Theaterstreit in Hagen Große Demo und noch kein Intendant in Sicht

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Hagen . „Mit Pauken und Trompeten…“ – und dem Gefangenenchor aus Nabbucco. Mehr als 600 Menschen haben am Donnerstag (23. Juni 2016) bei praller Sonne und Temperaturen deutlich oberhalb der 30-Grad-Marke für den Erhalt des Theaters im nordrhein-westfälischen Hagen und gegen die vom Stadtrat beschlossenen weiteren Kürzungen des Etats protestiert.

Dem Motto der Veranstaltung „Mit Pauken und Trompeten“ folgend war der „Theatermarsch“ begleitet von live gespielter und gesungener klassischer Musik der anwesenden Musiker. Anlass der Demonstration war die Übergabe einer entsprechenden Online-Petition, die von mehr als 12000 Unterzeichnern gestützt worden war, an den Oberbürgermeister Erik Olaf Schulz (parteilos). Dieser richtete bei der Kundgebung auch selbst einige Worte an die Demonstranten – unter schwierigen Umständen.

Bürgermeister erntet „Pfui“-Rufe

Die wütenden „Pfui“-Rufe und ein eindeutiges „Hau ab!“ aus dem Publikum zeigten bei der öffentlichen Versammlung, wie aufgeheizt und festgefahren die Situation in Hagen/NRW derzeit ist. Musiker, Schauspieler und Bühnenarbeiter aus ganz Deutschland – teils sogar ganze Theater-Ensembles – waren nach Hagen gekommen, um mitzumarschieren. Auf Transparenten und Schildern zeigten sich das Schauspielhaus Bochum, die Symphoniker Bochum, das Badische Staatstheater Karlsruhe oder das Musiktheater im Revier aus Gelsenkirchen solidarisch mit dem Hagener Haus. Doch warum ist die Lage so kompliziert? Und warum kann die Situation in Hagen als symptomatisch für Deutschland gelten? Ein Überblick.

Die Ausgangssituation:

Schon seit Jahrzehnten hat das Theater Hagen mit Sparrunden zu tun, das ist nichts Neues, weder für die Spitze des Hauses noch für die Politik. Zuletzt war es noch vor sieben Jahren um die Frage gegangen, ob die Ballettsparte bestehen bleiben kann oder geschlossen werden muss. Mit einer Verschuldung von 6505 Euro pro Kopf gehörte Hagen im Jahr 2012 zu den Top Fünf der am meisten verschuldeten Städte Deutschlands. Will die Stadt finanzielle Unterstützung aus dem so genannten Stärkungspaket des Bundeslandes bekommen, muss sie noch deutlichere Sparanstrengungen vorweisen.

Die Auswirkung auf das Theater:

Deswegen hatte der Rat der NRW-Kommune schon im November 2013 beschlossen, den Zuschuss zum Theateretat bis zum Jahr 2018 um weitere 1,5 Millionen auf dann 13,5 Millionen Euro zu reduzieren. Allerdings, so die Vorgabe der Politik, sollen die vier Sparten des Hauses ebenso beibehalten werden wie alle Stellen. Und: Kommt es zu gewerkschaftlich durchgesetzten Tariferhöhungen bei den festangestellten Kräften, muss das Theater selbst jeweils ein Prozent aus der eigenen Kasse bezahlen, fordert der Stadtrat (Weiterlesen: Steuerzahlerbund kritisiert Theatersubvention - zuviel Geld pro Ticket? ).

Kein Intendant in Sicht:

Kein Wunder also, dass keiner den Job des Intendanten haben will. Denn der steht zur Disposition. Dass der Vertrag des Hagener Intendanten Norbert Hilchenbach – der die Stadt Osnabrück im Jahre 2006 ebenfalls im Streit um Etatkürzungen frustriert verlassen hatte – nur bis zum Sommer 2017 läuft und Hilchenbach danach in den Ruhestand geht, macht die Sache nicht einfacher. Selbst der zuletzt länger im Gespräch gebliebene Jürgen Pottebaum – der an den Freilichtspielen Tecklenburg Anfang der 2000er Jahre mit seiner Theaterlaufbahn begann und zurzeit das Marketing des Hagener Hauses verantwortet – hatte zuletzt doch abgewunken. Derzeit ist das Theater ab dem Sommer 2017 also ohne oberste Leitung. In Anbetracht der Tatsache, dass spätestens ab dem Herbst diesen Jahres die Planung der nächsten Spielzeit beginnen müsste und noch kein Verantwortlicher dafür gefunden ist, gilt dies hausintern als Katastrophe.

Verhärtete Fronten, keine Bewegung:

In der Lokalpresse in Hagen wird die hitzige Debatte in Form von Fingerzeige-Beschuldigungen ausgeführt. So wird dem scheidenden Theaterchef durch die Politik gerne Untätigkeit vorgeworfen: es sei jetzt an ihm, weitere Sparideen zu entwickeln. Tatsächlich blockt Hilchenbach bei vorgeschlagenen Ideen – beispielsweise der Reduktion von einem B- auf ein C-Orchester – mit dem Verweis auf die dann leidende künstlerische Qualität ab. Der Zorn der Kulturschaffenden entzündet sich an Hagens Oberbürgermeister Erik O. Schulz, der an den Forderungen des Stadtrats festhält und seinerseits kein Entgegenkommen zeigt. Auf der Demonstration kündigte der OB zwar an, dass er weitere Gespräche mit der Theaterleitung führen werde und dass sich erste Lösungen abzeichnen würden – jedoch bleibt abzuwarten, was das heißt. Bislang haben verschiedene Gespräche keine konkreten Ergebnisse gebracht. Eine Schließung des Theaters, sagte der OB bei der Demonstration, habe indes nie zur Debatte gestanden und sei mit ihm auch nicht zu machen (Zwischenruf eines Demonstranten: „Und was soll da dann gezeigt werden?“).

Warum ist die Lage in Hagen so symptomatisch?

Wuppertal, Rostock, Trier – und jetzt Hagen. Wenn es um das Thema Theatersubvention in Deutschland geht, zeigt sich ein immergleiches Muster: Weil Kultur von der Politik als Kostentreiber verstanden wird, werden ihr große Sparzwänge auferlegt. Das ist nicht neu und hatte bereits 2003 in Osnabrück zu der Frage geführt, ob eine Dreierspitze aus Intendanz, Kaufmännischem Direktor und Generalmusikdirektor für die Leitung eines Theaters nicht zuviel an Leitungspersonal sei (die Diskussion lief übrigens ebenfalls parallel zum Weggang des sich gegen Kürzungen sträubenden Intendanten Norbert Hilchenbach). Bleibt die Frage: wieviel soll und darf Kultur die öffentliche Hand kosten dürfen (Weiterlesen: „Bin mit Rostock erstmal fertig“ - letzter Auftritt als Indendant )? Sind die öffentlichen Theater die großen Kostentreiber, die dicke Löcher in die Haushalte der Kommunen fressen, deren Nutzwert aber als zu schwer messbar gilt? Im Fall von Wuppertal hatte die Diskussion zu drastischen Schritten geführt: Nach der Schließung des Schauspielhauses im Jahre 2013 war die Oper eine Spielzeit lang im Stagione-Betrieb ohne festes Ensemble geführt worden. Dass sich jedoch kein einziger Mensch finden lässt, der die Leitung eines Hauses innehaben möchte – das ist ungewöhnlich.


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