Fünf Tage Beatle-Mania Vor 50 Jahren waren die Beatles auf Blitztournee in Deutschland

Von Michael Ossenkopp


Löhne. Zu einer Blitztournee nach Deutschland kamen die Beatles am 23. Juni 1966. Es waren die letzten Live-Auftritte der legendären Pilzköpfe in Europa.

Im Frühjahr 1966 steigt das Beatles-Fieber auch hierzulande, als die Fab Four zu einer Blitztournee nach Deutschland kommen. Bei Konzerten der Liverpooler geraten vor allem weibliche Fans in Ekstase. Die Polizei hingegen fürchtet Krawalle, Sachbeschädigungen und Alkoholexzesse. Am 26. Juni tritt die Band zum letzten Mal live in Europa auf.

Die Blitztournee war von der Jugendzeitschrift „Bravo“ initiiert und gesponsert worden. Nach den legendären Anfängen ihrer Karriere im Hamburger Star-Club Anfang der 1960er-Jahre hatten sich die Beatles in Deutschland rar gemacht. Nun sollten sie zurückkehren, wenn auch nur für wenige Tage. Vorberichte in der „Bravo“ heizten ab April 1966 die Spannung an, die Werbetrommel wurde gerührt. Zur Kampagne gehörte neben einem großen „Kioskposter“ der vier Musiker (John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr) auch das „Bravo-Beatles-Blitz-Quiz“. Bei dem Preisausschreiben wurden 100 Freikarten verlost.

Auftritte in München, Essen und Hamburg

In den Vorverkauf gelangten rund 34000 Karten für sechs Konzerte – jeweils um 17.15 Uhr und 20 Uhr an den drei Auftrittsorten München, Essen und Hamburg. Die Tickets kosteten zwischen zehn und 25 Mark. Gemeinsam mit dem Veranstalter Hummel Reise organisierte die „Bravo“ die Anfahrt in 18 Sonderzügen. Beispielsweise fuhren nach München „der rasende John“, der „der fliegende Paul“ und „der schnelle George“, nach Essen und Hamburg ging es mit dem „rollenden Ringo“, dem „Liverpool Express“ oder dem „Beat Train“.

Aus Berlin wurden zwei Sonderflüge nach Hamburg angeboten. So war gesichert, dass Fans aus der gesamten Bundesrepublik zu einem der Konzertorte gelangen konnten. Zum Fahrt- und Flugticket gehörte auch eine Eintrittskarte. Allerdings zeigte sich schon bald, dass die Reisen nur mäßig gebucht wurden – sie waren für jugendliche Fans zu teuer. Züge mussten abgesagt oder verkürzt werden, und die Karten gingen in den freien Verkauf.

Kritiker meinten später, die Kosten seien trotz massiver Zuzahlungen der „Bravo“ (im sechsstelligen D-Mark-Bereich) zu hoch gewesen. Die Bruttoeinnahmen der Tour lagen lediglich um die 550000 Mark, allein die Gage der Beatles belief sich auf geschätzte 400000 Mark. Schon im Vorfeld der Tour war darüber spekuliert worden, welche Songs die Beatles nach Deutschland mitbringen würden: „Elektronische Klänge“, „Indische Musik“ oder im Sprachgebrauch der Zeit vielleicht gar „harten Neger-Beat“. Auf jeden Fall bestand die Aussicht auf „1800 Sekunden Glück. 30 Minuten werden die Beatles spielen.“

Keine Proben, keine Vorbereitung

Die Frauen der Beatles würden nicht mit auf Tour kommen, verriet die „Bravo“. „Es ist zu anstrengend“, meinte Lennon. Der Zeitplan sei auch so eng gesteckt, dass für Sightseeing keine Zeit bliebe. Zudem erfuhren die Leser, dass die Beatles ihre Musik nun „unüberhörbar über 150-Watt-Verstärker der Marke Vox“ dröhnen lassen würden.

Offenbar waren die Bandmitglieder von der Tour nicht so euphorisiert wie ihre Fans vor Ort. „Proben wurden gar nicht mehr intensiv abgehalten“, wie Thorsten Knublauch in seinem Buch „Die Bravo-Beatles-Blitztournee. Fünf Tage Beatlemania in Deutschland im Juni 1966“ schreibt. Die Aufnahmen für ihr siebtes Album „Revolver“ waren erst wenige Tage zuvor beendet worden, und sie hätten überhaupt keine Vorbereitungszeit auf die Tournee gehabt. Ansonsten sei nur ein kurzes Warmspielen backstage vor jedem Gig üblich gewesen. „Revolver“ erschien am 5. August 1966.

