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Premiere mit langem Jubel gefeiert „Lohengrin“: Das Theater Osnabrück kann Wagner


Osnabrück. Das Theater Osnabrück hat sich auf das Wagnis des „Lohengrin“ eingelassen – und den erfolgreichen Beweis geführt, dass auch ein kleines Haus sich an große Oper herantrauen darf.

Die Grals-Erzählung, diesen magischen Hit aus Richard Wagners „Lohengrin“, singt der Titelheld aus der zweiten Reihe. Ins Zentrum holt Regisseurin Yona Kim stattdessen zwei Frauen: Elsa und hinter ihr Ortrud, die Antagonistin. Während Lohengrin von Monsalvat, Gral und Vater Parzival erzählt, liegen sie in exakt gleicher Pose auf den rechten Arm gestützt, vollführen exakt die gleichen Armbewegungen. Zwei Personen, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten, sind hier vereint im Fühlen. Und im Scheitern.

Große Wagner-Oper am kleinen Stadttheater, kann das gut gehen? Schon der zu kleine Orchestergraben zwingt das Osnabrücker Symphonieorchester auf die Hinterbühne. Doch der Abend geht auf, weil das Produktionsteam Einschränkungen in Vorteile ummünzt. Und Yona Kim einen richtigen Zugang gefunden hat. Weiterlesen: Vor zwei Jahren inszenierte Yona Kim „Die Vögel“ von Werner Braunfels

Kollektive Agonie

Das Volk von Brabant trägt ein krankes Grau-Beige, das an die Farbe von Nervenheilanstalten erinnert: die Gesellschaft auf der Kippe zur kollektiven Agonie (Bühne und Kostüme: Margrit Flagner und Hugo Holger Schneider). Unter dem brutalen Druck eines König Heinrich – ein Preußenkaiser mit Paradebusch am Helm – und im Irrglauben an den Helden Lohengrin werden sie sich zu Standarten schwenkenden Opportunisten entwickeln.

Doch den Fokus richtet Kim auf die beiden Frauen und deren Scheitern an einer Männergesellschaft. Ortrud ist die Zauberin, die sich mit Gewalt ihre gesellschaftliche Position zurückerkämpfen will. Intelligent und skrupellos instrumentalisiert sie Friedrich von Telramund – Andrea Baker bringt das mit darstellerischer Wucht und scharfer, etwas kantiger Stimme auf die Bühne. Elsa hingegen ist ein Fall für den Psychiater. Sie bekommt aber keine Hilfe, sondern die Verantwortung für einen gesellschaftlichen Neuentwurf unter der Führung Lohengrins aufgebürdet: zynischer hat Richard Wagner keine seiner Frauenfiguren zur aufopfernden Liebe gezwungen.

Das führt zu einer überraschenden Koalition: Wenn Elsa unter dem massiven Druck zusammenbricht, reicht ihr ausgerechnet Ortrud die helfende Hand, die ihr Brabant und vor allem Lohengrin verweigern. Lina Liu gibt mit dieser Rolle ein beachtliches Wagner-Debüt: Zwar setzt sie Elsa mit viel Schmelz etwas zu sehr der italienischen Opernsonne aus. Aber sie changiert stimmlich wie darstellerisch sensibel zwischen dem traumatisierten Mädchen und der kraftvollen Frau, bietet Bakers Ortrud Paroli, verfällt in selbstzerstörerischen Wahn und kratzt sich den Arm blutig. Mit Lohengrin im Brautgemach schlägt der stimmliche Charme eines jungen Mädchens um in Wahn und Vehemenz, mit der Elsa die verbotene Frage nach Lohengrins Herkunft stellt.

Konzessionen

So gut nun das Kammerspiel funktioniert, so groß sind die Zugeständnisse bei großen Chorszenen: Da treten die Sänger Mangels Raum auch mal unmotiviert zur Seite ab. Andererseits schafft das nach hinten gerückte Orchester akustisch Raum für die Sängerdarsteller, gerade für den Chor. Auf 63 Sängerinnen und Sänger ist der angewachsen, und Chordirektor Markus Lafleur hat gut mit ihnen gearbeitet und für Präzision, Transparenz und imposante Klangpracht gesorgt. Dem entsprechen die Solisten: José Gallisa singt einen markanten König Heinrich, Rhys Jenkins bewältigt die anspruchsvolle Partie des Friedrich von Telramund gut, Dennis Sörös ist ein wuchtiger Heerrufer. Chris Lysack kämpft bei seinem Rollendebüt als Lohengrin. Offenbar geht er die Partie mit einigem Respekt an, hält sich zunächst hörbar zurück. Denn im dritten Akt warten ja ein paar Herausforderungen: Da singt er dann auch ein berührendes Piano und entfaltet seinen hellen Tenor mit angemessener Kraft.

Einen großen Abend gelingt schließlich dem Osnabrücker Symphonieorchester. Zwar konzentriert sich Generalmusikdirektor Andreas Hotz gelegentlich zu sehr auf Schönklang – die düsteren Pläne von Ortrud und Telramund etwa hätten mehr Wucht vertragen. Aber generell kommen Wagners Klangwelten überzeugend zur Geltung, vom ätherischen Jenseits der Streicher über schmeichelnde Holzbläser bis hin zur martialischen, blechbläserdominierten Wucht. Völlig zu Recht bekommt das Orchester dafür Standing Ovations, die Hotz – eine schönen Geste – seinen Musikerinnen und Musikern alleine zukommen lässt.

Und die Gesellschaft von Brabant? Elsas Bruder Gottfried bekommt am Ende Lohengrins Uniformjacke übergestreift – statt der Zwangsjacke, die der traumatisierte Junge den ganzen Abend getragen hat. Dazu schwebt eine blutverschmierte Blechtrommel über der Szene – Gottfried hat allerdings die Traumata von Diktatur und Krieg nicht, wie Oskar Mazerath, mit Boshaftigkeit kompensiert.

Das Theater Osnabrück aber hat gezeigt, was herauskommen kann, wenn es seine Kräfte bündelt – wenn man ihm die Kräfte lässt. Das Premierenpublikum war sich jedenfalls einig: Wagner-Oper in Osnabrück – das muss sein.  Weiterlesen: Zur Vorbereitung: Herbert Hähnel empfiehlt die besten “Lohengrin“-Aufnahmen


Die nächsten Termine: 

25. und 28. 3. Kartentel.: 05 41/76 000

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www.theater-osnabrueck.de

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