Von Barkenhoff bis Große Kunstschau „Worpswede expressiv“: Sommerausstellung 2016

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Worpswede. „Worpswede expressiv“: Unter diesem Titel präsentiert der Künstlerort bei Bremen seine Sommerausstellung 2016. Die Schau in vier Häusern zeigt den Aufbruch in die Moderne.

Bilder herber Landschaften, das „Malweib“ Paula Modersohn-Becker, Heinrich Vogelers Jugendstil-Idyll Barkenhoff: Worpswede gilt seit dem Ende des 19. Jahrhunderts als Traumort der Kunst abseits der Avantgarden. Doch in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts passiert, was kaum noch möglich schien - Worpswede wird expressiv. Die Moderne hält verspäteten Einzug und das scheinbar so eindeutige Bild der Künstlerkolonie bei Bremen explodiert regelrecht. Diese unbekannte Seite des Märchenortes der Kunst, in dem zeitweise auch der Dichter Rainer Maria Rilke lebte, kennen nur wenige. Das wird sich jetzt ändern. „Die wilden Zwanziger - Worpswede expressiv“: Unter diesem nach Abenteuer und Wagnis klingenden Titel präsentieren vier Ausstellungshäuser die Sommerausstellung, mit der sich Worpswede 2016 wieder von einer anderen Seite seiner künstlerischen Geschichte zeigen will. Hier weiterlesen: Die Bilder von Thomas Hartmann im Barkenhoff.

Wenig beachtete Facette

Barkenhoff, Große Kunstschau, Kunsthalle und Haus im Schluh bieten hunderte Exponate vom Gemälde bis zur Fotografie, von der Skulptur bis zu Textdokumenten auf, um eine bislang wenig beachtete Facette der Geschichte des vermeintlich so betulichen Künstlerortes endlich ins Licht zu stellen. Die Präsentationen der einzelnen Stationen fallen so unterschiedlich wie nur möglich aus. Aber genau das passt zum Befund des ganzen Projektes. Im expressiven Worpswede versuchen viele Künstler, die künstlerische Mission dieses einzigartigen Ortes fortzuschreiben. Eine Synthese, wie sie noch die Gründergeneration um Otto Modersohn, Fritz Mackensen, Hans am Ende und andere darzustellen vermochte, gelingt indes nicht mehr. Die Expression fegt wie ein Sturm durch die Ateliers. Wenigstens für kurze Zeit. Hier weiterlesen: Künstlerdorf als Marke - der Woprsweder Masterplan.

Aufbruch in die neue Gesellschaft

Die Künstler wagen jedenfalls Experimente. Heinrich Vogeler zum Beispiel macht aus seinem Barkenhoff, einem als Gesamtkunstwerk des Jugendstils entworfenen Anwesen, eine Landkommune und schließlich ein Kinderheim, das von der kommunistischen Roten Hilfe getragen wird. Ganze 25 Gemälde malt der Künstler zwischen 1918 und 1923 noch. Stattdessen widmet sich der Weltverbesserer Vogeler dem Landbau und verbringt seine Mußestunden in einer Klause im heute nicht mehr existierenden Bienenhaus. 1923 verlässt der Künstler nicht nur Barkenhoff und das Künstlerdorf, er malt auch das erste seiner „Komplexbilder“, mit denen er den Aufbau der kommunistischen Gesellschaft in der Sowjetunion feiert. Vogeler macht die Utopie zu seiner Kunst. Kuratorin Beate C. Arnold inszeniert im Barkenhoff den Rückblick auf Vogelers Auf- und Ausbruch als spannende Zeitreise. Hier weiterlesen: Neue Vogeler-Bilder für den Barkenhoff.

Das Museum als Exponat

Ihre Kollegen Katharina Groth und Björn Herrmann bespielen mit der Großen Kunstschau ein Ausstellungshaus, das zugleich das zentrales Exponat der ganzen Ausstellung gelten kann. Denn mit seinem 1927 eröffneten, seinerzeit futuristisch wirkenden Klinkerbau, installierte der Architekt und Bildhauer Bernhard Hoetger die Moderne sichtbar in der Mitte Worpswedes - und schob zugleich die Musealisierung des Künstlerdorfes an. In der großen Kunstschau breiten Groth und Herrmann nun Möbel und Plastiken Hoetgers aus, darunter die Nornen-Säulen vom Modersohn-Becker-Haus in der gleichfalls von Hoetger konzipierten Bremer Böttcherstraße. Hoetger suchte wie Vogeler Stoff für konkrete Utopien. Er fand sie allerdings nicht in der linken Revolution, sondern in Visionen einer aus dem Mythengeist der Germanen inspirierten Kunst. Ob Skulptur oder Holzstuhl - heute befremdet der seltsam rückwärts gewandte Look von Hoetgers Germanenkult. Hier weiterlesen: Worpswede weiblich - Sommerausstellung mit drei Künstlerinnen.

Kontrast der ideologischen Konzepte

Vogeler und Hoetger bezeichnen den scharfen Kontrast der weltanschaulichen Konzepte, mit denen Worpsweder Künstler versuchten, den eigenen Weg in die Moderne fortzusetzen. Neben diesen beiden überragenden Figuren malten Künstler wie der prominente Bram van Velde und weniger bekannte wie der von den Nazis verfemte Alfred Kollmar oder Otto Tetjus Tügel in den zwanziger Jahren expressive Bilder von Landschaften und Menschen. In der Kunsthalle zeigt Susanna Böhme-Netzel eine kleine Werkschau mit Bildern des 1983 in Worpswede verstorbenen Willy Dammasch. Seine farbstarken und temperamentvoll gespachtelten Bilder repräsentieren einen Expressionismus mit dem Ausgriff in die Abstraktion - allerdings auch mit allen Zeichen einer im Vergleich etwa zur „Brücke“ deutlichen künstlerischen Verspätung. Hier weiterlesen: Originale Fundamente am Barkenhoff freigelegt.

Kein Trendsetter mehr

Worpswede durchlebte wilde Zwanziger. Der Künstlerort war auch zu dieser Zeit noch Schauplatz kreativer Bewegung. Ein Trendsetter war Worpswede hingegen nicht mehr. Die Ausstellung deckt nun nicht nur diese Defizite auf, sie macht auch die gegenläufigen Strömungen der Moderne selbst zwischen Avantgarde und Konservatismus plastisch sichtbar. Die Worpsweder Häuser breiten reiches Material aus. Eine einheitlichere kuratorische Handschrift hätte dieser Überblicksschau gerade im Hinblick auf ihr anspruchsvoll komplexes Thema hingegen gutgetan. Die profilierte, konsequent aus den Qualitäten der Exponate selbst heraus entwickelte Präsentation auf dem Barkenhoff scheint im Vergleich der Häuser am besten gelungen zu sein. Hier weiterlesen: 125 Jahre Worpswede - Ausstellung kratzt am Mythos der Künstlerkolonie.


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