Angst vor Ausschreitungen

Bereits im September 1965 hatte die „Bravo“ eine Tournee mit den Rolling Stones organisiert. Im April 1966 kündigte die Zeitschrift Auftritte der Beatles in Deutschland an. Während der ersten Planungen galt eigentlich Berlin als fester Auftrittsort. Daneben waren Hamburg, Essen, München, Dortmund, Münster und Köln im Gespräch.

Vermutlich hatte sich die Spree-Metropole selber aus dem Rennen gebracht, da die drei infrage kommenden Veranstaltungsorte nicht zur Verfügung standen. Die Waldbühne blieb seit der Randale nach dem Rolling-Stones-Konzert im September 1965 geschlossen, im Sportpalast war die Abschieds-Eisgala von Marika Kilius und Hans Jürgen Bäumler gebucht, und die Deutschlandhalle mauerte, mit einer vermeintlichen Belegung an allen Spätjunitagen, tatsächlich wohl aus Angst vor möglichen Ausschreitungen rund um ein Beat-Konzert.

Nach der Ankunft am 23. Juni 1966 am Münchener Flughafen stiegen die Beatles im Hotel Bayerischer Hof ab und gaben am Abend eine Pressekonferenz. Am nächsten Tag spielten sie im Circus Krone ihre beiden halbstündigen Konzerte vor jeweils etwa 3000 Zuschauern. Der Circus-Krone-Bau drohte aus den Fugen zu geraten. Die Fans waren außer sich, von der Musik verstand man so gut wie nichts. Zu den Markenzeichen der Band gehörten neben den Pilzköpfen die schwarzen Bühnenanzüge. Die Beatles verschwanden ohne Zugabe.

Anreise mit dem Sonderzug

Am nächsten Morgen gegen 8.30 Uhr reisten die Bandmitglieder nach Mülheim an der Ruhr. Von dort ging es in einem Autokorso nach Essen zur Grugahalle, wo die „Hölle“ los war. Nach zwei weiteren Konzerten vor jeweils 8000 Besuchern startete gegen Mitternacht ein Sonderzug nach Hamburg. Es war der Zug, der auch von der königlichen Familie beim Staatsbesuch im Jahr zuvor benutzt worden war. „Es war sehr nett; jeder hatte ein kleines Abteil mit Marmorwanne, wirklich luxuriös“, sagte Harrison rückblickend.

Am 26. Juni erreichten die Beatles um 5.30 Uhr Hamburg und stiegen im Schlosshotel Tremsbüttel ab. Gegen 14.30 Uhr zeigten sie sich für wenige Sekunden auf dem Balkon ihren Anhängern, am Spätnachmittag standen sie auf der Bühne der Ernst-Merck-Halle. „Es ist wunderschön bei Ihnen in Hamburg“, sagte Paul auf Deutsch. Auch Hamburgs Innensenator Helmut Schmidt nebst Gattin Loki gehörten zu den 6000 Zuschauern. Während der Konzerte und danach kam es in der Innenstadt zu Krawallen, 117 Randalierer wurden festgenommen.

Keine Stücke vom neuen Album

Als Vorgruppen bei allen sechs Auftritten rockten Cliff Bennett & the Rebel Rousers, The Rattles und Peter & Gordon. Die Vorbands interessierten die Fans nicht sonderlich, alle warteten auf die Beatles. Die spielten jeweils elf Songs, begannen mit „Rock and Roll Music“. Die „Bravo“ hatte angekündigt, dass die Band auf ihrer Tour „einen Koffer voll neuer Hits nach Deutschland“ bringen würde. Entgegen der Prognose präsentieren die Beatles jedoch keine Stücke aus ihrem Album „Revolver“, doch mit „Paperback Writer“ einen Titel, der aktuell als Single erschienen war. Ansonsten brachten sie Altbewährtes wie „Day Tripper“, „I Feel Fine“, „Yesterday“ oder „Nowhere Man“ auf die Bühne.

Die damals im Axel-Springer-Verlag erscheinende Bravo titelte nach der Tournee: „So regierten die Könige des Beat“. Die Vermarktung und der Hype um die Band waren unvorstellbar, T-Shirts, Tassen und Lebensmittel mit Beatles-Logo wurden angeboten, ebenso Stiefel und Frisuren im Stil der Band. Sie seien populärer als Jesus, hatte Lennon in einem Interview mit der Londoner Tageszeitung „Evening Standard“ im März 1966 gesagt. Das Zitat wurde später in den USA aufgegriffen und führte zu Protesten, vor allem in den Südstaaten.

Nach der Deutschland-Tour flogen die Beatles am 27. Juni von Hamburg-Fuhlsbüttel über London-Heathrow nach Tokio. Neun Wochen später, am 29. August 1966, gaben sie im Candlestick Park in San Francisco ihr letztes Tourneekonzert.

2016 kam Paul McCartney im Rahmen seiner „One on One-Tour“ auch nach Deutschland und trat in Düsseldorf, München und Berlin auf.


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