Ein Essay über das Entrümpeln Behalten? Wegwerfen? Wer aufräumt, trifft Lebensentscheidungen

Die Übersicht verloren? Im Chaos der aufbewahrten Dinge geht manchmal der Durchblick verloren. Das hilft nur eines: Aufräumen! Foto: imago/blickwinkelDie Übersicht verloren? Im Chaos der aufbewahrten Dinge geht manchmal der Durchblick verloren. Das hilft nur eines: Aufräumen! Foto: imago/blickwinkel

Osnabrück. Wer entrümpelt, bringt Ordnung in sein Leben. Allerdings hängt an alten Dingen auch ein ganzes Leben. Was tun? Ein Essay zwischen Ordnung und Chaos.

Mit „einem Koffer in jeder Hand“ war Reinhard Mey noch in den Siebzigern unterwegs. Stefanie Kloß und die Pop-Gruppe „Silbermond“ schwören dagegen auf die „Reise mit leichtem Gepäck“. Zwei Songs, zwei Philosophien. Behalten und horten oder wegwerfen und sich trennen? Wer auf diese Frage antwortet, bestimmt nicht nur, wie es bei ihm daheim in Schubladen und Schränken aussieht. Die Alternative zielt auch auf eine grundsätzliche Lebensentscheidung. Was behalte ich bei mir, was lasse ich los? Dabei geht es um alte Bücher, kaum noch getragene Pullover, nie ausgepackte Geschenke. Oder um Erinnerungen, alte Verletzungen, schlechte Gewohnheiten. Hier weiterlesen: Unschuld oder Schrecken? Die Farbe Weiß im Widerspruch.

Pommes aus der Schale

Aber halt. Wenn es schon um das Aufräumen geht, müsste dann nicht erst einmal dieser Essay sortiert werden, in dem bislang Argumente und Aspekte wie alte Postkarten und Fotos in einem Karton munter durcheinander liegen? Wenn man jetzt nur rufen könnte: Wehrli, übernehmen Sie! Urs Wehrli hat die Pommes aus der Pappschale geholt und sauber neben der Schale aufgereiht. Er hat Bilder Vincent van Goghs entrümpelt oder die auf einem Parkplatz abgestellten Autos nach Farben sortiert aufgereiht. Kabarettist Wehrli räumt auf und zwinkert dazu mit dem Auge. Seine Bücher verkaufen sich glänzend – und liegen dann nach raschem Durchblättern zu Hause herum. Auch ein Fall für Entrümpler? Hier weiterlesen: Slow Travel - der neue Weg zum besseren Reisen .

Ordnung in der Welt

Die Frage stellt sich jedenfalls nicht nur mit dem Frühjahrsputz. Wer sein Heim entrümpelt, bringt Ordnung in seine Welt. Die große Aufräumaktion avanciert zum befreienden Rundumschlag, weil sie zu Entscheidungen zwingt. Ist das wichtig oder kann das weg? Profis unter den Aufräumratgebern plädieren für die harte Sofortentscheidung. Bloß nicht warten, bloß nicht unter der Last der Emotion weich werden – so lautet ihre zentrale Botschaft. Wer sich den Gefühlen überlässt, die mit Kleidungsstücken oder Erinnerungsfotos verbunden sind, der hat den Kampf schon verloren. Besser ist der schnelle Entschluss. Habe ich eine Sache ein Jahr lang nicht mehr angesehen oder benutzt? Wer diese Frage mit ja beantwortet, hat das Trennungsurteil schon gesprochen. Hier weiterlesen: Weltliteratur aus Zimmer 414 - Marcel Proust im Badeort Cabourg.

Den Kopf wieder frei haben

Gesunde Härte für ein besseres Lebensgefühl. Wer sich von Dingen zu trennen versteht, der bekommt den Kopf wieder frei. Ein leichteres Leben mit weniger Dingen – so heißt die Glücksformel, die hinter dem Entrümpelungsfimmel steckt. Wer entsorgt, der schafft nicht nur einfach Platz im Haushalt, sondern macht sich auch frei von Altlasten aller Art und überdenkt ganz nebenbei das eigene Konsumverhalten. Muss ich so viele Dinge kaufen, die dann doch nie benutzt werden und einfach nur herumliegen? Nein. Muss ich mit so vielen verblichenen Erinnerungen, ungelösten Konflikten, gar Neurosen oder Komplexen weiterleben? Nochmals nein. Es lebe das Aufräumen als Selbstbefreiung. Hier weiterlesen: Slow Food - der Weg zu mehr Genuss.

An alten Dingen hängen Erinnerungen

Das klingt fast zu gut, um nun noch eine ganz andere Sicht der Dinge entwickeln zu dürfen. Probieren wir es trotzdem. An vielen alten Sachen hängen Erinnerungen. Die Jacke, die ich damals bei meinem ersten Besuch in Rom trug. Das Foto, das einen Menschen zeigt, der nicht mehr lebt. Die Fahrkarte, die an eine unvergessliche Fahrt mit der Metro erinnert. Oder die Muschel von der Lieblingsinsel. Alle diese Dinge liegen herum. Sind sie damit automatisch die Todeskandidaten auf der Liste der großen Säuberung? Und darf es keinen Platz in der Wohnung geben, an dem sich sammelt, was der Zufall in das eigene Leben spült? Wer der Unordnung ein Plätzchen freihält, signalisiert entspannte Haltung, erst recht sich selbst gegenüber. Hier weiterlesen: Eduard von der Heydt - der Sammlertycoon auf dem Monte Verità.

Schöne Ordnung ist dahin

Auch diese Aspekte haben etwas für sich. Sicher, mit diesen Gesichtspunkten ist die schöne Ordnung des vorliegenden Textes wieder dahin. Erst das klare Plädoyer für die hohe Kunst der Entrümpelung als Trennungsakt, nun das windelweiche Schwadronieren über die entspannte Haltung auch zu jenen Dingen, die auf den ersten Blick überschüssig zu sein scheinen: Wie gut nur, dass ein Essay keine aufgeräumte Schublade sein muss. Im Gegenteil. Gerade hier dürfen die Gedanken munter mäandrieren. Wäre es nicht auch ein Ausweis von Souveränität, manch rigide Ratschläge der Aufräum-Ideologen in den Wind zu schlagen und einfach zu behalten, was man hat? Ich mache beides. Ich räume jetzt den Schrank auf. Versprochen. Aber die alte Platte von Reinhard Mey, die behalte ich auf jeden Fall.


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