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22.05.2016, 15:27 Uhr KOLUMNE

Wo bleibt die Aura der Kunst im digitalen Zeitalter?

Von Dr. Stefan Lüddemann

Symbol für das weltweite Netz der Kunst: Tomás Saracenos Installation „in orbit“ in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K 21 in Düsseldorf. ©Studio Tomas Saraceno, cc2013Symbol für das weltweite Netz der Kunst: Tomás Saracenos Installation „in orbit“ in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K 21 in Düsseldorf. ©Studio Tomas Saraceno, cc2013

Düsseldorf. Museen starten digitale Strategien. Damit verändern sie nicht nur ihr Marketing. Sie erzählen auch die Geschichte ihrer Sammlungen neu. Der Kanon der Kunst kommt auf den Prüfstand.

Stirbt der Kanon der Kunst demnächst einen schmachvollen Tod in den Weiten des Internets? Das gemalte Meisterwerk im Museum und das digitale Bild im fluiden Datenraum - gegensätzlicher können Bilder kaum situiert werden. Museen behaupten mit ihrer Auswahl herausragender Kunstwerke die Hierarchie der Bilder von van Gogh bis Picasso und erzählen vor allem mit der Stilgeschichte der Moderne zugleich eine Geschichte kulturellen Herkommens. Das Internet fächert hingegen beliebige Bilder in Echtzeit nebeneinander auf. Das dementiert jede Hierarchie und damit auch jeden kulturellen Kanon. Hier weiterlesen: Die Kunstsammlung NRW und ihre Digitalstrategie.

Mehr als ein neues Marketing

Gerade die großen Museen treiben gerade offensiv digitale Strategien voran. Sie setzen damit mehr als ein Marketing mit anderen, weil avancierten Mitteln in Gang. Kuratoren schließen vor allem zwei gegensätzlich gepolte kulturelle Räume miteinander kurz. Das klingt nach einer riskanten Strategie. Die Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen beschreibt ihre digitale Strategie als „viertes Haus“ des Museums. Aber lässt das Internet lässt sich eigentlich nicht mit der Metapher des Hauses und damit als bestimmbarer Ort fassen. Hier weiterlesen: Digitale Strategie - Kulturhäuser in der Offensive.

Verlust der Aura

Was wird aus dem Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit? Der Philosoph Walter Benjamin hatte dafür 1936 eine Antwort parat, die selbst längst Referenzcharakter besitzt: Mit der materialen Einmaligkeit verliert das museale Einzelwerk seine Aura. Und damit jene Substanz, die seinen solitären Stellenwert rechtfertigt. In der digitalen Ära der Mediengeschichte geht es nicht allein um Reproduzierbarkeit. Es geht nicht um eine zweite oder dritte Mona Lisa, sondern um unermesslich wertvolle Bilder, die im Netz allgegenwärtig sind und so ihren stabilen Ort verlieren. Hier weiterlesen: Zum Beispiel Städel - so funktioniert Kultur digital richtig gut.

Kriterien neu begründen

Paradoxe Konstellationen bewirken allerdings gerade in der Kultur oft genug statt eines Bedeutungsverfalls wechselseitige Energieaufladungen. Damit ist nicht nur die simple Tatsache gemeint, dass Kuratoren die Auswahlkriterien ihrer Sammlungen neu begründen müssen, um in der digitalen Welt bestehen zu können. Wer eine Museumssammlung im Netz darstellen will, muss auch zu Erzählformen finden, die über den linearen Text klassischer Werkbeschreibungen hinausgehen. Das öffnet Museen nicht nur für neue Nutzergruppen, das eröffnet auch frische Blicke auf die Kunstwerke selbst. Hier weiterlesen: Digital kommunizieren - Museen und ihre Blogs.

Netzwerk der Beobachtungen

Optische Tiefenlotungen und verzweigte Texterläuterungen, die mit Darstellungen im digitalen Medium möglich werden, stellen jedes Museumswerk in ein Netzwerk zuvor selten wahrgenommener Bezüge. Damit löst sich das Einzelwerk nicht auf, es wird aber neu sichtbar, weil es seine Selbstverständlichkeit verliert. An die Stelle der Masterpläne und Meistererzählungen, die gerade das Verständnis der Avantgarden und der klassischen Moderne geprägt haben, können nun vielstimmige Erzählmuster treten. Sie werden das Bild der Moderne und damit auch das kulturelle Verständnis der Gegenwart folgenreich verändern. Hier weiterlesen: Mit iPhone und Selfie Stick zur Mona Lisa?

Bilderkanon neu erzählen

Für Museen ergibt sich die Chance, ihren Bilderkanon grundlegend anders als mit den sattsam bekannten Verweisen auf Künstlergenies, die Befreiung der Farbe oder den Weg in die Abstraktion zu erzählen. Das künstlerische Bild kommt unerwartet neu in den Fokus - als Motor medialer Entwicklung, Kreuzungspunkt der Kulturen, Stoff für Identitätsbildungen. Sortieren wir den Kanon der Kunst womöglich schon in wenigen Jahren so, dass er als Vorgeschichte und Ermöglichung des digitalen Zeitalters begreifbar wird? Und erscheinen Museen dann nicht mehr nur als hermetisch geschlossene Schatzhäuser, sondern vor allem als Transferzonen? Mit digitalen Strategien beschreiten Museumsleute neue Wege zu ihren Zielgruppen. Sie eröffnen auch, mehr als sie bisher vielleicht ahnen, eine neue Etappe in der Geschichte ihrer Häuser. Wie hoffnungsvoll.