Opern, Theater, Museen Digitale Strategie: Kulturhäuser in der Offensive

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Osnabrück. Digitale Medien verändern auch die Kulturszene. Viele Kulturmacher nutzen neue Medien, um mit dem Publikum besser zu kommunizieren. Eine Digitalstrategie haben aber nicht alle.

Neun Festplatten, 648 Disketten, 100 CD-Roms - und das alles im Deutschen Literaturarchiv in Marbach? Die Datenmenge von 1,1 Terabyte stellt den Nachlass des 2011 verstorbenen Medienwissenschaftlers Friedrich Kittler dar. Das nach dem Klassiker Friedrich Schiller benannte Marbacher Archiv, das kürzlich auch den Nachlass des 2014 verstorbenen Schriftstellers Siegfried Lenz aufnahm, beherbergt immer mehr Texte, die nicht auf Papier, sondern auf digitalen Datenträgern gespeichert sind. Ein unübersehbares Zeichen des digitalen Wandels, der auch die klassisch analoge Kulturszene erfasst? Ja, sagen Kulturexperten. „Digitale Medien prägen den Alltag. Kultureinrichtungen können sich da nicht ausnehmen“, sagt Thomas Renz, der am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim vor allem Besucherforschung betreibt. Hier weiterlesen: Wie Kunstmuseen mit Blogs online kommunizieren .

„Vielseitig einsetzbar“

Was macht digitale Medien für die Kulturszene reizvoll? „Sie sind so vielseitig einsetzbar“, sagt Andrea Hausmann, Professorin für Kulturmanagement an der Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Videos, Bilder, über QR-Codes eingespeiste Erläuterungen - die Möglichkeiten seien unbegrenzt, Inhalte von Kultur noch besser als bisher zu vermitteln, meint Hausmann. Sie verweist auf Formen digitaler Vermittlung, die auch in klassischen Kulturhäusern längst zum alltäglichen Repertoire gehören, darunter der Trailer zu Opernaufführung oder Theatervorstellung, virtuelle Rundgänge in Museen, digitale Kataloge. Nach Einschätzung Hausmanns sind Kultureinrichtungen im Zugzwang, wenn es um digitale Medien geht: „Die Gefahr, von der rasanten Entwicklung abgehängt zu werden, ist riesengroß“. Hier weiterlesen: Wie die Kunsthalle Bremen auf den digitalen Wandel reagiert .

Trend früh erkannt

Dabei gibt es durchaus Kulturinstitutionen, die den Trend früh aufgenommen haben und nun nicht einfach nur reagieren, sondern neue Formen der Kulturnutzung und -vermittlung vorantreiben. Die Berliner Philharmoniker sind längst in einer digitalen Concert Hall zu erleben, Museen wie das Lenbachhaus in München oder die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf betreiben journalistisch anspruchsvolle Blogs, das Hamburger Thalia-Theater ließ das Publikum den Spielplan mitgestalten - online natürlich. Und das Marbacher Literaturarchiv ist nur eine der Institutionen, die digitale Bestände betreuen und sich dabei mit Fragen der Haltbarkeit der Daten, alten Datenträgern und anderen Fragen mehr auseinandersetzen müssen. Hausmann und Renz loben vor allem Max Hollein als Vorreiter der digitalen Welle in der Kultur. Das von Hollein geleitete Frankfurter Städel Museum habe schon vor Jahren extra einen Online-Manager eingestellt. Hier weiterlesen: Musikerin Anna Guder und ihr Video-Hype im Netz .

Klare Strategie fehlt

Aber gute Beispiele machen noch keinen digitalen Aufbruch. „Es fehlt oft an einer klaren Online-Strategie“, kritisieren Hausmann und Renz die Kulturszene. „Meist ist es der Praktikant, der die digitalen Kanäle bespielt. Ich kenne auch das Beispiel einer Kreisbibliothek, bei der der Landrat alles abzeichnen muss, was rausgeht“, beschreibt Thomas Renz eine durch Schwerfälligkeit und Personalmangel gekennzeichnete Lage bei vielen Kultureinrichtungen. Nach Einschätzung des Experten wird auch die Rolle der sozialen Netzwerke vollkommen überschätzt. Facebook und Twitter würden als Instrumente der Besuchergewinnung verstanden. Das funktioniere so aber nicht. Digitale Medien müssten als eigene Kommunikationsmedien gesehen und auch so bespielt werden. Das haben allerdings noch nicht alle Kulturmacher verstanden. Hier weiterlesen: No future? Ein Essay zum Thema des European Media Art Festival 2016 .

Selfie im Literaturarchiv

Wie sehr digitale Medien die Kultur verändern, sehen längst auch die Archivare in Marbach. Für Archivleiter Ulrich von Bülow gehören auch Smartphones zu literarischen Nachlässen. Sogar ein Selfie gibt es schon in Marbach: Peter Handke fotografierte sich mal in einem Autospiegel. (mit dpa)


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