Erste deutsche Verfilmung Film trifft den Ton von Anne Franks Tagebuch


Berlin. Die erste deutsche Verfilmung des „Tagebuchs der Anne Frank“ trifft 70 Jahre nach dessen Erstveröffentlichung sehr genau den Ton der Vorlage.

„Es ist ein Wunder, dass ich nicht alle Erwartungen aufgegeben habe, denn sie scheinen absurd und unausführbar. Trotzdem halte ich an ihnen fest, trotz allem, weil ich noch immer an das Gute im Menschen glaube.“ Es sind solche Sätze von Anne Frank, die ihrem Tagebuch bis heute Nachhall verleihen. Denn in ihnen kommt eine unerschütterliche Hoffnung zum Ausdruck – die sich gegen alle Widrigkeiten und Wahrscheinlichkeiten behauptet. Dieses Festhalten am Glauben an eine bessere Zukunft hat seit der Erstveröffentlichung des Tagesbuchs 1947 Millionen Menschen berührt, ihnen Kraft gegeben und Mut zugesprochen.

Ein Wagnis

70 Jahre nach Erscheinen des Buches kommt nun erstmals eine deutsche Verfilmung in die Kinos (abgesehen von einer ostdeutschen TV-Produktion aus dem Jahr 1958). Jede Umsetzung dieses Stoffes stellt ein Wagnis dar, denn sie erfordert grundsätzliche Entscheidungen. Was soll der Film zeigen, welche Aspekte der vielfach schillernden Tagebuchaufzeichnungen sollen im Vordergrund stehen? Wie viel zeitgeschichtlicher Kontext ist nötig, wie genau muss die Situation in dem Versteck der Familie und der vier weiteren Bewohner geschildert werden? Regisseur Hans Steinbichler und sein Drehbuchautor Fred Breinersdorfer, der schon die historischen Stoffe „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ und „Elser“ sehr behutsam bearbeitete, haben für ihre Annäherung eine klare Perspektive gewählt: Sie konzentrieren sich vor allem auf den Menschen Anne Frank.

Schicksalsgemeinschaft in großer Enge

Diese Anne ist zunächst ein junges Mädchen, das mit empfindsamer Nachdenklichkeit die Lebensumstände in dem von der Außenwelt abgeschotteten Hinterhaus in der Amsterdamer Prinsengracht beschreibt. Sie ist aber auch die Heranwachsende, die in der mehr als zweijährigen Zeit im Versteck in die Pubertät kommt, mit allen inneren Stimmungsschwankungen, die dazu gehören. Umso älter Anne wird, umso genauer werden die Beobachtungen der Charaktere, die als Schicksalsgemeinschaft in großer Enge miteinander auskommen müssen. Umso selbstgerechter werden aber auch manche Urteile und Kommentare, mit denen sich Anne von den übrigen Bewohnern und insbesondere von ihren Eltern abgrenzt. Es ist vielleicht das größte Verdienst dieses Films, dass er aus Anne Frank keine heilige Visionärin macht, sondern sie eben auch als pubertierendes Mädchen zeigt, das in seiner emotionalen Vehemenz sehr verletzend sein konnte.

Die innere Stimme

Viele der Beschreibungen des Alltags im Versteck übersetzt der Film in eine Handlung, in der die Behäbigkeit der langsam verstreichenden Zeit, aber auch die immerwährende Angst vor der Entdeckung spürbar werden. Bis auf wenige Szenen vor dem Abtauchen in dem Versteck und nach dessen Entdeckung verharrt der Film in seiner Handlung ganz in der Monotonie zwischen Hoffen und Bangen im Hinterhaus. Getragen aber wird er von den Sequenzen, in denen die innere Stimme der Anne Frank zu Wort kommt, wenn sie ihrer imaginären Freundin Kitty ihre Ängste schildert und versucht, auf quälende Fragen nach Recht und Unrecht Antworten zu finden.

Großartige Lea van Acken

Dieser Film wird dem Tagebuch der Anne Frank in vielerlei Hinsicht gerecht. Er ordnet es in den historischen Kontext ein, ohne es damit zu überfrachten. Er zeigt die Lebensumstände in dem Hinterhaus, ohne die Situation unnötig zu dramatisieren. Vor allem aber nähert er sich der Anne Frank, von Lea van Acken großartig gespielt, unvoreingenommen und unmittelbar: Einem heranwachsenden Mädchen von selbstbewusster Sensibilität, das es sich und anderen oft nicht leicht gemacht hat, am Ende aber immer zu einer inneren Zuversicht zurückgefunden hat.


Das Tagebuch der Anne Frank. D 2016. R: Hans Steinbichler. D: Lea van Acken, Martina Gedeck, Stella Kunkat, Ulrich Noethen. Verleih: UPI. 128 Min. FSK ab 12.

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