Posthumer Roman von Siegfried Lenz „Der Überläufer“: Eine literarische Sensation

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Hamburg. Siegfried Lenz als knallharter Kriegsgegner: Sein bislang unbekannter Roman „Der Überläufer“ kommt jetzt in die Läden. Das Buch ist eine literarische Sensation.

Eigentlich sollte „Der Überläufer“, ein 350 Seiten starker Roman, den Siegfried Lenz 1951 geschrieben hatte, erst am 10. März 2016 ausgeliefert werden. Jetzt hat der Hamburger Verlag Hoffmann und Campe den Verkaufsstart vorgezogen. Der Roman wird jetzt bereits in einer Startauflage von 50000 Exemplaren ausgeliefert, sagte Verlagssprecherin Julia Strack in Hamburg. Verleger Daniel Kampa betonte, „die Vorbestellungen des Buchhandels übertreffen unsere Erwartungen“. Alle Voraussetzungen für einen großen Erfolg seien gegeben. Das Manuskript sei im Nachlass des Autors gefunden worden. Hier weiterlesen: Die Deutschstunde für eine ganze Nation - Siegfried Lenz gestorben .

Roman prägt das Lenz-Bild neu

Und das mit Recht. Der Roman prägt nicht nur das Bild des am 7. Oktober 2014 verstorbenen Autors neu, es verändert auch die Einschätzung der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur. Mit Heinrich Bölls erst 1992 aus dem Nachlass edierten Erstling „Der Engel schwieg“ liegt nun mit Lenz´ „Der Überläufer“ ein weiterer Roman vor, der belegt, wie entschieden jene beiden Romanciers, die später mit Günter Grass das beherrschende Dreigestirn der bundesdeutschen Literatur bilden sollten, bereits kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auf das traumatisierende Kriegserlebnis literarisch reagierten. Hier weiterlesen: Siegfried Lenz - Autor für Millionen.

Verlage lehnen ab

Lenz schrieb in seinem Buch, das auf sein Romandebüt „Es waren Habichte in der Luft“ (1951) unmittelbar folgte, die Geschichte des Wehrmachtssoldaten Walter Proska, der die Sinnlosigkeit des Krieges nicht mehr erträgt und desertiert. Böll hatte in seinem 1949/50 verfassten Roman „Der Engel schwieg“ von einem Kriegsheimkehrer erzählt, der in das zerbombte Köln heimkehrt. Beide Bücher verbindet die aus heutiger Sicht beschämenden Reaktionen der Verlage. 1950 lehnte der Verlag Middelhauve den Roman Bölls mit dem Hinweis auf den Publikumsgeschmack ab. Vom Kriegserlebnis wolle kein Leser mehr etwas wissen. Hier weiterlesen: 2015 - ein Kulturjahr der Abschiede .

Ein gefährliches Buch?

Der Hamburger Verlag Hoffmann und Campe reagierte ein Jahr später ganz ähnlich. Damals wollte Hoffmann und Campe den Roman aus Sorge vor der politischen Stimmung im Kalten Krieg nicht drucken. In einem Brief des Verlags an Lenz aus dem Jahre 1952 heißt es: „Ich halte es für äußerst gefährlich, den Roman im bisherigen Zustande zu publizieren. Er würde, was seine „Gesinnung“ betrifft, scharf unter die Lupe genommen werden.“ Und weiter: „Ein solcher Roman hätte 1946 erscheinen können. Heute will es bekanntlich keiner mehr gewesen sein“. Diese Reaktionen machen klar, das in der Adenauer-Ära das offene Gespräch über Kriegserlebnisse, über Gewalt und Schuld unerwünscht war. Hier weiterlesen: Siegfried Lenz´ Romanze „Schweigeminute“.

Worum geht es in „Der Überläufer“?

Siegfried Lenz erzählt in seinem Roman von dem Soldaten Walter Proska, der im Sommer 1944 aus Lyck - dem realen Geburtsort des Autors - an die Ostfront kommt. Auf einem verlorenen Posten erlebt er den sinnlosen Kampf gegen Partisanen, das Sterben seiner Kameraden und die beginnende Liebe zu dem Partisanenmädchen Wanda. Proska und ein Kamerad desertieren zur Roten Armee. Ihr Argument: „Wer kontrolliert denn die Werte der Welt? Du, du allein.“ In der jungen Bundesrepublik war eine solche Aussage offenbar eine Zumutung. Mit der Grundkonstellation seines Buches - der Einzelne reagiert auf eine ausweglose Lage mit einer Gewissensentscheidung - nahm Lenz bereits jenes Thema vorweg, das er später in seinen Erfolgsbüchern „Das Feuerschiff“ (1960) und „Deutschstunde“ (1968) weiter ausarbeiten sollte. Hier weiterlesen: Der Mann im Strom - Siegfried Lenz zum 80. Geburtstag.

Manuskript unter Verschluss

Das Manuskript von „Der Überläufer“ hielt Lenz nach der Ablehnung durch den Verlag bis zu seinem Tod unter Verschluss. Hoffmann und Campe blieb er dennoch ein Leben lang als Autor verbunden. In der Buchausgabe des Romans dokumentieren die Verlagslektoren nun ausführlich die beschämende Reaktion ihres Hauses aus dem Jahr 1951. Immerhin eine späte Ehrenrettung. Siegfried Lenz war mit seinen Büchern ein Leben lang äußerst erfolgreich. Mit der Novelle „Schweigeminute“ landete er noch 2008 einen Bestseller. Mehrere Romane des Autors wurden verfilmt, unter anderem mit Schauspieler Jan Fedder („Großstadtrevier“) in der Hauptrolle. Bei der Trauerfeier für Siegfried Lenz verabschiedete Altbundeskanzler Helmut Schmidt seinen Freund mit einer bewegenden Rede.


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