Videos in Kunsthalle Osnabrück EMAF-Ausstellung: Wie gefährlich ist digitale Zukunft?

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Osnabrück. „The Future of Visions“ lautet das Thema der Ausstellung des Osnabrücker European Media Art Festival. Die Regie der Schau besticht mit schwebenden Videos im Kirchenschiff der Kunsthalle.

„I Will Allways Love You“, jubelte Whitney Houston 1992 ins Mikro. Was damals den Puls des Pop beschleunigte, hallt heute in der Ausstellung des Osnabrücker European Media Art Festival (EMAF) scheppernd aus dem singenden Roboter von Martin Backes. Glauben wir dem Apparat den Liebesschwur? Kann der Algorithmus, der dem Apparat die Lovesongs vorgibt, auch Gefühle entwickeln? Die Frage nimmt die Antwort bereits vorweg. Die Skepsis betrifft in den Augen junger Medienkünstler aber auch noch mehr. Sie misstrauen jedem Versprechen von Zukunft und Dauer, jedem „Allways“. Hier weiterlesen: Keine Lust mehr auf das Morgen? Ein Essay zum Thema Zukunft .

Eine Ausstellung hebt ab

23 Ausstellungsprojekte, 23 Absagen an die Zukunft. Die sehen in der Gegenwart der Präsentation allerdings richtig gut aus. Die Kuratoren Hermann Nöring und Franz Reimer heben in der Kunsthalle ab - bildlich gesprochen. Denn die Leinwände, auf die nun Videos projiziert werden, schweben wie fliegende Teppiche unter den Gewölben der gotischen Dominikanerkirche. Keine der bisherigen EMAF-Ausstellungen kam leichter und luftiger daher. Nun können Besucher auf der umlaufenden Bank von Installationskünstler Michael Beutler Platz nehmen und den Blick himmelwärts schweifen lassen. Hier weiterlesen: Was bringt das EMAF 2016? Das ist das Programm .

Ein klarer Verzicht

Das reine Vergnügen ist mit kleinem Verzicht erkauft. Nur noch drei Arbeiten sind als Installationen anzusprechen, Interaktion, ansonsten ein Muss der Medienkunst, fällt bei der diesjährigen Ausstellung des Osnabrücker Festivals völlig flach. Dafür bieten die Künstlerinnen und Künstler überwiegend klar konturierte Beiträge, die sich über das Thema der Zukunftsskepsis auch zu einem Porträt der Generation Y fügen. Die hat bekanntlich ihre Probleme mit dem Blick nach vorn. Hier weiterlesen: Was ist neu im EMAF-Programm? Der Überblick .

Ein Leben im Zwischenraum

Britta Thie zeigt, woran das liegt. In ihrer Web-Serie „Transatlantics“ setzt sie das Leben einer auch als Model aktiven Künstlern zwischen Mindener Elternhaus und New Yorker In-Szene ins Bild. Die Videos laufen parallel über mehrere Bildschirme. Sinnfälliger lässt sich kaum zeigen, wie der Lebensentwurf einer Generation in tausend Aktivitäten und Schauplätze zersplittert. Ein stimmiges Leben, eine klare Identität, eine Zukunft? Das erlaubt der ewige Projektstau der Gegenwart wohl kaum. Hier weiterlesen: EMAF 2016 - der Kommentar.

Desaster der Science Fiction

Künstlerinnen und Künstler räumen sie deshalb einfach ab, die Aussichten auf ein besseres Morgen. Wolfgang Oelze spult in seiner „Beat Box“ alle Desaster aus der Geschichte des Science Fiction-Films ab, lässt uns dabei zusehen, wie Arnold Schwarzenegger oder Charlton Heston in Zukunftsfilmen an der Technik scheitern. In „Sirènes“, einem Video von Emmanuel Trousse, marschieren Menschen einfach ins Meer. Führt der Gänsemarsch in den Untergang oder in eine marine Utopie? Der Ausgang bleibt offen. Hier weiterlesen: Was bringt das EMAF-Filmprogramm? Ein Überblick.

Schöne Bilder

Die Ausstellung zeigt schöne Bilder in Menge, aber keine wirkliche Vision. Den überwölbenden Entwurf künftiger Lebensformen traut sich wohl kaum ein Künstler zu. Larissa Sansour und Soren Lind weisen noch am ehesten in diese Richtung. Ihr Video „In the Future They Ate from the Finest Porcelain“ erzählt von Menschen, die heute feines Porzellan als archäologische Fundstücke von morgen vergraben. So sollen künftige Lesarten der Geschichte schon heute in die gewünschte Richtung manipuliert werden. Eine schräge Idee? Ja, und ein Zeichen des Misstrauens in künftige Generationen obendrein. Hier weiterlesen: Das EMAF 2015 in der Bilanz .

Flucht in den eigenen Körper

Nur der eigene Körper scheint da noch ein sicheres Terrain zu bieten. Jennifer Lyn Morone überträgt ihre sämtlichen digitalen Körperdaten einem selbst gegründeten Unternehmen und versucht, sich gerade über solche Selbstentäußerung künftige Souveränität über ihr eigenes Leben zu sichern. Die Chinesin Lu Yang lagert ihren eigenen Körper in eine künstliche 3-D-Figur aus, deren Körperschnitte Fragen nach dem menschlichen Bewusstsein provozieren sollen. Lu Yang geht mit ihrem „Uterus Man“ noch einen Schritt weiter. Dieser Super-Held der Zukunft, ein hybrides Mischwesen aus Mann und Frau reitet auf „Eizellen-Lichtwellen“ durch Zeit und Raum. Nach dieser Vision scheint nur dem autark abgekapselten Kunstwesen die Zukunft zu gehören. Hier weiterlesen: Das EMAF-Thema 2015: Wie funktioniert Ironie?

Die Seifenblase im Nichts

Verena Friedrich erteilt mit ihrer Arbeit „The Long Now“ solchem Zukunftsrausch eine leise, aber nachhaltige Absage. In der Kunststoffbox lässt sie eine Seifenblase auf dem Gasbett schweben. Sanft segelt die schillernde Kugel im Nichts, Symbol einer Gegenwart, die sich selbst genügt und alle Erwartung sacht entschwinden lässt. In der Bilderblase darf der Besucher schweben. Die EMAF-Schau zeigt schöne Videos voll düsterer Aussichten auf ein verstelltes Morgen.

Osnabrück, Kunsthalle, BBK-Kunstquartier: The Future of Visions. Eröffnung: Mittwoch, 20. April, 19.30 Uhr. Bis 22. Mai. 21., 22., 24. April, 10-22 Uhr, 23. April, 10-24 Uhr, Danach: Di., 13-18 Uhr, Mi.-Fr., 11-18 Uhr, Sa., So., 10-18 Uhr. www.emaf.de


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