zuletzt aktualisiert vor

Kunsthalle zeigt Lüpertz: Feinsinniger Kunst-Koloss für Osnabrück



Osnabrück. Er hat rote Lippen, einen hübschen Hintern und steht im lockeren Kontrapost – der „Paris“ von Markus Lüpertz. Die rund drei Meter hohe Bronzeplastik ist das Prunkstück der konzentrierten Osnabrücker Ausstellung mit Werken des Kunststars.

Osnabrück hat damit auf Zeit seinen Kunstkoloss – und mit ihm ein Beispiel für jene Großplastiken, mit denen Markus Lüpertz seit Jahren heftige Kontroversen auslöst. Die „Aphrodite“ für Augsburg (2001) und die „Mozart“-Figur für Salzburg (2005) sorgten für erregte Debatten. Der „Paris“, der nun von der Vierung der ehemaligen Dominikanerkirche aus das ganze Kirchenschiff triumphal dominiert, betritt zum ersten Mal die große Bühne der Kunst. Die Figur wurde erst Anfang der Woche gegossen und von Lüpertz unmittelbar bemalt. Mit 600 Kilogramm Gewicht strahlt dieser „Paris“ mächtige Präsenz aus – und wirkt doch zugleich auf eigentümliche Weise leicht. Ob das an dem aus Stolz und Ironie eigentümlich gemischten Ausdruck dieser Figur liegt?

Sucher und Forscher

Die Ausstellung eröffnet nun die Chance, sich einem wichtigen Aspekt des Werkes von Markus Lüpertz jenseits eingefahrener Muster reflexhafter Empörung zu nähern. Denn rund um den turmhohen „Paris“ hat der Galerist und Kurator Dirk Geuer kleinere Modelle von Plastiken sowie motivgleiche Zeichnungen und Grafiken so gruppiert, dass die Genese der großen Figuren, gleichsam von der ersten Ideenskizze ausgehend, sichtbar wird. Damit differenziert sich der Blick auf Lüpertz – weg vom Kunstberserker hin zu einem vielleicht sogar skrupulösen Sucher und Forscher, der das Thema der menschlichen Figur in ganzen Reihen von Darstellungen immer neu reflektiert.

Dabei verweigert sich Lüpertz dem Mainstream der Gegenwartskunst beharrlich. Als stolzer Unzeitgemäßer besteht er nicht nur auf der ungebrochenen Geltung der gegenständlichen Plastik, sondern bewegt sich auch in dem traditionellen Themenkosmos mythologischer Gestalten. Ob Aphrodite, Hermes oder der Flussgott Clitunno – mit Lüpertz durchreisen wir den Götterhimmel. Und das nicht ohne Grund. Der Künstler betrat schließlich Anfang der Sechzigerjahre die Kunstwelt mit Bildern, die er „dithyrambisch“ nannte – in der Nachfolge des rauschhaften Dionysos. Darin steckt eine stolze, ja geradezu hochfahrende Geste, die dem Selbsterfinder Markus Lüpertz zutiefst entspricht.

Paris hat die Wahl

Sein „Paris“ folgt wieder dieser Philosophie – erst recht, weil Paris schließlich, wie jeder freie Geist, die Wahl hat. Er fällt im Schönheitsvergleich zwischen Hera, Aphrodite und Athene das „Parisurteil“ und überreicht Aphrodite den Preis in Gestalt eines Apfels. Der Osnabrücker „Paris“ schaut nicht ohne Grund so frei und hintersinnig in das weite Kirchengewölbe. Es spricht für die Ausstellungsregie, gleich hinter der Plastik mit dem einsamen Sinnsucher Parsifal ein anderes Zentralthema von Markus Lüpertz zu platzieren. Der freie Geist darf hier auch ein Skeptiker, gar Melancholiker sein. Mit solchen Brechungen gewinnt die künstlerische Position des gern als Egomane verschrienen Lüpertz die gebührende Tiefenschärfe.

Dafür sorgen besonders auch die Folgen grafischer Blätter, auf denen der Künstler der mächtigen Präsenz des menschlichen Körpers nachspürt. Barocke Fülle und muskulöse Kraft halten sich in diesen Körpern die Waage. Gerade die Kaltnadelradierungen – hier arbeitet der Künstler mit hohem Kraftaufwand direkt in das Metall der Druckplatte – erweisen Lüpertz als Figurenschöpfer von zupackender Energie und planender Präzision. Die Osnabrücker Ausstellung wird wohl nichts daran ändern, dass man sich über die Kunst von Markus Lüpertz weiterhin trefflich streiten kann. Nur geschieht das nun auf deutlich verbesserter Materialgrundlage.

Osnabrück, Kunsthalle Dominikanerkirche: Markus Lüpertz. Sagenhaft. Malerentgegnungen in Zeichnungen, Skulpturen und Grafiken. 2. Oktober bis 8. Januar 2012. Vernissage: 6. Oktober, 19.30 Uhr. Di., 13–18 Uhr, Mi., Fr., 11–18 Uhr, Do., 11–20 Uhr, Sa., So., 10–18 Uhr. Ein Interview mit Markus Lüpertz lesen Sie morgen in unserem Journal „Wochenende!“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN