Buch von Shahak Shapira Als Jude in der ostdeutschen Provinz

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Osnabrück. Als Israeli in Sachsen-Anhalt hat Shahak Shapira jahrelang Fremdenhass gespürt – und seinen eigenen Weg gefunden damit umzugehen: Sarkasmus. Sein Buch „Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen. Wie ich der deutscheste Jude der Welt wurde“ ist nun erschienen.

Obwohl viele Witze darin bemüht wirken, lohnt es, sich ihm zuzuhören. Er erzählt eine spannende Geschichte und hat eine klare Botschaft: „Gegen jede Benachteiligung anzutreten ist unsere einzige Chance, den Hass zu besiegen.“

Bis zu seinem elften Lebensjahr lebte Shapira in Israel. Schon dort sei er ein Außenseiter gewesen, wegen seiner blonden Haare bekam er den Spitznamen „Neonröhre“. Dann beschloss seine Mutter mit Shahak und dessen Bruder zu ihrem Freund nach Deutschland zu ziehen – nach Laucha, eine NPD-Hochburg in Sachsen-Anhalt. Die Ausgangssituation wirkt bereits wie ein absurdes Experiment.

„Mischung von Adolf Hitler und Wolfgang Petry“

Dass Shapira, wie er schreibt, ein pessimistisches Kind war, wundert angesichts dessen nicht. Auch in Deutschland gehörte er nicht dazu. Zwar störte seine Religion nur wenige, doch die Sprache bereitete dem Jungen Probleme. So habe er oft selbst nicht gewusst, ob sein Gegenüber ihn gerade beleidigt hat. Trotzdem gelingt es ihm, mit viel Humor auf diese Zeit zurückzublicken.

Dazu gehört unter anderem der Fußballverein von Laucha, dessen Trainer er als „eine Mischung von Adolf Hitler und Wolfgang Petry“ beschreibt. Dieser leitete nicht nur die Jugendmannschaft, sondern führte auch die rechtsextreme Szene des Dorfes an. Einige Passagen scheinen dabei allerdings nur geschrieben worden zu sein, um alle Witze unterzubringen, die dem Autoren einfielen. Sie sind zum Teil lustig, zum Teil aber auch albern.

Stärken des Buches

Nicht selten spielt er dabei auf Nationalsozialismus und Holocaust an: „In nachdenklichen Momenten stelle ich mir vor, was aus mir geworden wäre, wäre ich 50 Jahre früher auf die Welt gekommen. Ein Stück Seife? Eine Lampe? Arische Turnschuhe?“ Obwohl einige seiner Vorfahren wegen ihres Glaubens umgebracht wurden, ist von Hass keine Spur. Die Kapitel, in denen er vom Schicksal seiner Großväter berichtet, gehören zu den Stärken des Buches. Sie wirken nicht wie das Programm eines Stand-up-Comedian. Einer der beiden Großväter starb bei einem Anschlag auf das israelische Olympiateam 1972 in München und der andere kämpfte als Waise nach dem Holocaust um sein Überleben. Ihre Geschichten waren für Shapira ebenso prägend wie seine eigenen Erfahrungen.

Kampf gegen Rassismus

Shapira hat beschlossen Diskriminierung in jeder Form entgegenzutreten – selbst wenn er sich dafür mit fünf betrunkenen Männern anlegen muss, die in einer Berliner U-Bahn gegen Israel und Juden hetzen. Er wird zusammengeschlagen, der Vorfall geht im Januar 2015 durch die Medien. Und so verbringt Shapira die folgenden Wochen damit, für Kamerateams einen „traurigen Blick beim ziellosen Anstarren der ankommenden Züge“ zu machen. Die Aufmerksamkeit gefällt ihm, doch er wehrt sich gegen die Rolle des Opfers. Auch von der Verteufelung seiner Angreifer will er nichts wissen. „Im Kampf gegen Rassismus gibt es keinen Platz für Rosinenpickerei.“

Wer muss Verantwortung übernehmen?

Pegida und die AfD kommen nur am Rande vor, doch fest steht, dass Shapira einen guten Zeitpunkt gewählt hat, um seine Geschichte zu erzählen. Wie fühlt es sich an, ausgegrenzt zu sein und wie geht man damit um? Wer muss Verantwortung übernehmen? Seine Antwort ist klar: Jeder – und unter Umständen auch für Taten, die ein anderer begangen hat. „Das Wesen eines Staates basiert auf Zusammenhalt, und zwar nicht nur, wenn die Nationalelf den WM-Pokal in der Hand hält“, schreibt Shapira.


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