„Bilder und ihre Geschichte“ Jörg Immendorff: Mauerfall im „Café Deutschland“


Düsseldorf. Wie spiegelt sich Historie in Meisterwerken der Kunst? Die Serie „Bilder und ihre Geschichten“ stellt Beispiele vor. Heute: Jörg Immendorffs „Café Deutschland“.

Als 2001 der Reichstag als Sitz des Deutschen Bundestages mit Bildern und Skulpturen ausgestattet wird, ist ausgerechnet Jörg Immendorff (1945-2007) nicht in der Künstlerauswahl. Dabei malt Immendorff großformatige Bilder von deutscher Teilung, als gerade dieses Thema gar nicht in Mode und der Mauerfall noch fern ist. Sein Zyklus „Café Deutschland“ liefert die Bildchiffre zu einem Land im historischen Wartestand. Kritiker haben Immendorffs 19 Riesentafeln dieser Serie als malerisch grobschlächtig und gestalterisch simpel abgetan. Aber gerade im zeithistorischen Abstand wird deutlich, wie hellsichtig Immendorff eine kollektive Stimmungslage eingefangen hat. Hier weiterlesen: Der Mauerfall und die Kunst - ein Rückblick .

Maler stirbt an ALS

Zuletzt machte der Künstler auf andere Weise Schlagzeilen. Immendorff stirbt mit gerade einmal 61 Jahren an der tückischen Nervenkrankheit ALS (Amyotrophe Lateralsklerose). Seine junge Witwe Oda Jaune muss mit Fälschungsaffären rund um Bilder des Künstlers kämpfen. Immendorff porträtiert zuletzt den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), gestaltet für die Bild-Zeitung eine Bibel. 2003 berichtet das Boulevardblatt von Drogenparties, die der Maler in einem Düsseldorfer Luxushotel mit Prostituierten feiert. Da ist Immendorff schon schwer krank. Zuletzt malen Assistenten seine Bilder. Der Maler sagt: „Jetzt bin ich Dirigent“. Nur noch das. Hier weiterlesen: Nicht nur Immendorff und Oda Jaune - Erfolgsmodell Künstlerpaare .

Bundesadler und Stasi-Spitzel

Er startet als Berserker. Immendorff lernt in der Akademieklasse von Joseph Beuys. Zuvor lässt er sich als Bühnenbildner ausbilden. Auch die „Café Deutschland“-Bilder haben etwas von Bühnenprospekten. Rau und mächtig fallen die Motive der jeweils rund drei Meter breiten und beinahe ebenso hohen Gemälde aus, fast so, als seien sie für die Wahrnehmung auf Distanz konzipiert. Immendorff, als junger Mann bekennender Maoist und begeisterter Anhänger der politisch engagierten Kunst des Italieners Renato Guttuso, gestaltet seinen Bilderzyklus zur deutschen Teilung nach Guttusos „Café Greco“-Gemälden. Wie Guttuso lässt auch Immendorff lauter Prominente auftreten. Der Dissident Robert Havemann hinter Stacheldraht, Erich Honecker und Helmut Schmidt, der abgeschobene Liedermacher Wolf Biermann, dazu Bundesadler und Stasi-Spitzel - Immendorff entwirft das Personal der deutschen Lebenswirklichkeit der siebziger Jahre als Gäste eines Clubs in schummrigem Zwielicht. Hier weiterlesen: Auch Immendorffs Affen unter dem Hammer - Kunst von Helge Achenbach versteigert .

Maler aus Ost und West

Zu den Hauptfiguren gehören Immendorff selbst und sein ostdeutscher Künstlerkollege Penck. Die beiden Maler lernen sich 1976 kennen und bilden sofort ein Zwei-Mann-Kollektiv. Gleich auf der ersten „Café Deutschland“-Tafel reicht Immendorff als Bildfigur seine Hand direkt durch die Mauer. Das ist 1977, fast zeitgleich mit dem Start der Neuen Deutschen Welle, aber glatte sechs Jahre, bevor Udo Lindenberg seinen „Sonderzug nach Pankow“ auf die deutsch-deutsche Reise schickte. Auf der zweiten Tafel sitzt der Maler am Tisch im Vordergrund, vor ihm einige Brocken der Mauer. Auf dem dritten Bild pinseln Immendorff und Penck schließlich einträchtig an einem gemeinsamen Bild. Eines dieser Bilder hätte unbedingt in den Berliner Reichstag gehört. Hier weiterlesen: Im Jahr des Grudngesetzes - Max Beckmanns „Argonauten“.

Düsseldorfer Disco als Vorbild

Die Düsseldorfer Diskothek „Revolution“ liefert dem Maler das Vorbild für sein unwirkliches Café. Immendorff sperrt die Protagonisten beider deutscher Staaten in einen nach vorn steil abstürzenden Kulissenraum. Unter dem Signum von Mauer und Teilung wirkt die deutsche Wirklichkeit auf diesen Bildern vorläufig und zeitentrückt. Immendorff malt gegen die Teilung an, fordert Künstlerkollegen auf: „Behandelt in Euren Werken Fragen des Alltages, Ungerechtigkeiten, die Frage drohender Kriegsgefahr durch zwei imperialistische Mächte“. Seine Bilder verändern daran nichts. Sie wirken heute auch selbst eigenartig entrückt. Aber Immendorffs „Café Deutschland“ bewahrt die Erinnerung an ein Land im Wartestand. Hier weiterlesen: Im Dritten Reich - Felix Nussbaums „Triumph des Todes“.


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