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Podiumsdiskussion zum Friedenspreis Zustimmung für Adonis - und Enttäuschung über ihn

Von Ralf Döring


Osnabrück. Viel Zustimmung hat der syrische Dichter Adonis bei einer Podiumsdiskussion am Vorabend zur Verleihung der Remarque-Friedenspreises erfahren. Einige Zuhörer zeigten sich allerdings bitter enttäuscht: Eine Gruppe aus syrischen Flüchtlingen und deutschen Muslimen.

Viel Zustimmung hat der Dichter Adonis bei einer Podiumsdiskussion am Vorabend zur Verleihung des Remarque-Friedenspreises erfahren. Einige Zuhörer zeigten sich allerdings bitter enttäuscht: eine Gruppe von Kritikern des syrischen Diktators Bashar al-Assad. Weiterlesen: Am Freitag ist der Remarque-Friedenspreis an Adonis verliehen worden

Die drei Gedichte haben sie nicht mehr gehört: Da hatten sie die Schlossaula bereits verlassen. Der Grund war nicht nur Adonis’ fundamentale Kritik am Islam und an der arabischen Welt. Vor allem sahen sie sich missachtet: Außer einem syrischen Assad-Kritiker durfte lediglich noch ein Theologieprofessor Fragen stellen – das Gespräch endete, als der kontroverse Diskurs begann. Denn nach dem Intellektuellen Adonis sollte wenigstens drei kurze Gedichte lang der Dichter Adonis sprechen dürfen, auf Arabisch und, dank des Osnabrücker Schauspielers Thomas Kienast, auch auf Deutsch.

Der Westen im Sperrfeuer von Adonis‘ Kritik

Der größte Teil des Abends hatte dem politischen Menschen Adonis gegolten. Zeit-Literaturredakteurin Iris Radisch befragte den „wichtigsten arabischen Dichter“ zu seinen Positionen zum Islam, zur Lage der arabischen Welt und, natürlich, zu seiner Haltung gegenüber Assad und zur syrischen Opposition. Wahrlich kein Small Talk. Dabei durfte Adonis einmal mehr seine Positionen darlegen: sein Eintreten für den laizistischen Staat und für die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Mehrfach spendet das Publikum dafür Applaus. Weiterlesen: Die Kritik der Adonis-Gegner

Den Westen nimmt Adonis ebenfalls  ins  Sperrfeuer seiner Kritik: Die USA hätten Taliban und Isis „geschaffen“. Eine Einschätzung, die mittlerweile große westliche Kreise teilen, die der Friedenspreis-Laudator und Dritte auf dem Podium, der Nahost-Experte Daniel Gerlach, in ihrer Pauschalität nicht gelten lassen will: Zwar räumt er eine „Ursünde“ der USA ein, besteht aber darauf, dass „viele Mächte dort beigetragen haben“.

„Ich bin nicht gegen Religion“

Und Adonis’ Verhältnis zur syrischen Opposition? „Warum haben Sie die friedliche Revolution in Syrien nicht unterstützt?“, fragt der syrische Assad-Kritiker. „Warum haben Sie sich nicht deutlicher gegen Assads Barbarei ausgesprochen?“, hakt der Theologieprofessor nach. Da antwortet der Dichter Adonis: Er habe getan, was ein Dichter tun könne. Er habe in einem Brief Assad zum Rücktritt aufgefordert, er habe zwei Bücher über den Arabischen Frühling geschrieben. Und angesprochen auf den Islam, unterstreicht er einmal mehr den Vorrang des Individuums, des Muslims vor der Ideologie: „Ich bin nicht gegen Religion“, sagt er, sie sei ein Grundrecht. Auch sei der fundamentalistische Wahabismus, wie ihn Saudi-Arabien praktiziert, „zum Maßstab geworden“ – womit er leider nicht ganz unrecht hat: Nur zu gern setzt die westliche Kritik den Wahabismus mit dem Islam gleich.

Dann holt Adonis die verbale Keule heraus: Der Islam habe sich keine kritischen Fragen gestellt, keine Philosophen wie Habermas oder Heidegger hervorgebracht. Und: „Seien Sie sich klar, dass der Islam eine Religion ohne Kultur ist“ – eine These, die im analogen Fall sicher kein Christ unwidersprochen stehen lassen möchte.


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