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John Dos Passos‘ Meisterwerk Neu übersetzt dank SWR-Hörspiel: Manhattan Transfer

Von Elke Schröder


Osnabrück. John Dos Passos‘ „Manhattan Transfer“ (1925) war aufgrund seiner modernen Montagetechnik wegweisend für den Großstadtroman des 20. Jahrhunderts. Am Samstag, 21. Mai, erscheint eine Neuübersetzung - dank eines opulenten SWR2-Hörspiels mit Starbesetzung, das ab 22. Mai gesendet wird.

„Man-hattan Trans-fer, Man-hattan Trans-fer“ haucht Maren Eggert als Ellen Thatcher in Gedanken beim Blick aus dem Fenster des Salonwagens im Takt des ratternden Zuges nach New York dahin.

Es ist 1914. Die junge, aufstrebende Frau, der wir seit ihrer Geburt immer wieder in Momentaufnahmen begegnet sind, hat gerade den exzentrischen Schauspieler John Oglethorpe geheiratet. Damit erbrachte sie ihr erstes Opfer für ihre Karriere, für ein selbstbestimmtes Leben in der Bohème der pulsierenden Weltstadt. Weitere Ehen, Affären, eine Abtreibung werden folgen. Der Preis, den sie dafür zahlt, ist in dieser kurzen Szene schon spürbar: eine innere Leere, die sich hinter der aufgesetzten Fröhlichkeit ausweitet.

Dauerlauf im Hamsterrad

Ellen, die schillernde Broadway-Schauspielerin und spätere Redakteurin einer Frauenzeitschrift, ist eine von über hundert Charakteren in John Dos Passos‘ multiperspektivischem Großstadtpanorama „Manhattan Transfer“, das die Zeitspanne zwischen 1896 und 1924 umfasst. Die fünfstündige, spannungsgeladene SWR2-Hörspielbearbeitung von Leonhard Koppelmann und Hermann Kretzschmar transportiert den Weltstadtsound jener Jahre. Fast fünfzig Sprecher sind beteiligt, darunter die Schauspieler Ulrich Noe then, Axel Prahl, Ulrich Mat thes und Sophie Rois – allein logistisch ist die Produktion eine Meisterleistung. Ab Sonntag wird sie in drei Teilen erstmals zunächst auf SWR2 gesendet, im Deutschlandfunk im Juni.

Auf- und Absteiger

Ellen gehört zu den wenigen Solisten in diesem vielstimmigen Metropolenchor, die neben dem Journalisten Jimmy Herf herausragt. Schlaglichtartig begleitet Dos Passos gesellschaftliche Aufsteiger wie Ellen oder Absteiger wie Millionärssohn Stan Emery, dem seine Alkoholsucht zum Verhängnis wird. Glanz und Elend, Hoffnung und Desillusionierung, Geschäft und Verbrechen sind immer nur einen Wimpernschlag entfernt. Die alles verheißende kapitalistische Metropole entpuppt sich bei John Dos Passos für die Bewohner als gnadenloser Dauerlauf im Hamsterrad.

„Meister der Montage“

John Dos Passos sei der „Meister der Montage“, schwärmt der Schriftsteller Clemens Meyer in seinem Nachwort zur Neuübersetzung von Dirk van Gunste ren. Diese moderne literarische Darstellungstechnik sollte Großstadtromane des 20. Jahrhunderts auch hierzulande maßgeblich beeinflussen – von Alexander Döblins „Berlin Alexanderplatz“ (1929) bis zu Meyers Leipzig-Roman „Im Stein“ (2013).

Lohnende Wiederentdeckung

Dass 89 Jahre nach der ersten Übersetzung von Paul Baudisch nun eine neue erscheint, ist dem SWR2-Hörspiel zu verdanken: Nach dem 22-stündigen Großprojekt 2012 mit „Ulysses“ von James Joyce sei ihm die Idee gekommen, einen weiteren Meilenstein des modernen Romans als Hörspiel zu realisieren, erzählt SWR2-Chefdramaturg Manfred Hess im Gespräch mit unserer Redaktion. Für ihn sei „Manhattan Transfer“ eine logische Fortführung des Anliegens, „bekannte, aber nicht unbedingt viel gelesene Meisterwerke der Literatur in einer akustischen Umsetzung wieder ins Gespräch zu bringen“. Mit den zeitlosen Themen, die der Roman auch berührt, wie Migration, Politik, Frauenrechte, Reichtum, Armut und das Individuum in der Masse der Großstadt, bietet er sich geradezu an, wiederentdeckt zu werden.

