„Bilder und ihre Geschichte“ Thema Holocaust: Luc Tuymans Gemälde „Gaskammer“

Das Gemälde „Gaskammer“ 2004 bei einer Ausstellung in der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW. Foto: dpaDas Gemälde „Gaskammer“ 2004 bei einer Ausstellung in der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW. Foto: dpa

Düsseldorf. Wie spiegelt sich Historie in Meisterwerken der Kunst? Die Serie „Bilder und ihre Geschichten“ stellt Beispiele vor. Heute: Luc Tuymans „Gaskammer“.

„Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch.“ Das schrieb der Philosoph Theodor W. Adorno 1949 in seinem Aufsatz „Kulturkritik und Gesellschaft“. Seine These: Das unvorstellbare Menschheitsverbrechen macht Kunst unmöglich. Nun sind nach Auschwitz nicht nur weiter Gedichte geschrieben worden. Künstler haben auch versucht, Auschwitz und den Holocaust zum Thema ihrer Werke zu machen. Der Osnabrücker Maler Felix Nussbaum malte den „Triumph des Todes“ 1943 nur Monate vor dem eigenen Tod in Auschwitz. Peter Eisenman gestaltete das 2005 eröffnete Berliner Holocaust-Mahnmal als Feld aus 2711 Betonstelen unweit des Brandenburger Tores. Hier weiterlesen: Der Künstler Luc Tuymans und seine Bilder.

Raum ohne Fenster

Der belgische Maler Luc Tuymans wagte sich 1986 mit seinem Gemälde „Gaskammer“ gleichsam in das Zentrum des unfassbaren Verbrechens vor. Das gerade einmal 50 mal 70 Zentimeter große Gemälde, das zur Over Holland Collection in Amsterdam gehört, zeigt einen nur in Schemen angedeuteten, fensterlosen Raum. Eine Raumecke, eine Tür ins Nirgendwo, ein Abflussgitter im Boden, kaum zu identifizierende Gebilde an der Decke: Dieser Raum könnte sich in irgendeinem Keller befinden oder Teil eines Lagers sein. Hier weiterlesen: Felix Nussbaums Endzeit-Bild „Triumph des Todes“.

Der Kern des Grauens

„Gaskammer“: Erst der Titel macht aus diesem Bild eine Sensation. Mit dem Wort „Gaskammer“ kippt das Motiv aus der Beiläufigkeit ins Ungeheuerliche. Tuymans behandelt das monströse Motiv malerisch äußerst lapidar. Ein paar Wischer in Beige, Braun, Schwarz – mehr braucht es nicht, um den Kern des Grauens zu treffen. Die Banalität des Raumes steht in bestürzendem Kontrast zum Leid der zwischen diesen blanken Betonwänden bestialisch ermordeten Menschen. Die Banalität des Raumes entspricht zugleich sehr genau der kalten Routine, mit der die NS-Täter ihren millionenfachen Mord betrieben. Hier weiterlesen: Mauerfall in Jörg Immendorffs „Café Deutschland“.

Das getarnte Verbrechen

Die Philosophin Hannah Arendt sprach im Hinblick auf den SS-Obersturmführer Adolf Eichmann, der den Holocaust maßgeblich mitorganisierte, von der Banalität des Bösen. Der in Antwerpen lebende Tuymans, dessen Werke bereits auf der Documenta in Kassel und der Biennale in Venedig gezeigt wurden, erweitert diese Analyse um einen wichtigen Schritt. Mit seinem Bild „Gaskammer“ führt er vor, wie die Nationalsozialisten tarnten. Sie täuschten nicht nur ihre wehrlosen Opfer mit den vermeintlichen Duschräumen, sie führten auch die Weltöffentlichkeit in die Irre, indem sie Orte, die sie für die Vernichtung von Menschen eingerichtet hatten, als Arbeitslager etikettierten. Hier weiterlesen: Zur Zeit des Grundgesetzes - Max Beckmanns „Argonauten“ .

Wo beginnt das Grauen?

Das Grauen beginnt dort, wo der Schrecken die Begreifbarkeit übersteigt. Tuymans visiert diesen Punkt an. Seine malerische Methode bleibt sich dabei gleich. Er taucht seine Szenen in ein milchiges Licht, verleiht ihnen damit eine gespenstische Unwirklichkeit. Tuymans greift für seine Historienbilder auf Fotografien zurück. Für „Gaskammer“ bezog er sich auf Abbildungen eines Raumes in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Mauthausen. Fotografien dienten dem Künstler auch als Ausgangspunkt für Gemälde, auf denen er Adolf Hitler als Rückenfigur bei einer Unterredung oder den NS-Architekten Albert Speer als Skifahrer zeigt. Hier weiterlesen: Pablo Picassos „Guernica“ - das Jahrhundertbild.

Skandale ausgelöst

Luc Tuymans hat mit seinen Bildern nicht nur geschockt und irritiert, er hat auch veritable Skandale ausgelöst. Mit Bildern zu der belgischen Kolonialvergangenheit und der Ermordung des kongolesischen Politikers Patrice Lumumba 1961 zog sich Tuymans den Unmut der königlichen Familie Belgiens zu. Der Künstler zielt nicht auf die Taten selbst, er fokussiert mit seinen Bildern die Orte des Grauens und die vorgebliche Jovialität der Täter. Seine Bilder sind keine Anklagen, sie überzeugen als Konfrontationen mit der Frage, wie das Unfassbare überhaupt zum Bild werden kann.


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