zu kriegen. Inzwischen möchte ich mich gar nicht mehr zum Helden meiner Bücher machen. Mit dem Alter ist mein Bedürfnis nach Privatheit gewachsen. Ich blicke auch nicht mehr so unbedarft auf die Folgen, die autobiografische Bücher für meine Freunde und Verwandten haben. Als junger Künstler war ich kühner und naiver.

Für „Weltraum-Krümel“ mussten Sie viele Gefährte und Kreaturen erfinden, die auffallend oft wie Würstchen, Hamburger und Hummer aussehen. Essen Sie viel bei der Arbeit?

Ein Buch, das so unübersehbar mit der analen Phase spielt, braucht als Gegenstück auch die orale Phase. Wenn schon Freud, dann richtig. Tatsächlich habe ich mir einfach keinen Schranken auferlegt. Wenn ich darüber nachgedacht hätte, wäre mir ein Hamburger als Raumschiff vermutlich sinnlos vorgekommen. Aber ich habe einfach meiner neunjährigen Fantasie die Zügel schießen lassen.

Jedes Ihrer Bücher ist vollkommen anders als das vorige. Selbst Ihr Strich verändert sich gewaltig. Vermeiden Sie einen Personalstil?

Früher habe ich es gern mit den Alben von Beck oder David Bowie verglichen, wo jede Platte ein anderes Genre bedient. Aber im Grunde mache ich das, um mich nicht zu langweilen, besonders nach den Langzeit-Projekten. Bei den letzten hundert Seiten habe ich es meistens schon satt. Ich komme in meinen Büchern immer wieder auf dieselben Themen und Fragen zurück, auf Liebe, Familie, Religion; da möchte ich zumindest den Stil variieren.

Zeichnen Sie alles per Hand oder nutzen Sie Computer?

„Weltraum-Krümel“ ist das erste Buch, bei dem ich zur Hälfte auf dem Tablet gezeichnet habe, auf einem „Wacom Cintiq“. Zum einen, weil ich die Technik lernen wollte. Dann aber auch, weil die Zeichnungen von einem anderen Künstler koloriert werden sollten. Ich habe also auf dem Computer gezeichnet und dann für die Kolorierung Ausdrucke auf Papier gemacht. Es ist ein bisschen wie beim Laserschwert: eine Mischung aus alter und neuer Technik.

Zum ersten Mal haben Sie mit einem anderen Künstler zusammengearbeitet. War es schwer, eine zweite Autorschaft in ihrem Werk zu akzeptieren?

Dave Stewart ist zwar ein Künstler, aber nur in seinem Fach: Er macht nichts anderes als Kolorieren, hat es damit aber zu Ruhm und Ehre gebracht, besonders mit seiner Arbeit an „Hellboy“. Wir kennen uns seit 20 Jahren; beim Verlag Dark Horse Comics haben wir zusammen gearbeitet. Mir war klar, dass ich keine 300 Seiten selbst kolorieren kann. Das würde mindestens ein Jahr kosten. Es musste jemand anders machen, und Dave war die logische Wahl. Die Zusammenarbeit war bereichernd, weil er mich oft überrascht hat. Er kann Dinge, die ich selbst nie hinkriegen würde, seine Farben schaffen eine starke Atmosphäre, und selbst ein schwarzer Weltraum-Hintergrund bekommt bei ihm eine enorme Tiefe.

Dass der Wal-Durchfall grün ist, war vermutlich Ihre Entscheidung.

Natürlich, und es war die einzige Möglichkeit. Es sollte eklig sein, aber auf eine lustige Weise. Braun ist da ausgeschlossen. Auch für die zentralen Figuren habe ich die Farben in einem Character-Design-Blatt festgelegt. („Star Wars VII“: die ehrliche Kritik des ersten Disney-Sternenkriegs)

Haben Sie Vorschläge von Dave Stewart abgelehnt?

Es gab am Anfang einen großen Korrektur-Durchgang. Dave arbeitet sehr schnell. Er kommt nicht mit fünf Seiten zur Besprechung, sondern mit 100. Sein erster Entwurf war mir aber einfach zu dunkel, also mussten wir ein großes Konvolut überarbeiten. Ich wollte düstere Hintergründe, aber um die Figuren herum muss es poppig sein.

Sie stellen „Weltraumkrümel“ bei Lesungen in Schulen vor. Was fragen Kinder Sie zum Buch?

Es gibt eine Szene, in der die lustigen Nebenfiguren angeln gehen; und die Kinder wollten wissen, was sie fangen. Eine andere Passage erwähnt einen Krieg, von dem die Kinder mehr erfahren wollen. Außerdem muss die Hauptfigur Violet am Anfang einige Freunde verlassen – und jetzt werde ich gefragt, was aus denen wurde. Manche Fragen erwischen mich kalt, andere kann ich aber beantworten, weil ich mir beim Schreiben eine Reihe von Hintergrund-Geschichten zurechtgelegt habe. (Weiterlesen: The Walking Dead — Diese Kirkman-Idee war selbst dem Zeichner zu hart)

Gute Fragen – und ein toller Stoff fürs Sequel.

Das ist von den Kindern auch schon eingefordert worden. Ich bin unsicher, ob ich es machen soll. Ein Mädchen hat einen wirklich brillanten Vorschlag gemacht: Schreib eine Fortsetzung, in der alle Guten zu Bösewichten werden und alle Bösewichte zu Guten. Das ist großartig. Ich finde zwar nicht, dass es reine Finsterlinge in „Weltraumkrümel“ gibt. Aber wenn ich zum Beispiel eine Figur wie Elliots abweisenden Vater, den Hahn, nehme und zum zentralen Sympathieträger mache, entstehen lauter neue Wendungen ganz von selbst. (Wie hoch war Ihre Gage, Mr Bettany? Marvel‘s „Vision“ im Interview)

Craig Thompson: „Weltraumkrümel“. Reprodukt. 320 Seiten. 29 Euro. Hier geht‘s zur Leseprobe von „Weltraumkrümel“.


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