Eine kurze Ernüchterung

Nach der Idee folgte eine Ernüchterung beim Blick in die deutsche Buchvorlage: „Ich dachte: Nein das geht nicht, die Übersetzung ist schlecht, zu altbacken und auch fehlerhaft.“ Hess kontaktierte den Rowohlt-Verlag, hörte sich bei Übersetzern um, kümmerte sich um die Rechte bei den Erben von John Dos Passos (1886–1970). „Die Übersetzung kostet viel Geld, ohne den Rowohlt-Verlag wäre das nicht umsetzbar gewesen“, erzählt er. Dann wurde noch ein Hörbuchverlag gesucht, mit Hörbuch Hamburg gefunden, und mit dem Deutschlandfunk ein Koproduzent gewonnen. Buch, Radio und Hörspiel-CD-Edition – diese drei medialen „Ausspielwege“ seien wichtig, um einen so großen Stoff auf dem Markt platzieren zu können.

Unfreiwillig komisch

Wer heute einen Literaturklassiker neu übersetzt, der legt Wert darauf, den Stil des Autors so authentisch wie möglich nachzuempfinden: Einfach einen englischen Dialekt mit einem Berliner Dialekt zu übersetzen – wie in „Manhattan Transfer“ vorgekommen – das wirkt jetzt unfreiwillig komisch. In Dirk van Gunsterens kluger Neuübertragung bleibt es beim einfachen Straßenslang.

„Wie eine Netflix-Serie“

„Dem Übersetzer ist eigentlich etwas Unmögliches gelungen: Er hat einerseits die Originalität des Werkes gewahrt, die 20er-Jahre sind zu spüren, gleichzeitig ist ein sehr heutiger Stil“, meint Manfred Hess begeistert und fügt hinzu: „Endlich wird klar, dass ‚Manhattan Transfer‘ eine Netflix-Serie ist: unterhaltsam, hoch dramatisch und über mehrere Erzählstränge erzählt.“

Zwei Daten korrigiert

Dank Dirk van Gunsteren müssen nun auch zwei Daten korrigiert werden: Der Roman endet nicht 1923, sondern ein Jahr später. Der renommierte Übersetzer hat herausgefunden, dass das im letzten Kapitel erwähnte Lied „Lady be good“ der Titelsong eines Gershwin-Musicals von 1924 ist. Zudem setzt Van Gunsteren den Beginn des Romans zwei Jahre früher als bisher gedacht an: Also 1896 mit der erwähnten Unterzeichnung der Gesetzesvorgabe, die New York durch den Zusammenschluss mit den Bezirken zur zeitgrößten Metropole der Welt machte.

Publikumsfreundlich gekürzt

Unzählige Charaktere und Handlungen, schnelle Szenenwechsel, zeitgenössische Zeitungsberichte und Songs – natürlich habe man die gesamte Komplexität des Romans in der Hörspielbearbeitung von Leonhard Koppelmann und Hermann Kretzschmar nicht abdecken können, räumt Hess ein: „Wir mussten publikumsfreundlich kürzen. Wir sind in der Form konservativer geworden als Dos Passos. Es muss als Hörspiel funktionieren, ohne dass man den Roman kennt.“

Konzentration auf ein paar Charaktere

Die dreiteilige zeitliche Struktur des Romans, die „Kontrastmontage“ zwischen bürgerlicher Mittelschicht und Arbeiterschicht blieben jedoch erhalten. „Wir konzentrieren uns auf fünf, sechs Charaktere, die durchgehend auftreten“, sagt Hess, sonst wäre es ein 20-Stunden-Werk geworden. „Große Handlungsbögen wie der vom Sozialisten oder vom Banker, der erst erfolgreich war und dann in der Gosse landet, haben wir rausgeworfen. Das kann man beklagen, aber dafür ist das Buch da.“

John Dos Passos: „Manhattan Transfer“. Roman. Neu übersetzt von Dirk van Gunsteren. 544 Seiten, Rowohlt-Verlag, 24,95 Euro.


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